Analoges Deutschland

von Andreas T. Sturm30.01.2019Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Die Digitalisierung an Schulen ist essenziell für die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik. Doch die nicht durchdachte Ausführung vielerorts birgt nach Ansicht unseres Autors Andreas T. Sturm Gefahren. Mit drei Thesen plädiert er für eine zielgerichtete und nachhaltige digitale Entwicklung an Schulen.

Chefsache Digitalisierung

Zu Beginn eine kleine Anekdote: Als Lehramtsstudent hatte ich im Jahr 2011 die Gelegenheit, im Unterricht an drei englischen Schulen rund um die Stadt Winchester zu hospitieren. An zwei Schulen war jeder Raum mit Beamern und Whiteboards ausgestattet. Zu Beginn prüfte die Lehrkraft die Anwesenheit am Computer und mit einem Knopfdruck bekamen die Eltern der fehlenden Kinder eine Benachrichtigung per E-Mail. »Sehr fortschrittlich,« dachte ich mir. Doch der Unterricht bestand in den meisten Fächern aus durchgängigen Power-Point-Präsentationen. Die deutliche Mehrheit der Lehrkräfte hatte für eine Unterrichtsstunde ca. 20-30 Folien. Die Schüler konnten den Unterricht praktisch mitlesen, während das Vorlesen der Lehrer von den Folien an einen Karaoke-Auftritt erinnerte.

Hierzulande ist die Digitalisierung an Schulen längst in aller Munde. Die Streitigkeiten um den »Digitalpakt« stellen nicht die Notwendigkeit der Digitalisierung in Frage, es geht lediglich um die Fragestellung, in welchem Rahmen die finanzielle Unterstützung des Bundes bereitgestellt wird. Da Bildung Länderhoheit ist, wollte der Bund die fünf Milliarden Fördermittel des »Digitalpakts« nur zur Verfügung stellen, wenn eine Grundgesetzänderung die Einflussnahme des Bundes in die Kulturhoheit der Länder in Zukunft möglich macht. Der Bundesrat lehnte diese Initiative ab, da es auch möglich sei über andere Wege das Geld an die Bundesländer zu verteilen, ohne das »Kooperationsverbot« weiter zu lockern und damit langfristig in die Kulturhoheit der Länder einzugreifen. Darüber hinaus sollen die Länder die Hälfte des Betrags aus eigenen Mitteln finanzieren, gerade für weniger finanzstarke Bundesländer ist dies eine große Belastung.

These 1

Teure Symbolpolitik ohne Nachhaltigkeit ist fahrlässig

In der Bildungspolitik gab es immer schon Projekte, bei denen nicht Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit, sondern Wählerakquise und Applaus der Wählerklientel im Vordergrund stehen. Dazu gehören beispielsweise die Einführung der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg (von Gegnern »Einheitsschule« genannt) oder die Pläne zur Abschaffung des Gymnasiums.

Die Digitalisierungsbestrebungen an Schulen haben das Potential ein weiteres Beispiel teurer Symbolpolitik zu werden und für ein böses Erwachen zu sorgen.

Die vom Bund beabsichtigten fünf Milliarden sind ein guter Beitrag, aber bei Weitem nicht der notwendige Betrag, um alle Schulen umfangreich zu versorgen. Es genügt nicht, die Anschaffungskosten alleine zu berücksichtigen, denn die Instandhaltungskosten werden nach wenigen Jahren für einen enormen Investitionsstau sorgen. Es gibt Bestrebungen, jedes Klassenzimmer mit Whiteboard und Beamer auszustatten. Zu dem Betrag von über 1000€ kommen in regelmäßigen Abständen die teuren Beamerlampen. Laptopklassen würden für einen finanziellen Aufwand sorgen, der kaum zu bewältigen ist.

Ähnlich wie bei der Rechtschreibereform haben auch hier Firmen ein finanzielles Interesse die Digitalisierung entsprechend ihres Unternehmensportfolios mitzugestalten.

Mein Lösungsvorschlag: Das Geld sollte nicht mit dem Gießkannenprinzip verteilt werden. Die notwendige Grundausstattung ist, natürlich unter Gewährleistung der Instandhaltung, unbedingt einzurichten. Weitere Gelder sind auf Projektbasis zu verteilen. Dies hat den Vorteil, dass Schulen sich im Vorfeld Gedanken über Anschaffungen machen müssen und somit die einzelnen Projekte besser durchdacht werden. Dabei wäre es erstrebenswert, für mehr Wettbewerb bei den Hardwareherstellern zu sorgen. Die Devise heißt also: Erst planen und dann ausgeben – und zwar zielgerichtet, sinnvoll und nachhaltig.

