Die Welt ist ein schöner Platz und wert, dass man um sie kämpft. Ernest Hemingway

Moderne Wirtschaftspolitik ist Ur-Katholisch

Die Katholische Kirche ist eine der ältesten und einflussreichsten westlichen Institutionen. Während die Kirche weithin als institutioneller Träger christlicher Traditionen und Werte geschätzt wird, sehen Kritiker in ihr eine rückständige Organisation. In Wirtschaftsfragen zeigt sich die Katholische Kirche allerdings alles andere als rückständig.

»The European« veröffentlichte kürzlich das in diesem Jahr herausgegebene Manifest der Glaubenskongregation »OECONOMICAE ET PECUNIARIAE QUAESTIONES« unter dem Titel »34 Gründe gegen den Kapitalismus – Abrechnung des Vatikans mit den Finanzmärkten«. Tatsächlich waren Päpste mit ihren Sozialenzykliken meist auf der Höhe der Zeit und ihr bisweilen sogar weit voraus. Drei Wermutstropfen und drei Lichtblicke zeigen sich bei genauerer Betrachtung.

»Rerum Novarum«, 1891: Leo XIII.

Im Jahr 1891 veröffentlichte Papst Leo XIII. mit »Rerum Novarum« (»Von den neuen Dingen«) die erste und einflussreichste Sozialenzyklika, die eine große Tradition päpstlicher Lehrschriften zur »Sozialen Frage« begründete. Die Katholische Kirche musste sich im 19. Jahrhundert mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Industriellen Revolution wie der Bevölkerungsexplosion, der immer größer werdenden Armut und der sozial prekären Situation der Arbeiter auseinandersetzen.

Leo XIII. argumentierte auf Basis der Naturrechtslehre gegen den Sozialismus. Die Auflösung des Privateigentums laufe der menschlichen Natur zuwider, denn Eigentum basiere auf Fleiß und Arbeit. Thomas von Aquin (1225 – 1274) begründete diese Argumentation mit seinem Effizienzargument, indem er behauptete, dass Gott Eigentümer aller materiellen Güter sei und sie dem Mensch zum optimalen Gebrauch überlasse. Da der Einzelne mehr Mühe und Sorgfalt bei seinem Eigentum aufwenden möge nütze dies dem Allgemeinwohl. Im Vergleich zu philosophischen Eigentumstheorien impliziert die Katholische Soziallehre, dass das Privateigentum auch eine Pflicht sozialer Wohltätigkeit mit sich bringe.

Ein wichtiger Aspekt in Leos Enzyklika ist der Friede zwischen Unternehmer und Arbeiter. Sie müssen in Solidarität, Friede und Einigkeit leben und jeweils ihre Pflichten einhalten, gerechter Lohn ist dabei ein zentrales Element. Leo fordert zudem ein stärkeres Engagement der Kirche in der Armenfürsorge und eine stärkere staatliche Sozialpolitik, die den Schutz des Privateigentums, den Schutz der Menschenwürde, den Schutz der elterlichen Fürsorge, der Sicherstellung der Sonntagsruhe und der Überwachung der Arbeitsverhältnisse verpflichtet sein solle.

»Quadragesimo Anno«, 1931: Pius XI.

Zum vierzigsten Jubiläum von »Rerum Novarum« (»Im vierzigsten Jahr«) schrieb Pius XI. die Enzyklika »Quadragesimo Anno«, in der er das Recht auf Privateigentum und auf gerechten Lohn bekräftigte. Pius verurteilt den marxistischen Kommunismus und den Sozialismus. Subsidiarität ist das zentrale Prinzip, demnach gehe Eigenverantwortung in der Familie vor staatlicher Verantwortung und die nächsthöhere Organisationsebene (Gemeinde, Landkreis, Staat) solle erst greifen, wenn die Unmittelbare nicht helfen könne. Die Hilfe müsse unmittelbarer dort erfolgen, wo sie gebraucht werde. Der Hauptautor war Oswald von Nell-Breuning (1890 – 1991), der »Nestor der Katholischen Soziallehre«, die mit ihren Grundsätzen die Soziale Marktwirtschaft der Bundesrepublik prägte und somit in Teilen in die Realität umgesetzt wurde.

