Schmalspuragenda sagt ein Schmalspurpolitiker. Joschka Fischer

Die gescheiterten Welt-Erklärer

Statt Austausch von Wissen und Denken bietet das Feuilleton nur noch Informationen. Wer sinnfreie Unterhaltung will, schaltet besser den Fernseher ein – oder isst ein Nutella-Brot.

Eine Studenten-WG hat schon einige Vorteile. Auch wenn das Nutella-Glas immer schneller leer ist, als einem lieb ist, kann man ab und zu Zeitungen mitlesen, die man selbst nicht mehr abonnieren würde. So landet im Briefkasten seit ein paar Monaten wieder die „Süddeutsche Zeitung“. Wie schon zu früheren Abonnenten-Zeiten schweift mein Blick eher enttäuscht über das Feuilleton und ich trinke lieber schnell meinen Kaffee aus, bevor ich über den bürgerlichen Belanglosigkeiten einschlafe.

„Alle Ressorts haben eine Zukunftsvision entwickelt – bis auf das Feuilleton.“ Als Krystian Woznicki in der „Berliner Gazette“ einen Abgesang auf das Feuilleton schrieb, war ich überrascht, dass man überhaupt noch darüber diskutiert und es nicht einfach abgeschafft hat. Neben dem Studium sah ich das Feuilleton als größte Enttäuschung für meinen geistigen Tatendrang.

Auf viele Fragen keine Antworten

In meinem Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaft hatte ich oft das Gefühl, dass es nur noch um eine Wiedergabe von Lehrstoff und Floskeln geht. Hier ebenso wie im Feuilleton wünschte ich mir stattdessen Austausch von Wissen und Denken. Im Feuilleton der „SZ“ vom 18. September steht u.a.: „Jeder Dorfmullah kann eine Fatwa ausrufen – mit weltweiten Konsequenzen“ oder „Historische Momente lassen sich nicht noch einmal inszenieren.“ Ach nee. Geschichte ist also nicht reproduzierbar und jeder „Dorfmullah“ eine Gefahr für die Welt. Herzlich willkommen in der Eckkneipe mit bürgerlichem Anstrich.

Ich erinnerte mich an Studiums-Diskussionen auf dem gleichen Niveau: „Ich war noch nie auf Twitter, aber glaube auch nicht, dass das wichtig ist.“ (Kommunikationswissenschaft 2007), oder: „Ach, der Markt reguliert sich und braucht keine Kontrollen.“ (Politikwissenschaft 2008, ein halbes Jahr vor der Insolvenz von Lehman Brothers). Zu viele Pauschalsätze von Professoren und Kommilitonen enttäuschten mich. Wo war das eigene Denken, wo das Wissen? Vielleicht haben die Mit-Studenten zu viele Feuilleton-Artikel gelesen?

Auf keinen Fall will ich mich als Superstudent bejubeln. Ich war eher faul, habe wenig gelernt und mich lieber in sozialen Projekten als in der Bibliothek herumgetrieben – aber irgendwo da muss ich wohl auch gelernt haben, dass es dieses Twitter immer noch gibt und der Markt sich nicht selbst reguliert. In meinem Studium stellte ich mir immer mehr Fragen, aber ich wollte sie nicht mehr von Professoren oder Feuilletonisten beantwortet haben.

Thesen und Argumente statt Informationen

Man könnte jetzt sagen, dass ich die Antworten zum Studium vielleicht im Politik- oder Wirtschaftsteil gefunden hätte. Aber in meiner Vorstellung war der Politikteil immer der Ist-Zustand einer Gesellschaft und das Feuilleton der „Kann sein“- oder „So nicht“-Teil einer Zeitung. Wieso wurden Philosophen wie Jürgen Habermas vom Feuilleton und nicht von der Wirtschaftsredaktion hofiert?

Ich will keine Informationen lesen, sondern Thesen und Argumente zur Gesellschaft. Wenn es geht, auch neue Weltbilder – oder wenigstens Kritik an den bestehenden. Sonst herrscht Lethargie: zwischen Theateraufführung und Documenta-Rezensionen, dazu ein paar Allgemeinplätze über die Krise im arabischen Raum und einen ziemlich unbekannten und jetzt verstorbenen Künstler, der aber ganz wichtig war. Es schwingt immer eine gewisse Selbstreferenz einer bürgerlichen Intelligenz mit, die es sich in einem Elfenbeinturm gemütlich gemacht hat. Wegen dieser Identitätslosigkeit und Realitätsferne fordert unter anderen Georg Seeßlen die Abschaffung des Feuilletons: „Im Kulturteil würde man sich dafür schämen, wozu man sich im Wirtschaftsteil anstandslos bekennt; der Sportteil barbarisiert, was das Feuilleton sublimierte, und der politische Teil suggeriert eine Zivilgesellschaft, die in der heimeligen Identitätswärme des Lokalen absentiert ist. Das Feuilleton indes hat nun längst eine andere Funktion übernommen. Es ist auf der einen Seite eine Art Garbage Collection; hier bringt man unter, was in den anderen Ordnungen nicht funktioniert.“

Feuilletonisten drehen sich nur noch um sich selbst. Es gibt keine Außenwirkung und auch keine Einwirkung von außen mehr. Professoren an Unis schreiben Bücher, die ihre Legitimation an einer Uni sichern. Feuilletonisten schreiben Artikel, die ihnen Platz in der Zeitung sichern. Und wen interessiert es wirklich, ob sich zwei Feuilletonisten gegenseitig literarisch umbringen?

Platz für alles, was woanders nicht reinpasst

Wenn ich einen belanglosen Diskurs möchte, kann ich auch den Fernseher anschalten, Polit-Talkshows schauen oder den immer passenden Worten von Richard David Precht zuhören. Dort wird auch viel Mumpitz in die Welt gesetzt, aber wenigstens muss man dafür nicht lange Schachtelsätze mit vielen Fremdwörtern lesen.

Vielleicht hat es das Feuilleton, das ich mir wünsche, nie gegeben. Vielleicht war die F-Abteilung in der Zeitung schon immer der Platz für alles, was woanders nicht hineinpasste, wie Seeßlen schreibt. Aber vielleicht könnten sich die Feuilleton-Redaktionen neu erfinden, wenn sie sich Magazine wie „11Freunde“, das „Missy Magazine“, das „Dummy Magazin“ oder die „Wired“ (eher noch die englische Ausgabe) anschauen würden. Leitartikel aus den Zeitschriften, die sich mit Fußball und Kultur, Popfeminismus oder eben auch dem Internet und all seinen Facetten beschäftigen, möchte ich in täglichen Feuilletons lesen.

Wenn sich das Feuilleton nicht neu erfindet und wieder wichtige, wissenswerte und provokante Texte formuliert, dann braucht die Zeitung es wirklich nicht mehr. Und ich hätte mehr Zeit für Nutella-Brote als den enttäuschenden Blick in die Seiten mit dem großen F.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christoph Kappes, Gunter Reus, Tim Klimeš.

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