Formel 1 sollte ihre Seele nicht verkaufen

Andreas T. Sturm21.07.2018Sport

In den letzten Jahren gab es einige Hiobsbotschaften für die badische Rennstrecke in Hockenheim: sinkende Zuschauerzahlen, immer höhere Geldforderungen der Formel 1-Bosse, unklare Zukunftsaussichten.

Nachdem Bernie Ecclestone eine Verkürzung der Strecke forderte und mit einem Weggang des Formel 1-Zirkuses drohte, wurde der Kurs von knapp 7km auf 4,5km verkürzt. Der beliebte Streckenabschnitt im Wald fiel weg, denn das Rennwochenende musste rentabler werden: mehr Runden, mehr Werbung, mehr Zuschauer. Aber nicht mehr Rennen. Nach dem 60 Millionen teuren Umbau im Jahr 2002, wurde der Große Preis von Deutschland ab 2008 abwechselnd mit dem Nürburgring ausgerichtet (dem früheren Großen Preis von Europa). Nachdem vor fünf Jahren das letzte F1-Rennen auf dem Nürburgring ausgetragen wurde, gibt es auch vorerst in Hockenheim keinen Großen Preis von Deutschland mehr, der Hockenheimring erhält keinen Vertrag für das nächste Jahr.

Doch nun positive Nachrichten aus Hockenheim: Zum Großen Preis von Deutschland sollen Zusatztribünen aufgestellt werden. Nach mäßigen Zuschauerzahlen der letzten Jahre zwischen 50.000 und 60.000 (bei 60.000 steht die schwarze Null), gibt es dieses Jahr ein größeres Interesse.

Wenn das Interesse an Motorsport am Hockenheimring zurückgehen würde, könnte man den Abschied der Formel 1 verstehen, doch das Gegenteil ist der Fall. Das Eröffnungsrennen und das Saisonabschlussrennen der DTM (Deutsche Tourenwagenmeisterschaft) finden traditionell in Hockenheim statt. 152.000 Besucher kamen zum Fanfestival des DTM-Finales 2017, ansonsten sind die Zuschauerzahlen der DTM doppelt so hoch wie bei der Formel 1.
Das NitrolympX, ein jährlich stattfindendes Drag-Racing Hochgeschwindigkeitsrennen, ist mit 50.000 Zuschauern die größte Veranstaltung ihrer Art, außerhalb der USA.

Die Gründe dafür, dass alle Motorsportveranstaltungen am Hockenheimring Zuschauermagnete sind und nur die Formel 1 mit einer sinkenden Zahl an Besuchern zu kämpfen hat, sind offensichtlich: die Formel 1-Tickets sind teuer, ein Wochenende kostet gut und gerne zwischen 400 und 500 Euro. Die Fans sind bei der DTM näher am Geschehen, es gibt mehr Veranstaltungen für die Fans rund um den Ring, die DTM ist zum Anfassen nahe. Für ein Ticket mit dem Zutritt ins Fahrerlager zahlen DTM-Fans je nach Sitzplatz zwischen 55€ und 89€.

Das muss den Formel 1-Bossen zu denken geben. Wüstenstädte, Millionenmetropolen und Nachtrennen locken, doch die Traditionsstrecken und viele eingefleischte Fans bleiben sprichwörtlich »auf der Strecke«. Die Strategie der DTM und anderer erfolgreicher Motorsportveranstaltungen zeigt, dass vernünftige Preise und ein ansprechendes Rahmenprogramm Zuschauermagnete sind. Am Hockenheimring gibt es Motorsport mit Herz und Leidenschaft, das sollten die Formel 1-Bosse nicht gegen Scheich-Millionen und leere Rängen in der Wüste eintauschen, sonst verliert die Formel 1 ihre Seele. Strecken wie Hockenheim, Silverstone und Monza gehören zur DNA der Formel 1. An Traditionsstrecken festhalten bedeutet nicht zwangsläufig wenig Gewinn, wie die DTM durch ihre fanfreundlichen Angebote zeigt. Dafür muss man aber weiter denken, als nur bis zum nächsten hochdotierten Sponsorenvertrag. Es ist imponierend, was die Verantwortlichen des Hockenheimrings in dieser seit Jahren schwierigen Situation mit ihren vergleichsweise wenigen Ressourcen geschafft haben. Konzertereignisse wie die Rolling Stones, AC/DC, Andreas Gabalier, die Böhsen Onkelz und Festivals ergänzen das Motorsportangebot. Mit dem neu geplanten Porsche Experience Center gibt es ein neues Highlight am Hockenheimring. Es wäre allerdings für die Formel 1, die deutschen Fans und die Region rund um Hockenheim schade, wenn die Rennstrecke die Rennserie verliert, die sie international berühmt gemacht hat.

Keine Sportart sollte sich vor Neuem verschließen, der Sport profitiert von neuen Ideen und Impulsen. Doch langfristig rächt es sich, wenn Tradition und Leidenschaft der Profitgier und dem Kommerz weichen müssen. Und das ist weiß Gott nicht nur in der Formel 1 so.

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