Wer sich nicht verbiegt, muss auch mit Kritik leben. Björn Böhning

Na, wie geht’s so?

Das Wohlbefinden eines Landes könnte ein wichtiger Indikator dabei sein, wenn wir die Wohlfahrt einer Nation bestimmen wollen. Nicht nur berücksichtigt es sensibler als das BIP die Bedürfnisse der Menschen, sondern es ermöglicht Regierungen auch, langfristig sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

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Dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als einziges Kriterium zur Beurteilung von Wohlstand und Fortschritt eines Landes ungenügend ist, setzt sich als Erkenntnis durch. Die Probleme sind bekannt: Es enthält problematische Werte wie beispielsweise die Umsätze von Tabakverkäufen und beinhaltet keine informellen Wirtschaftsaktivitäten. Der führende neue Indikator, der das BIP ersetzen oder zumindest ergänzen könnte, ist das Wohlbefinden eines Landes. Selbstverständlich hat es Kritiker – diese halten Wohlbefinden aufgrund seiner Subjektivität als zu schwach und vage, um aus politischer Sicht damit arbeiten zu können.

Kritiker übersehen jedoch eine wichtige Tatsache: Jede Handlung von Bürgern eines Landes ergibt sich aus ihrem Geisteszustand, dieser beeinflusst also maßgeblich ihr wirtschaftliches und soziales Handeln.

Schere zwischen Wirtschaftswachstum und dem Wohlbefinden

Seit 2005 misst Gallup das Wohlbefinden der Welt: Jedes Jahr befragen wir eine ausgewählte Gruppe, die 98 Prozent der weltweiten erwachsenen Bevölkerung repräsentiert, zu mehr als 100 Variablen. Die Ergebnisse zeigen, dass Wohlbefinden stark mit dem BIP zusammenhängt. Gehen diese zwei Werte auseinander, zeigen sich wichtige Lektionen – das deutlichste jüngste Beispiel waren die Entwicklungen in Ägypten und Tunesien: In beiden Ländern beurteilten die Menschen ihr Leben als immer schlechter, trotz steigendem Bruttoinlandsprodukt. Zwischen 2005 und 2010 fiel der Prozentsatz der Ägypter, die sich als „sehr gut“ einschätzen von 29 Prozent auf 11 Prozent. In Tunesien nahm diese Variable zwischen 2008 und 2010 von 24 Prozent auf 14 Prozent ab.

Die Schere zwischen Wirtschaftswachstum und dem Wohlbefinden der Bevölkerung zeigt das Risiko, das Regierungen eingehen, wenn sie sich ausschließlich auf das Wirtschaftswachstum fokussieren. Allerdings besitzen oder nutzen nur sehr wenige Regierungsführer auch Informationen über den Geisteszustand ihrer Bürger.

Dabei erlauben Daten zum Wohlbefinden Einblicke in die Denkprozesse von Menschen, bevor sie Entscheidungen treffen. Entscheidungen führen zu Transaktionen, die letztlich das Wirtschaftssystem ausmachen. Politiker, die also lediglich auf der Basis von traditionellen Daten arbeiten, entscheiden nachträglich auf Basis der Ergebnisse dieser Transaktionen.

Der Gallup-Healthways Wellbeing Index interviewt täglich 1.000 Menschen in den USA, sowie 1.000 pro Monat in Großbritannien und Deutschland, um Einblicke in deren Entscheidungsgrundlagen zu erhalten. Funde in Großbritannien zeigen, dass schlechte Arbeitsplätze stark mit dem Auftreten von Depressionen, emotionaler Gesundheit und Häufigkeit sich sportlich zu betätigen zusammenhängen. Die Werte zeigen auch eine Korrelation zwischen Menschen ohne einen sicheren Ort für Sport und deren Anfälligkeit dafür, besorgt oder übergewichtig zu sein.

Regierungen als „Entscheidungsarchitekten“

Einsichten wie diese erlauben es Regierungen, gute Entscheidungen zu fördern, bevor ungewollte Probleme auftreten. Anstatt in die Rolle des Betreuers zu verfallen, der sich nachträglich um die Probleme des Landes kümmert, können sie als „Entscheidungsarchitekten“ die Nation zu einem besseren Lebenswandel bewegen. Krankenversorgung und Soziales sind nur zwei Bereiche, in denen Vorsorge besser ist als Problembewältigung. Die Initiative der britischen Regierung und ihrem Verhaltensforschungsteam könnte als Denkanstoß begriffen werden: Auf der Basis von Verhaltens- und Wirtschaftswissenschaften erarbeiten sie Lösungen für Probleme des Landes, wie beispielsweise steigende Kosten für die Krankenvorsorge. Erkenntnisse zum Wohlbefinden können dabei zu einem wichtigen Werkzeug werden.

Um mehr über Gallups Arbeit zu erfahren, besuchen sie die Webseite zu Gallups-Wellbeing-Studie.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sebastian Sigler, Meinhard Miegel, Daniel Ben-Ami.

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