»Der Dritte Weg«: Die soziale Marktwirtschaft

Die Soziale Marktwirtschaft basiert auf den geistigen Vätern der »Freiburger Schule« Franz Böhm, Wilhelm Röpke und Walter Eucken sowie Alexander Rüstow und Friedrich August von Hayek und auf den politischen Vätern Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack. Einige dieser Vordenker waren stark in die Katholische Soziallehre verwurzelt und sorgten dafür, dass neben den individualistischen und liberalen Elementen das soziale, von christlicher Verantwortung geprägte Menschenbild berücksichtigt wurde. Dazu gehört, dass die Würde des Menschen unantastbar sei, die Familienorientierung vieler Sozialleistungen, der Schutz der Familie oder die Garantie des Privateigentums. Schon ein Blick auf die gemeinsamen Prinzipien von Ordoliberalismus und Katholischer Soziallehre wie Personalität (Würde des Menschen), Solidarität und Subsidiarität, führen dazu, dass Ökonomen wie Jörg Althammer (»Soziale Marktwirtschaft und katholische Soziallehre«, KAS-Online, S. 275) die Soziale Marktwirtschaft als »angewandte katholische Soziallehre« sehen.

Sozialenzykliken des 20. Jahrhunderts

Im 20. Jahrhundert gab es weitere einflussreiche Sozialenzykliken wie »Mater et Magistra« (1961, Johannes XXIII.), »Laborem Exercens« (1981, Johannes Paul II.) oder »Centesimus Annus« (1991, Johannes Paul II.), die aktuelle Fragestellungen des gesellschaftlichen Wandels in weltweiter Perspektive, wie die Mitbestimmung der Arbeiter, das Recht auf Feiertage, die Mitbeteiligung von Arbeitern am Firmengewinn und den Zusammenbruch des Ostblock-Kommunismus thematisierten.

Die Evangelische Kirche Deutschland äußert sich in Denkschriften wie »Gemeinwohl und Eigennutz« (1991) in ähnlicher Weise. Während Papst Benedikt XVI. in »Caritas in veritate« (2009) die Wirtschafts- und Finanzkrise kommentierte und positive Entwicklungsmöglichkeiten der Globalisierung aufzeigte, publizierte die EKD »Unternehmerisches Handeln in evangelischer Verantwortung« (2008).

Katholischer Soziallehre und Evangelischer Sozialethik unterscheiden sich durch das zentrale Lehramt der transnationalen Katholischen Kirche, welches stärker in einer Tradition verwurzelt ist und mehr um die philosophische Letztbegründung bemüht ist, während die nationale EKD eine weniger einheitliche Tradition hat.

Drei Wermutstropfen – drei Lichtblicke

Erster Wermutstropfen

Die Forderungen von »Rerum Novarum« waren für die damalige Zeit revolutionär und haben an Aktualität nichts eingebüßt. Bedauernswerterweise kam die Sozialenzyklika in Mitteleuropa fünf Jahrzehnte zu spät, Arbeiteraufstände gab es in den 1840er Jahren und Karl Marx veröffentlichte sein »Kommunistisches Manifest« bereits im Jahr 1848. Für englische Verhältnisse hatte die Enzyklika eine Verspätung von mehr als hundert Jahren. Dabei ist es kein Widerspruch, dass moderne Wirtschaftspolitik ur-katholisch sei, denn die Grundsätze der Sozialenzykliken wurden später erfolgreich umgesetzt und liefern genau die Impulse, die aktuell notwendig sind, während der 1848 skizzierte Kommunismus noch nie funktioniert hat. Obwohl »Rerum Novarum« später einflussreich und nützlich war, kam es in der damaligen Situation zu spät.

