Es gibt in Europa keine Bereitschaft sich des Krieges von 1914 gemeinsam zu erinnern. Christopher Clark

DFB-Team schlägt AfD-Hass entgegen

AfD-Anhänger, die der DFB-Elf blanken Hass entgegenbringen, nehmen einen Kollateralschaden in Kauf, meint unser Autor Andreas T. Sturm.

Vor wenigen Wochen veröffentlichte die »heute show« ein Bild von Alice Weidel und Meister Yoda aus Star Wars mit dem Zitat »Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid.« Während AfD-Politiker bereits einzelne Nationalspieler diffamierten, wie beispielsweise Alexander Gauland im Jahr 2016 Jerome Boateng, so schlägt der Nationalelf nun der vereinte Hass der AfD-Anhänger entgegen.

Am 23.06.2018 drohte der Nationalmannschaft gegen Schweden das erstmalige Vorrundenausscheiden bei einer Weltmeisterschaft. Zahlreiche AfD-Anhänger und Funktionäre wünschten sich ein frühzeitiges WM-Ende für das DFB-Team. Folgende Mitteilung des rechtspopulistischen Compact-Magazins vom 21. Juni wurde bereits tausendfach geteilt: »Massenhafte Abwendung der Deutschen von #JogiLöws Multikulti-Mannschaft. Eine Niederlage gegen Schweden ist notwendig, damit ein reinigendes Gewitter den Laden ordentlich durchfegt.«

Einer meiner Facebook-Bekannten schwört mit einem Bild von sich im Schweden-Trikot die Niederlage des deutschen Teams herbei, auf seiner Facebook-Seite wird die Einwechslung Gündoğans mit »Der Sohn Erdogans“ und »Eselficker« kommentiert.

Diejenigen, die seit Wochen nationalistisch auftreten, Deutschlandflaggen posten und das Land gegen jeden einzelnen Flüchtling verbal verteidigen, wünschen sich ein Vorrundenaus der deutschen Nationalmannschaft? Es ist erschreckend, aber der Hass gegen Özil und Gündoğan hat bei einigen AfD-Anhängern einen höheren Stellenwert, als der Erfolg des deutschen Teams. Dabei sind deutsche Nationalspieler mit Migrationshintergrund kein Phänomen der 2000er Jahre, der Weltmeister von 1954 Josef “Jupp” Posipal war gebürtiger Rumäne und spielte beim ersten WM-Titelgewinn in jedem Spiel außer dem Viertelfinale. Nicht zu vergessen das Sommermärchen 2006, als Spieler mit Migrationshintergrund wie Miroslav Klose, Lukas Podolski, Oliver Neuville, David Odonkor und Gerald Asamoah die Deutschlandflagge als Fanartikel in der Öffentlichkeit überhaupt erst wieder salonfähig gemacht haben. Hierbei zeigt sich auch der Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus: Patrioten drücken ihrer Nationalmannschaft bei einem internationalen Turnier die Daumen, Nationalisten wollen ihre Nationalmannschaft verlieren sehen, wenn einzelne Spieler aufgrund ihrer ausländischen Wurzeln nicht deren Vorstellung entsprechen.

Meiner Meinung nach waren die Bilder von Mesut Özil und Ilkay Gündoğan mit Staatspräsident Erdogan unangebracht, sie werden als Wahlpropaganda in der Türkei verwendet und haben Unruhe im Umfeld der Nationalmannschaft verursacht. Sicher muss dieser Vorfall nach der WM aufgearbeitet werden.

Doch was ist die Motivation hinter den Protesten um das Erdogan-Bild und was sollen diese Proteste wirklich bezwecken? Bei den Pfiffen gegen Ilkay Gündoğan bei dem Testspiel gegen Saudi-Arabien habe ich mich noch gefragt, ab wann solch eine Stimmung der Mannschaft schaden möge, doch seit heute herrscht Gewissheit: AfD-Anhänger, die der DFB-Elf blanken Hass entgegenbringen, nehmen einen Kollateralschaden in Kauf.

Hasstiraden und Shit-Storms stehen in den sozialen Netzwerken derweil ohnehin auf der Tagesordnung. Die Kommentatorin Claudia Neumann hat den japanischen Spieler Yuya Osakoeiner Mainz 05 statt dem FC. Köln zugeordneten. Errare humanum est? Wohl nicht immer. Claudia Neumann wurde in den sozialen Netzwerken hemmungslos diffamiert, wie bei der EM 2016 als die erste Frau, die ein Turnierspiel kommentierte. Ein Twitter-Nutzer lässt tief blicken und sein abstoßender Tweed spricht für sich: »Jawoll, Donnerfotze Claudia Neumann versaut mir jetzt auch noch das Kolumbien Spiel.« Dazu passt das Statement von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der am Tag des Vorrundenspiels gegen Schweden, bei dem 20. Jubiläum von »Tolerantes Brandenburg«, die »Tendenz zur Verrohung und Entsolidarisierung« kritisierte.

Wut und Hass wirken destruktiv. Und so sei die Frage gestellt, welche Kultur manch AFD-Anhänger eigentlich verteidigen will? Auf eine Darstellung der völkischen Zitate von Alexander Gauland, Björn Höcke und Alice Weidel sei an dieser Stelle verzichtet. Um beim Thema Fußball zu bleiben: Es hat mit einer geschmacklosen Äußerung Alexander Gaulands angefangen, dass Deutsche Boateng als Fußballer gut fänden, ihn aber nicht als Nachbar möchten. Dies war einer der AfD-Testballons, um zu sehen, wie weit man in den Medien gehen kann. Die Hemmschelle muss bei AfD-Politikern sinken, denn die eigene Anhängerschaft erwartet immer radikalere Aussagen. Der Schneeball muss immer größer werden, doch irgendwann löst er eine Lawine aus.

Sicherheit und Ordnung sind Grundbedürfnisse, die ein Staat gewährleisten muss, dies wird zu Recht in der Asyl-Debatte gefordert. Doch soll diese Sicherheit und Ordnung von Menschen überwacht werden, die sich freuen wenn ein Nationalspieler verletzt wird, weil er Sohn türkischer Einwanderer ist? Vor allem: wie würde sich unser Land verändern, wenn eine solche Gesinnung Gesetzesvorhaben inspiriert? Das ist eine Gesinnung, die in ihrer Verrohung und Zügellosigkeit leicht zu erneuten Nürnberger Rassengesetzen oder einer Apartheid 2.0 führen wird.

Als Winston Churchill die Kulturausgaben für den Verteidigungsetat kürzen sollte, antwortete er »Für was würden wir dann kämpfen?« Doch welche Kultur verkörpern so manche AfD-Sympathisanten und welche Kultur verteidigen sie?

Die linke Szene hat schon seit Langem ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Nationalmannschaft bei internationalen Turnieren: die Linksjugend ruft seit Jahren zur Zerstörung von Deutschlandflaggen auf, die Grüne Jugend verteilt Aufkleber “Patriotismus? – Nein Danke!”. Ich wünsche mir, dass die Fußballweltmeisterschaft zu einem friedlichen Fußballfest wird, bei dem alle Fans ihrem Land zujubeln, ohne dass das Turnier politisch vereinnahmt wird oder unter dem Stern politischer Entscheidungen steht. Leider haben FIFA-Funktionäre diesen Wunsch wiederholt mit fragwürdigen Entscheidungen torpediert. Lassen Sie wenigstens uns zu einer entsprechenden Fußball – und Gesprächskultur zurückkehren.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dokumentation - Texte im Original, Jörg Hubert Meuthen, Herbert Ammon.

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