Die Daniel Düsentriebs unter den Deutschen werden rar | The European

Daniel Düsentrieb gehen die Ideen aus

Anke Henrich13.11.2021Medien, Wirtschaft

Freie Erfinder stecken Know-how, Zeit und Arbeit in ihre neuen Ideen. Sie bauen Prototypen oder sogar serienreife Produkte. Die Leidenschaftlichen unter ihnen schaffen das ohne die Ausstattung, finanzielle Hilfe und mentale Rückendeckung, die Arbeitnehmer sonst kennen. Und sie sind erfolgreich: Schraubstollen für Fußballschuhe, Kaffeefilter und Spreizdübel haben so ihren Weg in die deutschen Haushalte gefunden. Doch die Daniel Düsentriebs unter den Deutschen werden rar. Von Anke Henrich.

Gehen Deutschland die Idee aus, Quelle: Shutterstock

Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat nachgerechnet: Entfielen im Jahr 2010 noch 10,9 Prozent aller Patente aus Deutschland auf freie Erfinder, so lag deren Anteil im Jahr 2018 bei nur noch 6,5 Prozent. Oder anders ausgedrückt: Die freien Erfinder meldeten 2010 noch 5.300 Patente an, zuletzt waren es nur noch 3.300, konstatieren die Kölner Wissenschaftler. Damit steht fest: Wenn ein Biologe das Geschehen in Deutschland beurteilen sollte, würde er feststellen: Garagentüftler sind eine bedrohte Spezies.

Wie immer, wenn Forscher sich einer Sache gründlich annehmen, leuchten sie das geschehen bis in die letzten Winkel aus. So gibt es auch eine überraschende Nachricht: Männer geben auf, Frauen nicht. 2018 meldeten sie 9,1 Prozent der Neuerfindungen zum Patentschutz an, 2010 waren es nur 6,9 Prozent gewesen. Dennoch ist da noch viel Luft nach oben, meinen die IW-Forscher und das dürfen die Schul- und Studienverantwortlichen als Appell an mehr Engagement für junge Frauen in sogenannten MINT-Fächern verstehen.

Interessant finden die Forscher auch die regionale Verteilung der freien Erfinder. Die drei bevölkerungsreichsten Bundesländer Bayern (24,4 Prozent), Nordrhein-Westfalen (20,7 Prozent) und Baden-Württemberg (18,6 Prozent) vereinen im Jahr 2018 zusammen rund zwei Drittel aller freien Erfindungen.

Gemessen an allen Patentanmeldungen eines Bundeslandes liegt im Jahr 2018 dagegen Sachsen-Anhalt mit einem Anteil von 30,2 Prozent freier Erfinder an der Spitze, gefolgt vom Saarland (23,7 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (21,2 Prozent).

Da bilden Baden-Württemberg und Bayern mit Referenzwerten von 4,2 Prozent bzw. 5 Prozent die Schlusslichter. Das kann laut der Studie daran liegen, dass Männer und Frauen hier vor allem dienstlich tüfteln und testen. In beiden Bundesländern liegen die Patentanmeldungen von Industrieunternehmen weit vorne. Die Freigeister fallen dort nur wenig ins Gewicht. Im Umkehrschluss heißt das: Gerade in strukturschwachen Regionen können freie Erfinder einen besonders wichtigen Beitrag zum Innovationsfortschritt liefern.

Das IW erklärt sich den Schwund freier Erfinder so: Zum einen habe sich der Komplexitätsgrad von Innovationen erhöht. Das mache es für freie Erfinder zunehmend schwerer wird, den notwendigen Neuheitsgrad zu erzielen. Vor allem in der Elektrotechnik und Pharmazie sind Erfindungen die erfolgreiche Arbeit von größeren Forscherteams.

Aber auch die gepriesene Digitalisierung mache es Einzelgängern nicht immer leichter. Als Querschnittstechnologie durchdringt sie immer mehr Bereiche und einzelne Erfinder müssen sehr viele und sehr kleinteilige Patente von Unternehmen beachten.

Zum anderen aber mangele es den Bastlern signifikant an staatlicher Förderung. Die öffentliche Hand habe sich immer mehr aus der Förderung freier Erfinder zurückgezogen. Bereits bei der Anmeldung eines Schutzrechtes müssen neben der eigentlichen Idee auch strategische Überlegungen zu den Aspekten Markt, Technik und Kosten sowie Schutzumfang, Prototypen und Vermarktung angestellt werden. Hier fehle es freien Erfindern – anders als etablierten Unternehmen – oft an Finanzierung, Erfahrung und Marktkenntnissen.

Die Forscher listen ein wahres Sündenregister auf. Bis vor 10 Jahren wurden Beratungs- und Hilfsangebote für freie Erfinder staatlich gefördert. So wurden ab 1994 Erfinderclubs für Erfahrungsaustausch und Knowhow-Transfer aufgebaut. 2011 wurde die Förderung eingestellt. Ein niederschwelliges Programm zur Erstberatung von freien Erfindern („Erfinderfachauskunft“) wurde im Jahr 2004 initiiert und 2013 beendet, ohne dass einer prüfte, was es gebracht hatte. So ging es auch beim InnovationMarket (beendet 2011) und der Innovationsaktion (beendet 2009).

Anders als für Wissenschaft, Unternehmen und Existenzgründer sucht man heute eine technologieoffene Förderung für freie Erfinder in der Förderdatenbank des Bundes vergeblich. Verblieben sind nur die Patentinformationszentren sowie die Erfinderberatung durch Patentanwälte, die bei Patentinformationszentren und Kammern zum Thema Schutzrechte angeboten werden. Deshalb schließen die Wirtschaftsforscher ihre Studie mit einem dringende Appell: Der deutsche Staat sollte das Potenzial seiner freien Erfinder künftig wieder verstärkt heben und deren Förderung wieder ausbauen.

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