These 2

Die Entwicklungsschritte der Schüler müssen berücksichtigt werden

Die FPD zog mit dem markanten Slogan »Digitalisierung first – Bedenken second« in den Bundestagswahlkampf 2017. Wenn es um die Ausbildung von Schülerinnen und Schülern geht, so sollte man dennoch die Bedenken von Bildungsforschern, Psychologen und Neurologen ernst nehmen. Die Hirnforschung hat festgestellt, dass das Schreiben am besten durch die Handschrift gelernt wird. Gegen diese Erkenntnisse gibt es in der Fachwelt ebenso wenig ernstzunehmenden Widerspruch als zu der Tatsache, dass handgeschriebene Texte besser im Gedächtnis haften bleiben. Der Wunschtraum der Schüler (und Lehrkräfte), dass alle Tafelbilder und Anschriebe nach der Stunde per E-Mail an die Klasse verschickt werden, gehört allerdings in die Kategorie »kopiert ist nicht kapiert.«

Aktuelle Studien zu den Auswirkungen des Internets und digitaler Lektüre sind besorgniserregend: Menschen gewöhnen sich an die Art und Weise der Informationsaufnahme, wie sie sie durch das Internet kennen. Das bedeutet nicht nur eine Überfrachtung von Informationen, sondern auch ein selektives und überfliegendes Lesen bei deutlich kürzeren Texten. Als Folge davon nimmt die Konzentrationsfähigkeit ab, kurzum: Die Fähigkeit lange, komplexe Texte zu lesen verringert sich.

Eine prägnante Zusammenfassung der Ergebnisse der Gehirnforschung ist Manfred Spitzers »Digitale Demenz: Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen« (Droemer, 2014). Um wettbewerbsfähig zu sein, müssen deutsche Schüler und Studenten im digitalen Zeitalter auf der Höhe der Zeit sein. Dennoch sollten sie Grundfertigkeiten wie konzentriertes und kontemplatives Lesen beherrschen, ansonsten ist es eine gefährlich dünne Grundlage, auf die wir unsere digitalisierte Gesellschaft bauen.

Der Lösungsvorschlag lautet zu prüfen, wo digitale Lernformen behilflich sind und wo sie schaden. Digitales sollte Unterstützung zum Lernen sein und kein Selbstzweck. Kultusministerien sind schon den Schritt weg von den Lehrplänen hin zu den kompetenzorientierten Kerncurricula gegangen. Hier könnte durchaus neben den Kompetenzen wie »Leseverstehen« oder »Hörverstehen« auch eine digitale Kompetenz an sinnvollen Stellen im Lehrplan festgehalten werden. Beispielsweise gehören bei der Erstellung von Geschäftsbriefen oder Lebensläufen der Umgang mit einer Textverarbeitungssoftware wie Word mindestens genauso zu den Grundfertigkeiten wie »Ausdruck« und »Inhalt.«

An dieser Stelle sei erwähnt, dass die moderate Benutzung des Internets durchaus auch positive Auswirkungen haben kann. Der walisische Linguist David Crystal argumentiert sogar, dass frühere Generationen weitaus weniger Text produzierten und das Sprachzentrum im Gehirn selbst durch Abkürzungen in SMS und Chats trainiert wird. Wie so oft gilt auch hier: Auf die Dosis kommt es an.

These 3

Keine Digitalisierung ohne Lehrerbildung

Der Umgang mit digitalen Medien findet kaum einen ernstzunehmenden Platz in der Lehrerausbildung. Zwar hat nahezu jedes Studienseminar und jede Hochschule innovativ klingende Veranstaltungen auf dem Lehrplan, doch was dort vermittelt wird ist an Schulen kaum brauchbar. In der Schule selbst reicht die Spannweite über den innovativen Lehrer zum Whiteboard-Anfänger bis hin zum totalen Technikverweigerer. Sowohl ein didaktisch durcharbeitetes Konzept zur Lehrerbildung während des Referendariats als auch ein umfangreiches Angebot für Lehrer im Schuldienst ist notwendig. Die meisten Angebote zu Weiterbildungen kommen nämlich von Schulbuchverlagen, die nur ihre Materialien verkaufen wollen.

Ausblick

Um meine Anekdote vom Beginn aufzugreifen: Eine der Schulen stellte eine spannende Ausnahme im Power-Point-Dschungel dar: Das renommierte Winchester College. Dort gab es einen Computerraum für den zielgerichteten Einsatz von Computern. Rund 40% der Absolventen des Winchester College besuchen anschließend die Universitäten in Oxford, Cambridge oder eine der renommierten Ivy League Universitäten in den USA. So kann es auch gehen. Ich habe die Befürchtung, dass die wichtigen Faktoren wie kleinere Klassen durch die teure Symbolpolitik des Digitalpakts übertüncht werden. Was nützt die beste Ausstattung, wenn durch zu große Klassen kaum ein akzeptables Unterrichtsklima erreicht werden kann? Eine Laptop-Klasse mit 22 Schülern arbeitet effektiver als eine Laptop-Klasse mit 32 Schülern, in der kaum ein geordneter Unterricht möglich ist.

Ohne Zweifel brauchen wir mehr Digitalisierung an den Schulen, allerdings kann nicht alles Notwendige durch mehr Technik vermittelt werden. Im Gegenteil: Die digitale Entwicklung in Deutschland muss zielgerichtet, sinnvoll und nachhaltig sein. Nur dann bietet die Digitalisierung einen Mehrwert und ist kein Pseudo-Vorhaben, um in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, man würde etwas für die Bildung im Land tun. Die Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein, sondern sie muss adäquat auf die Bedürfnisse in der Schule und auf die spätere Lebenswelt abgestimmt sein.

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