Kino im Kopf braucht keine Hintergrundbeleuchtung. Guido Walter

#MeTwo attackiert Lehrer

Die Özil-Debatte hat eine Diskussion über Alltagsrassismus entfacht, unter #MeTwo schildern Betroffene ihre Erlebnisse. In diesem Kontext wurden einige Artikel veröffentlicht, wie zum Beispiel »Wenn Lehrer zu Rassisten werden« auf Spiegel-Online. Unser Autor Andreas T. Sturm mahnt zu einer differenzierten Debatte und wendet sich gegen eine pauschale Verurteilung einer ganzen Berufsgruppe.

Lehrer unter Generalverdacht

Die Intention der #MeTwo-Debatte ist lobenswert. Einige Artikel zum Thema »Rassismus in der Schule« arbeiten mit scharfen Schlagzeilen, sie sind aber wohl weniger an einer ernsthaften, differenzierten und lösungsorientierten Diskussion interessiert. Obwohl Rassismus ein schwerer Vorwurf ist, der einem Pädagogen die berufliche Integrität abspricht, geht er in dieser Debatte allzu leicht über die Lippen. Rassismus ist eine menschenverachtende Gesinnung, nicht zu verwechseln mit einer unterbewussten Fehlzuordnung von Eigenschaften, die nicht passieren darf und deshalb mit präventiven Methoden in der Lehrerausbildung thematisiert wird (z.B. anonymisierten Korrekturen). Der Spiegel-Artikel argumentiert mit Hinblick auf den negativen Effekt mache es keinen Unterschied, ob der Lehrer einem Grundschüler sagt, dass er es nicht auf dem Gymnasium schaffe, oder, dass er sich auf der Hauptschule wohler fühlen würde. Statt dem betroffenen Schüler zu vermitteln, dass man ihm das Gymnasium nicht zutraue sollten Lehrer sich fragen, ob der betroffene Schüler wirklich nur nach Leistung beurteilt wurde. Die Spiegel-Autorin impliziert, dass Diskriminierung mit im Spiel sei. Das Beispiel ist höchst problematisch. Gilt das auch für Schüler ohne Migrationshintergrund? Etwa wenn kein Elternteil ein Gymnasium besucht hat? Ungleichheit hat viele Gestalten. Was aber, wenn für den Schüler nach seinem Leistungsvermögen die Hauptschule tatsächlich die passendste Schulform ist?

Es gibt sicherlich Lehrer mit zweifelhaften pädagogischen Methoden, jeder dürfte diese Erfahrung schon gemacht haben. Es ist mir ein Anliegen, das Dilemma für Lehrer darzustellen und ernsthaft konstruktive Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Widersprüchliche Studien

Laut des Spiegel-Artikels wurden in einer Studie der Universität Mannheim Schüler mit türkischem Namen schlechter benotet. Ursache dafür ist der umgekehrte Halo-Effekt. Der Halo-Effekt (Heiligenschein-Effekt) führt dazu, dass ein Name, der positive Assoziationen weckt, besser bewertet wird. Dieses Phänomen, als Beurteilungsfehler durch kognitive Verzerrung, ist bekannt und bereits ein wesentlicher Gegenstand der Lehrerausbildung. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, im gleichen Spiegel-Artikel zitiert, konnte keinen Zusammengang zwischen der Gymnasialempfehlung für Kinder mit oder ohne Migrationshintergrund feststellen. Studien im Bildungsbereich sind oftmals widersprüchlich und schwer verwertbar.

Das Dilemma der Ungleichheit

Die Spiegel-Autorin rät Lehrer besser in Heterogenität zu schulen. Lehrer müssen sich fortwährend weiterbilden. Der Vorwurf, dass Lehrer sich nicht mit Heterogenität auseinandersetzen ist falsch, bei Unterrichtsentwürfen während des Referendariats, für die Verbeamtung oder für Beförderungsstellen, erfolgt bei der Lerngruppenbeschreibung eine genaue Analyse der Ungleichheitsfaktoren nach Geschlecht, kommunikativen und fachlichen Fähigkeiten und Inklusion, schließlich muss ein Lehrer erklären, welche didaktischen und methodischen Schlussfolgerungen er aus der Klassenzusammensetzung zieht. Derweil wird die Heterogenität im Klassenzimmer immer größer, genauso wie die Erwartungshaltung der Eltern und der Politik, dass die Quote der Abiturienten noch weiter steigen muss.

