Einen gerechten Krieg gibt es nicht. Robert Sedlatzek-Müller

Theresa May ist eine tragische Figur

Theresa May blieb sich selbst nicht treu, sie gehörte 2016 dem Remain-Lager an, weil sie überzeugt war, dass ein Verbleib im Euroraum Vorteile bringt. Das ist ihre persönliche Tragödie und eine Tragödie für das Land welches sie regiert, meint Andreas Sturm.

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Viele Journalisten werfen mit Superlativen um sich, so sei der Brexit die größte außenpolitische Entscheidung Großbritanniens. Weit gefehlt, denn der »große Brexit« im Jahr 1534, der Bruch Englands mit der Katholischen Kirche unter Heinrich VIII. und die Gründung der Anglikanischen Kirche waren innenpolitisch weit erschütternder und außenpolitisch weitaus schwerwiegender. Obwohl es zwischen dem »großen Brexit« 1534 und dem »kleinen Brexit« 2016 eine Vielzahl von Unterschieden gibt, lassen sich drei Lehren ableiten. Gerade jetzt, wo Brexit-Minister David Davis und Außenminister Boris Johnson zurückgetreten sind, ist ein Blick in die stolze Historie Großbritanniens notweniger denn je.

Der »große Brexit« von 1534

Der englische König Heinrich VIII. hatte Angst um seine Herrschaftsnachfolge, seine Frau Katharina von Aragon gebar ihm nur eine Tochter, Mary. Heinrichs Gesuch an Papst Clemens VII. die Ehe zu scheiden, lehnte der Pontifex ab, schließlich war Katharina die Tante von Karl V., dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Um seine Geliebte Anne Boleyn zu heiraten, brach der englische König mit Rom, mit der Suprematsakte im Jahr 1534 wurde er Kirchenoberhaupt der Anglikanischen Kirche, eine Funktion, die jeder englische Monarch bis zum heutigen Tag innehat. Anne Boleyn gebar ihm Elizabeth und wurde aufgrund von Untreuevorwürfen hingerichtet, sie war die zweite von insgesamt sechs Ehefrauen Heinrichs und eine der beiden, die er enthaupten ließ.

Fairerweise muss man anerkennen, dass Heinrich VIII. auch politische Gründe für die Gründung einer eigenen Kirche hatte: die Katholische Kirche besaß ein Viertel des Landes in England, die päpstlichen Steuern waren hoch, der Papst konnte ohne Zustimmung des englischen Königs Bischöfe berufen und die europäischen Konkurrenten Englands wie Spanien, Frankreich, Italien oder Portugal hatten allesamt engere Verbindungen zum Heiligen Stuhl.

Heinrich VIII., der nach einem Pamphlet gegen Martin Luther vom Papst den Ehrentitel » Fidei defensor« (Verteidiger des Glaubens) verliehen bekam, starb als gläubiger Katholik im Jahr 1547. Eduard VI., Heinrichs Sohn aus dritter Ehe, wurde als Neunjähriger Thronfolger. Da Heinrich dem englischen Adel als Gegenleistung für deren Loyalität Ländereien der Katholischen Kirche schenkte, ging nun die Angst um, dass bei einer Rückkehr zum Katholizismus alle Gebiete zurückgegeben werden müssen. Aus diesem Grund fand die Ausbreitung des Protestantismus während der Herrschaft von Eduard VI. (1547-1553) zahlreiche Befürworter. Die erste Königin, Maria, die Blutige (1553-1558), leitete die Katholische Reaktion gewaltsam ein. Elisabeth I., deren Regierungszeit (1558-1603) als das Goldene Zeitalter gilt, führte mit der Uniformitätsakte (1559) das »Book of Common Prayer« ein und verband so protestantische Theologie mit katholischer Liturgie. Diese Gestalt hat die Anglikanische Kirche bis heute.

Lehren aus dem »großen Brexit« für den »kleinen Brexit«

1. Ein erfolgreicher Bruch funktioniert nur mit Entschlossenheit

Man kann Heinrich VIII. so einiges vorwerfen, nicht aber dass er unentschlossen oder zimperlich gewesen sei. Hatte er erst die Entscheidung getroffen, dass der Bruch mit der Katholischen Kirche notwendig sei, setzte er ihn unverzüglich und ohne Zweifel durch. Schnell und hart. Seinen besten Berater, Lordkanzler Thomas Morus (alias Thomas More, Verfasser des Werks »Utopia«) ließ Heinrich VIII. im Jahr 1535 hinrichten, da der gläubige Katholik ihm die Gefolgschaft versagte. Natürlich soll Theresa May keine Hinrichtungen vornehmen, es zeigt aber, welches Maß an Entschlossenheit und Härte Heinrich VIII. im Vergleich ausstrahlte.

