Hitler sells

Andreas Wirsching15.10.2014Politik

Adolf Hitler hat die Gefahr, sich lächerlich zu machen, stets in Kauf genommen. Wenn wir nur über ihn lachen, fallen wir erneut auf ihn herein.

„Should Germans read Mein Kampf?“, fragte kürzlich die „New York Times“ und kam zu einer überraschend klaren Antwort: Ja. Die Deutschen seien politisch reif und mündig genug, um sich ein eigenständig-kritisches Bild von Hitlers Weltanschauung zu machen; die meisten der zahlreichen Leserzuschriften teilten diese Meinung. Allerdings dürfte der Autor etwas anderes im Blick gehabt haben als das, was in Deutschland gegenwärtig vorherrscht. Der hiesige öffentliche Umgang mit Hitler ist nämlich geprägt von zwei gegensätzlichen Extremen, die beide die kritisch-rationale Auseinandersetzung eher behindern als fördern.

Das eine Extrem entspringt den fortbestehenden Ängsten, im Umgang mit Hitlers Hinterlassenschaft moralisch falsch zu handeln oder politische Fehler zu machen. Zwar erfordert das Thema dauerhaft ein Maximum an geschichtspolitischem Fingerspitzengefühl. Aber die Diskussion um ein sogenanntes „Verbot“ von Hitlers „Mein Kampf“ zeigt, dass entsprechende Ängste neue und ungute Tendenzen zur Tabuisierung hervorbringen können.

Das Buch ist eine der zentralen Quellen zur Geschichte des Nationalsozialismus. Die kritische Beschäftigung mit ihm in irgendeiner Weise verhindern zu wollen, wäre eine kurzsichtige „Deckel-drauf“-Politik. Sie leistete der (Re-)Mystifizierung Hitlers gefährlich Vorschub und könnte den Eindruck suggerieren, Hitler übe auch postmortal eine Art dämonischer Macht aus. Der historischen Einordnung, Kontextualisierung, auch Erklärung seiner Wirkung, würde dies die Spitze abschneiden. Tabuisierung würde daher das Gegenteil einer mündigen Auseinandersetzung bewirken.

Skurrilität, Gewalt und Vernichtung

Das andere Extrem liegt in der exzessiven Präsenz Hitlers in populären Unterhaltungs- und Satireformaten, die das Immergleiche stets neu rekonstruieren. Sie verstärken sich durch die banale Erkenntnis des „Hitler sells“ regelmäßig selbst. Ihre Eignung und Wirkung erscheinen aber problematisch. Tatsächlich besaß das NS-Regime ja einen stark performativ-theatralischen Zug. Hitler, der notorische Versager, fand seinen persönlichen Erfolg erst auf der politischen Bühne eines Münchner Bierkellers. Diesen Erfolg hat er kultiviert und für sich selbst zum entscheidenden Modus seiner Laufbahn gemacht. Die Gefahr der szenischen Störung und der lächerlichen Entgleisung nahm er damit in Kauf.

Tatsächlich gab es solche lächerlichen Entgleisungen _en masse_ im Nationalsozialismus. Dies macht den skurrilen Aspekt Hitlers und des Nationalsozialismus aus. Aber diese Skurrilität verband sich in unlöslicher Weise mit Terror und nackter Gewaltsamkeit. Skurrilität, Gewalt und Vernichtung verschmolzen daher in Hitlers Welt zu einer spezifisch deutschen Ligatur.

Nun ist es einfach, die Skurrilität von der Gewalt zu trennen und zum Gegenstand der Satire zu machen. Hitlers Schnurrbart und Schäferhund, seine Phonetik und Physiognomie eignen sich denkbar gut fürs Amüsement. Aber so brillant sich die Skurrilität des Gegenstandes auch satirisch erfassen lässt, so rasch gerät doch die in ihm liegende, unaufhebbare Gewalt aus dem Blickfeld. Gewalt und Vernichtung sind nicht wirklich satirefähig. Und wenn Kabarettisten, Autoren und Filmemacher große Medienwirksamkeit erzielen, verstärkt dies die Gefahr der Verharmlosung durch Banalisierung. Und allzu rasch drohen Satire und vordergründig spaßhafter Umgang mit Hitler eine intellektuell anstrengendere Beschäftigung mit dem Gegenstand zu ersetzen.

Schließlich suggeriert die Konzentration auf Hitler als Pop-Ikone, das Thema hätte mit der deutschen Gesellschaft nichts zu tun. Und damit verrät der populärsatirische Modus seine innere Verwandtschaft mit der Tabuisierung. Im schlechtesten Fall können daher beide Extreme, die Tabuisierung aus Angst und die kommerziell angetriebene Popkultur das gleiche bewirken: dass ein einerseits mystifizierender, andererseits ein auf das Skurrile beschränkter Hitler-Zentrismus die Dimensionen des NS-Regimes und seiner Verbrechen verkürzt. Damit fiele man weit hinter den erreichten Stand zurück.

Hitler bleibt eine Daueraufgabe

Denn nach mehr als fünfzig Jahren Forschung wissen wir heute sehr gut, dass der Nationalsozialismus nicht einfach mit Hitler erklärt werden kann. Im Gegenteil, jeder Hitler-Zentrismus verschließt den differenzierten historischen Zugang zum Nationalsozialismus. Zugleich erzeugt die Fixierung auf die Person Hitlers eine fälschlich entlastende Wirkung – für die damals Mitlebenden, für die Hunderttausenden Mittäter und die Millionen derer, die das Geschehen billigend in Kauf nahmen, und am Ende daher auch für die heutige deutsche Gesellschaft.

Natürlich wäre die Behauptung vermessen, es könne in Deutschland nur den einen, den „richtigen“ öffentlichen Umgang mit Hitler geben. Aber ein gewisses Maß an aufklärerischem Ernst darf und muss man erwarten. Andernfalls würde Hitler einmal mehr nicht ernst genommen und die pervertiert-verbrecherische Rationalität seiner Weltanschauung verschleiert.

Um jeden Anschein einer gleichsam postmortalen kulturellen Herrschaft Hitlers zu vermeiden, müssen seine Demagogie entziffert, seine Erfolge erklärt und die hinter ihnen stehenden gesellschaftlich-kulturellen Antriebskräfte studiert werden. Dies bleibt für die Deutschen eine Daueraufgabe: in der Wissenschaft, in den Medien und auch in der Politik; und dies ist die Voraussetzung für einen mündigen Umgang mit Hitlers fatalem Erbe.

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