Fahrenheit 11/9

von Andreas T. Sturm27.09.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

Am vergangenen Wochenende feierte »Fahrenheit 11/9«, die Dokumentation des linksliberalen US-amerikanischen Filmregisseurs Michael Moore, Premiere in den Vereinigten Staaten. Unser Autor Andreas T. Sturm rezensiert die Abrechnung mit dem »bösen Genie«, wie der Filmemacher Donald Trump nennt

Während die Abrechnung Moores mit der Regierung von George W. Bush aus dem Jahr 2004 den Titel »Fahrenheit 9/11« trägt, ist »Fahrenheit 11/9« eine Anspielung auf den Tag, an dem Donald Trumps Wahlsieg verkündet wurde (am 9. November, ein Tag nach der Wahl). Beide Titel sind angelehnt an Ray Bradburys dystopischen Roman »Fahrenheit 451« (1953), der von François Truffaut verfilmt wurde (1966). In Bradburys Roman manipuliert ein autoritäres Regime die eigene Bevölkerung und hält sie durch die Verbrennung von Büchern unmündig, während sie durch Drogen und allgegenwärtige TV-Bildschirme unterhalten wird.

Der Autor des Bestsellers »Stupid White Man« oder der Dokumentation »Bowling for Columbine« wirft in seiner Dokumentation die Frage auf, wie es dazu kommen konnte, dass Donald Trump als Präsident gewählt wurde. Moore gehörte zu den wenigen Trump-Kritikern, die im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen fest davon überzeugt waren, dass der umstrittene Kandidat gewinnen wird. Im Juli 2016 veröffentlichte Michael Moore »5 reasons why Trump will win«. In typischer Moore-Manier zeigt der Regisseur in seiner neuen Dokumentation entscheidende Momente der bisherigen Trump-Präsidentschaft und führt zahlreiche Gespräche mit Trump-Befürwortern und Kritikern.

Michael Moores Dokumentationen sind polemisch, sarkastisch und bitterböse. Die Berichterstattung des politischen Aktivisten Moore ist einseitig, ohne den Anspruch beide Seiten zu beleuchten. Der linksliberale Regisseur will provozieren und aufrütteln. Er ist der Held der politischen Linken und Hassfigur der Rechten. Zu Moores einseitiger Berichterstattung gehört, dass er wesentliche Fakten verschweigt oder andere selbst dazu erfindet (während er ein starker Kritiker der Fake News ist). Das ist wahrlich sehr umstritten und ruft starke Kritik hervor. »Weniger« könnte sich auch in diesem Fall als »mehr« erweisen. Christopher Hitchens warf dem Filmemacher beispielsweise in seiner Rezension zu »Fahrenheit 9/11« mit dem Titel »Unfairenheit 9/11: The lies of Michael Moore« Verlogenheit und Demagogie vor und rückte ihn in die Nähe von strittigen Propagandafilmern wie Leni Riefenstahl. Michael Moores große Fangemeinde hingegen liebt seinen Humor und die Fähigkeit seine politischen Anliegen, wie das Waffenverbot oder die Kritik am amerikanischen Gesundheitssystem pointiert darzustellen. Gilt hier der Grundsatz »Der Zweck heiligt die Mittel«? Zugegeben, für einen großen Teil der US-Amerikaner mag es im internationalen Vergleich wenig Positives am amerikanischen Gesundheitssystem und Waffenrecht geben.

In »Fahrenheit 11/9« zeigen sich die Frontlinien erneut deutlich: Applaus der politischen Linken, starke Zurückweisung der Rechten. Entgegen der meisten Trump-Kritiker erklärt Moore den Präsidenten aber nicht für komplett unfähig. Im Gegenteil, für ihn ist Trump das »böse Genie«. Nach Moores Einschätzung soll der Präsident selbst für die undichten Stellen im Weißen Haus verantwortlich sein. Trump oder einer seiner Berater soll beispielsweise den Artikel für die New York Times geschrieben haben, in dem berichtet wird, dass hochrangige Regierungsmitglieder Trumps Arbeit entgegenwirken und ihn gleichzeitig immer unter Kontrolle haben – eines der vielen Ablenkungsmanöver Trumps? Diese Behauptung mag abenteuerlich sein, doch sie passt in Moores Bild von Trump, der sich keine Mühe gibt seine schlechten Seiten zu verdecken, sondern sich darum bemüht, dass ihn die Leute trotz allem mögen. Da Michael Moore Ratschläge gibt, wie sich Amerika aus der misslichen Lage befreien kann, geht der Film über eine bloße Zustandsbeschreibung hinaus. Alles in allem dürfte dies Moores unterhaltsamste Dokumentation seit Jahren sein.

Übrigens: schlechte Nachrichten für alle Trump-Gegner. Michael Moore sagt auch einen Trump-Sieg im Jahr 2020 voraus. »Fahrenheit 11/9« sorgt auf jeden Fall für unterhaltsame und diskussionswürdige 125 Minuten, sechs Wochen vor den wichtigen Midterm-Elections ist dies ein geschickter Zeitpunkt für die Premiere. Falls der Film an den amerikanischen Kinokassen erfolgreich ist, werden Sie vielleicht in Kürze selbst entscheiden können, ob Michael Moore ein Hetzer oder ein Heilsbringer ist. Unterhaltsam ist der Oscarpreisträger allemal. Seine mystische Seite scheint Moore auch entdeckt zu haben, so nennt er Trump im Trailer »Den letzten Präsident der Vereinigten Staaten«. In jedem Fall sorgt Moore mit seinen Filmen für Diskussionsstoff und hält die US-Politik auf Trab.

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