Die ewige deutsche Mauer

von Angela Elis27.10.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Noch 1989 behauptete Honecker, die Mauer stünde in 100 Jahren noch. Wäre diese Mauer vor 20 Jahren nicht gefallen, würde die DDR heute noch vor sich hin existieren.

Wer zwanzig Jahre nach dem Mauerfall immer noch trauerklossmäßig herumsitzt und unverdrossen behauptet, früher sei einschließlich des Wetters alles besser gewesen, muss am 9. November einen Staatstrauertag begehen. Denn da ging 1989 die Mauer auf, die früher, als alles noch besser war, extra für solche Typen gebaut worden war: Eine Mauer des Friedens, ein Bollwerk gegen den bösen kapitalistischen Klassenfeind, ein antifaschistischer Schutzwall, der die guten Deutschen von den nicht so guten trennte. Nicht zu vergessen, eine sichtbare Abwehr gegen die Kriegstreiber aus dem anderen Teil des Landes. Wäre diese Mauer vor 20 Jahren nicht gefallen, würde die DDR heute noch vor sich hin existieren. Dann hätte das Bauministerium erfolgreich bewiesen, dass man Ruinen auch ohne Waffen schaffen kann. Und das Politbüro würde in seiner unnachahmlichen Uneinsichtigkeit von Zeit zu Zeit mit Militärparaden den blühenden Sozialismus feiern und demonstrieren, dass man mit SED-Tugenden die Wirklichkeit restlos verdrängen kann. Die Westdeutschen würden nach wie vor die DDR unter den zehn stärksten Industrieländern der Welt vermuten und ab und zu mit Schokolade und Kaffee, bei denen das Verfallsdatum bereits abgelaufen ist, in den Osten zu Besuch kommen. Dann würden sie sich wundern, dass es für Kinder, Alte und Kranke aufgrund der Umweltbelastung Atemmasken gibt, und aufregen darüber, dass für das Baden im Baggersee das Tragen von Schutzanzügen empfohlen wird.

Mauer war eine Mauer war eine Mauer

Mit diesem Blick auf das Vergangene könnte man behaupten: die Mauer war eine Mauer war eine Mauer. Ein massives freistehendes Bauwerk, das eine Stau-, Stütz- oder Schutzfunktion hatte. Allerdings lag die Wahrheit dann sichtbar tot auf der Erde, falls jemand diese Mauer überwinden wollte, also das Bedürfnis hatte, sich das Grauen des Kapitalismus, in dem der Mensch des Menschen Wolf ist, persönlich anzuschauen. Mit solchen Neugierigen wurde ganz kurzer Prozess gemacht. Die Opfer seien bei einem Verkehrsunfall umgekommen, erzählte die Stasi später den Angehörigen. Der ganze Staat hatte eine Pinocchionase. Wenige Wochen vor dem Mauerbau im Sommer 1961 hatte DDR-Chef Ulbricht verkündet, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu bauen. Mit Lügen ging es weiter bis zum Ende. Noch 1989 behauptete Honecker, die Mauer stünde in 100 Jahren noch. Der Rest ist Geschichte, zu der nahezu alles gesagt ist und wahrscheinlich von fast allen. Es sei denn, man dreht eine alte DDR-Parole um: Vorwärts nimmer, rückwärts immer! Dann wachsen wieder Mauern. Nicht nur die in den Herzen und Köpfen. Von Angela Elis gemeinsam mit Michael Jürgs gerade erschienen: „Kreuzweise deutsch“ (Aufbau-Verlag).

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