Die vier Kriterien der Ungleichheit nach Bourdieu

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu argumentiert, dass sich soziale Ungleichheit an vier Kriterien festmachen lässt: dem ökonomischen Kapital, dem kulturellen Kapital, dem sozialen Kapital und dem symbolischen Kapital. Diese Unterscheidung veranschaulicht die Komplexität der Auseinandersetzung. Ein Schüler, der von seinen Eltern in die Oper und ins Theater mitgenommen wird, hat im Deutsch-und Musikunterricht Vorteile. Meine Pädagogikausbilder predigten, dass das unfair sei und das außerhalb der Schule erworbene kulturelle Kapital nicht bewertet werden dürfe. Das ist realitätsfern und in der Praxis nicht machbar, zeigt aber in welchem Spannungsverhältnis Lehrer sich bewegen.

Die Leistungsbewertung nur Spitze des Eisbergs

Die Leistungsbewertung und die Grundschulempfehlung ist bei der Ungleichheitsdebatte nur die Spitze des Eisbergs. Einem Kind mit Migrationshintergrund ist nicht geholfen, wenn es leistungsschwach ist und am Gymnasium in eine Überforderungssituation gerät. Die Leistungsbewertung ist immer umstritten, professionelle Methoden sorgen aber für Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Die Erfahrung zeigt, dass es bei schriftlichen und mündlichen Abiturprüfungen mit Erwartungshorizont und Bewertungskriterienkatalog relativ wenig Abweichung gibt.
Tatsächlich liegt die Ursache für Ungleichheitsmerkmale tiefer. Mangelhafte Deutschkenntnisse treten sowohl bei Kindern mit als auch ohne Migrationshintergrund auf, in beiden Fällen ist es als Lehrer eine wesentliche Aufgabe eine sachliche, kompetente und zielführende Lösung zu finden. An meiner Schule gibt es beispielsweise Förderplangespräche, bei denen Schülerinnen und Schüler mit ihrem Fachlehrer und der Schulleitung einen individuellen Lernplan mit Zielvorgaben und Kontrollmechanismen erarbeiten. Es kommt dabei auf die Lehrerpersönlichkeit an, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, um Leistungsdefizite bei Elterngesprächen konstruktiv anzusprechen. Die Wertschätzung des Schülers muss dabei immer im Vordergrund stehen. Doch wie soll eine vertrauensvolle Atmosphäre hergestellt werden, wenn propagiert wird, dass die Leistungsbewertung unterschwelliger Rassismus sei?

Ungleichheit gibt es aber auf ganz anderen Gebieten, es gibt Studien, die besagen, dass Mädchen im Deutschunterricht leistungsstärker sind, weil sie in ihrer Freizeit mehr lesen, Jungen dafür in Fächern wie Chemie und Physik, weil die experimentell-forschende Herangehensweise eher den Peer-Group-Aktivitäten entspreche. Es ist zielführend Gründe für Ungleichheit zu analysieren und daran zu arbeiten, anstatt pauschal Diskriminierung zu unterstellen. An meiner Schule gibt es beispielsweise das Projekt IT-Girls, in dem Schülerinnen der 5. und 6. Klasse die Grundlagen der Programmiersprache lernen. Ein positiver Ansatz kann Wunder bewirken.

Konstruktive Lösungsvorschläge

Ungleichheit ist kein Mangel, es ist vollkommen natürlich, dass Menschen unterschiedliche Eigenschaften und Begabungen haben. Es ist aber die Aufgabe der Schule allen Kindern möglichst gleiche Chancen einzuräumen, indem es Angebote gibt, in welchen die Schülerinnen und Schüler ihre Fähigkeiten einsetzen und weiterentwickeln können. Wahlfächer und Neigungsfächer sind ein Schritt in die richtige Richtung. Das ist erneut ein Spannungsverhältnis, denn die Allgemeine Hochschulreife ist durch eine allgemeine, breite Bildung geprägt, die in den verschiedenen Unterrichtsfächern vermittelt wird.