Zweiter Wermutstropfen

Der Einfluss der Kirche ist begrenzt, da sie keinen direkten staatlichen Einfluss hat, kann sie die Grundsätze nicht umsetzen, ein Staat muss sie umsetzen. Staaten sind aber daran interessiert auf soziale Fragen möglichst günstige Antworten zu finden. Das bedeutet, dass genau jene kapitalistischen Mechanismen, die in verschiedenen Enzykliken und in dem aktuellen Manifest der Glaubenskongregation kritisiert werden, maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass die Katholische Soziallehre nicht oder nur in geringem Umfang umgesetzt wird. Dazu kommt, dass die Katholische Kirche auf Staaten, in denen Katholiken in der Minderheit sind, weniger Einfluss hat.

Dritter Wermutstropfen

Die Kirche befindet sich im immerwährenden Zwiespalt einer zu großen Verweltlichung und der Vernachlässigung der christlichen Sendung. Die Bibel ist allerdings »Kompassnadel statt Navigationsgerät« (Titel des Aufsatzes vom damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneiders in »Politischer Auftrag aus christlichem Geist« aus der Reihe »Die Politische Meinung« der Konrad-Adenauer-Stiftung, Mai 2010) oder eine »Leitplanke« (Maria Flachsbarth, in ders. Publikation).

Erster Lichtblick

Die Soziale Marktwirtschaft zeigt, dass die Grundprinzipien Personalität, Solidarität, Subsidiarität, im Gegensatz zum Kommunismus, in der Realität funktionieren. Der Ökonom Ludwig von Mises (1881-1973) behauptete, dass ein dritter Weg nicht funktionieren könne. Meiner Meinung nach liegt es in der Natur der Sache, dass ein Wirtschaftssystem, somit auch die Soziale Marktwirtschaft, kein perfektes System sein kann. Die Soziale Marktwirtschaft ist teuer, anfällig für Ausnutzung und gelegentlich fallen Menschen durch das soziale Netz. Trotzdem ist die Soziale Marktwirtschaft das Beste und Fairste aller bekannten Systeme. Der Kommunismus ist in der Praxis überall gescheitert. In der Enzyklika »Centesimus Annus« bestärkt Johannes Paul II. (1991) die Grundsätze einer Wirtschaftsordnung wie der Sozialen Marktwirtschaft und deren sozialen und liberalen Elemente, im Gegensatz zum ungezügelten Kapitalismus.

Zweiter Lichtblick

Die Katholische Soziallehre hat eine positive Grundhaltung: Arbeitgeber und Arbeitnehmer werden nicht aufgewiegelt, sie werden dazu angehalten ihre Pflichten zu erfüllen und in Solidarität zusammenarbeiten (Enzykliken des 19. und 20. Jhd.), reale Bedingungen wie Globalisierung sollen nicht rückgängig gemacht, sondern positiv gestaltet werden (Benedikt XVI.: »Caritas in veritate«). Diese positive Einstellung fördert die Produktivität zum Nutzen aller, während staatlich geförderter Protektionismus auf Dauer die Wirtschaft schädigt.

Dritter Lichtblick

Die Katholische Soziallehre hat eine philosophische Stringenz, sie begründet sich auf der der Bibel als Wertefundament (z.B. Würde durch Gottesebenbildlichkeit) sowie kirchlichen Lehrtraditionen und kann somit auf Basis einer schlüssigen Lehre auf aktuelle Entwicklungen reagieren.

Die Katholische Kirche hat in den letzten Jahren aus verschiedensten Gründen – gerechtfertigt und ungerechtfertigt – viel Kritik einstecken müssen. Dabei sind die Leistungen, die die Katholische Kirche in der Seelsorge, in karitativen Diensten und in der Traditionsbewahrung vollbringt, immer noch unglaublich groß. Ich hoffe und wünsche, dass die wertvollen wirtschaftsethischen Impulse, die den sozialen Zusammenhalt und die Nachhaltigkeit im Blick haben, noch stärker berücksichtigt werden. Schließlich ist die Katholische Kirche, nicht zuletzt durch ihre genaue Kompassnadel und starke Leitplanke, eine der ältesten und einflussreichsten Institutionen der westlichen Welt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Helmut Moll, Christiane Lambrecht, Alexander Heinrich.

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