Eine Lehre aus dem »großen Brexit« ist unzweifelhaft: ein Brexit – entschlossen und schnell – oder gar nicht. Die britische Regierung vermittelt den gegenteiligen Eindruck, es gibt keinen Plan und keine Indizien, dass sich daran etwas ändern könnte. Ein harter Brexit wäre sogar besser als eine Hängepartie, jedoch kein Brexit wäre die beste Lösung. Doch selbst die Rücknahme des Brexit müsste mit Entschlossenheit durchgesetzt werden.

2. Wechselnde Extrempositionen und eine fehlende Agenda führen ins Chaos

Nach Heinrichs erfolgreichem Bruch mit der Katholischen Kirche haben seine Kinder fast sein Vermächtnis zerstört. Unter Eduard VI. wurde die Kirche plötzlich protestantisch, die Dogmen der Kirche änderten sich innerhalb weniger Jahre grundlegend. Die blutige Maria führte die katholische Reaktion an, mehr als 200 Protestanten wurden verbrannt. Nach elf Regierungsjahren von Heinrichs beiden Thronfolgern war das Chaos perfekt. Elisabeth Maßnahme zur Befriedung des Landes, eine Kirche mit einer Mischung aus katholischen und protestantischen Elementen, musste von der Katholikenverfolgung und einem allgemeinen Gottesdienstzwang begleitet werden, um die vorher verursachten Wirrungen einzudämmen. Das zeigt: radikale Ideen in die eine und dann in die andere Richtung führen ins sichere Chaos. Das zeigt auch ein Blick auf die Brexit-Befürworter um Nigel Farage, die mit radikalen Behauptungen und zweifelhaften Versprechen die Volksabstimmung gewannen und nun verschwunden sind. Selbst in Theresa Mays Regierung stehen sich radikale Stimmen und Stimmen, die einen weichen Brexit favorisieren, unversöhnlich gegenüber. Da May selbst einen weichen Brexit favorisiert, traten die leidenschaftlichen Befürworter eines harten Ausstiegs aus der EU, Brexit-Minister David Davis und Außenminister Boris Johnson, zurück. Weder die europäischen Partner, noch die Bevölkerung Großbritanniens wissen, wo die Reise hingehen soll, verantwortlich dafür ist der Zick-Zack-Kurs zwischen milden und radikalen Positionen der Regierung.

3. Ein Bruch funktioniert nur, wenn sich die Mehrheit eine Verbesserung verspricht

Der Bruch mit der Katholischen Kirche im 16. Jahrhundert und die Gründung der Anglikanischen Kirche haben gezeigt, dass solche Vorhaben nur durchzusetzen sind, wenn sich die Mehrheit eine Verbesserung davon verspricht. Heinrich machte der Bevölkerung die Abkehr vom alten Glauben schmackhaft, indem von nun an die Gottesdienste in englischer Sprache statt auf Latein gehalten wurden, ebenso verfügte Heinrich, dass jede Kirchengemeinde eine englischsprachige Bibelausgabe besitzen sollte. Heinrich sicherte sich die Gefolgschaft des Adels, indem die Ländereien der Katholischen Kirche, ein Viertel Englands, unter den treuen Adligen aufteilt wurde.

Heute gibt es kaum Klarheit darüber, welche Vorteile der Brexit bringen soll. Noch im Wahlkampf propagierte die Leave-Kampagne mit Buswerbung, dass die 350 Millionen Pfund (ca. 400 Mio. Euro), die angeblich der EU überwiesen werden, dem englische Gesundheitssystem NHS zugeführt wird. Nach dem Brexit-Votum ruderten die Brexit-Befürworter zurück. Stattdessen drohen ein Wirtschaftsabschwung, Arbeitslosigkeit und teure Waren aus der EU.

Fazit

Da Theresa May die Entschlossenheit von Heinrich VIII. vermissen lässt, dafür aber die Fehler seiner Kinder wiederholt, indem die abwechselnd radikalen und gemäßigten Positionen ihrer Regierung ein Chaos verursachen und sich dabei kaum Verbesserungen für die Mehrheit der Bürger abzeichnen, macht Großbritannien die Fehler des »großen Brexit«, ohne die Entschlossenheit und Zielstrebigkeit von Heinrich VIII. nachzuahmen. Bei dem Brexit gilt es, beherzt zuzugreifen oder aber die Finger davon zu lassen. Nach dieser Erkenntnis sollten die Briten noch einmal stark über einen Exit vom Brexit nachdenken. Oder bei ihrem größten Dramatiker Rat suchen: William Shakespeare schrieb ein Historiendrama über Heinrich VIII. – müsste Shakespeare heute ein Theaterstück über Theresa May schreiben, wäre es sicherlich eine Tragödie. Schließlich gibt Polonius in Shakespeares »Hamlet« seinem Sohn Laertes den Tipp: »Dies über alles: sei dir selber treu.« Theresa May blieb sich selbst nicht treu, sie gehörte 2016 dem Remain-Lager an, weil sie überzeugt war, dass ein Verbleib im Euroraum Vorteile bringt. Das ist ihre persönliche Tragödie und eine Tragödie für das Land welches sie regiert.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolf Achim Wiegand, George Alagiah , Wolf Achim Wiegand.

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