Individuelle Förderung und Differenzierung sind die Schlagwörter. Leider sind politische Maßnahmen meist nur Symbolpolitik, es ist relativ leicht eine neue Schulform zu gründen. Die Maßnahmen, die wirklich Veränderungen herbeiführen sind simpel – aber teuer. In einem Klassenzimmer mit knapp 30 Schülerinnen und Schülern ist eine individuelle Förderung nur schwer möglich. Kleinere Klassen, mehr Wahlfachunterricht, Differenzierung und eine zweite Lehrkraft in bestimmten Fächern, würden auf lange Sicht starke Veränderungen herbeiführen. Was nützt ein noch stärkerer Fokus auf Heterogenität, wenn die Rahmenbedingungen an der Schule und der Schulalltag kaum die Möglichkeit bieten, dieses Wissen anzuwenden? Die optionale Nachmittagsbetreuung oder Ganztagsschule ist sicher hilfreich für Schüler, die zu Hause kein optimales Lernumfeld haben. Schule muss Schülerinnen und Schüler mit einem ganzheitlichen Ansatz fördern und ein Umfeld bieten, in dem sie sich S entfalten und ihre Stärken fördern können.

Professionelle Lehrerarbeit gegen Beurteilungsfehler

Niemand ist frei von Vorurteilen, die Spiegel-Autorin auch nicht, wie der aufmerksame Leser merkt. Professionelle Lehrer verfügen über unterschiedliche Möglichkeiten mit Situationen der Ungleichheit umzugehen, indem sie unterbewusste Bewertungsfehler und Fehlzuordnungen, wie den Halo-Effekt, erkennen und vermeiden. Die Reflexion der eigenen Unterrichtsstunden, Team-Teaching (gegenseitiger Unterrichtsbesuch und Besprechung mit Kolleginnen und Kollegen), anonymisierte Korrekturverfahren, Erwartungshorizonte und Kriterienkataloge für die Leistungsbewertung sind einige wirkungsvolle Methoden.

Ausblick

Bei diesem emotionalen Thema ist mir eine sachliche Ebene wichtig. Die Gefahr von Rassismus in der Schule darf genauso wenig verharmlost werden, wie es sich nicht gehört die Lehrerschaft unter den Generalverdacht des Rassismus zu stellen. Wegen einiger schwarzer Schafe, sollte nicht die professionelle und aufopferungsvolle Arbeit von der Mehrheit der Lehrer in Frage gestellt werden. Eine solche Pauschalunterstellung gegenüber Lehrern ist eine ebenso große Diffamierung. Interessanterweise werden gerade die beiden größten Investoren für Präventionsarbeit gegen Rassismus am Stärksten mit Rassismusvorwürfen konfrontiert: der DFB und die Schulen. Ein Projekt wie »Schule gegen Rassismus« ist mit über 2500 teilnehmenden Schulen und 1,5 Millionen Schülerinnen und Schülern sehr erfolgreich. Ich warne davor, Lehrerinnen und Lehrer mit pauschalen Verurteilungen zu diskreditieren und die Stimmung mit einem Generalverdacht gegenüber Lehrern aufzuheizen und die Komplexität des Bildungsbetriebs zu unterschätzen. An der Schule tritt die Spitze des Eisbergs zu Tage, es liegt an der Politik, der Gesellschaft, den Eltern und den Lehrerinnen und Lehrern gemeinsam die Ursachen zu bekämpfen. Im Fußball würde man jetzt sagen »Ein Tor würde dem Spiel jetzt gut tun«, ich denke »Der Debatte würde eine verbale Abrüstung gut tun.« Konzentrieren wir uns auf die Ursachen der Ungleichheit und Maßnahmen dagegen, ich befürchte nämlich, dass auch diese Hashtag-Debatte bald vorbei sein wird und die verzweifelten Rufe der Lehrer nach kleineren Klassen, mehr Betreuungsmöglichkeiten und mehr Geld für die Infrastruktur ungehört bleiben werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Andreas Törgel, Peter Langman, Klaus Hurrelmann.

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