Ich bin kein Pazifist. Egon Bahr

3 Gründe gegen ein Facebook-Bashing

Nachdem Mark Zuckerberg zum Facebook-Datenskandal schon vor dem US-Kapitol aussagen musste, sprach er nun auch bei einer Anhörung im EU-Parlament in Brüssel.

Zuckerberg stand Rede und Antwort zu den Vorwürfen, Facebook habe sich durch die Weitergabe der Nutzerdaten und der Tolerierung von Wahlkampf Bots (automatische Computerprogramme) indirekt der Beihilfe zur Wahlmanipulation schuldig gemacht. Ergebnis davon seien die Trump-Wahl, der Brexit und der Rechtsruck in vielen europäischen Parlamenten. Dies wird als Fakt vorausgesetzt und damit die Grundlage für eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Thematik entzogen. In Wahrheit ist die Wahlentscheidung viel komplexer. Sehen wir uns zwei Fälle aus dem Jahr 2016 genauer an: Der Brexit und Trumps Wahlerfolg. Doch worum geht es eigentlich genau?

Algorithmen, Wahlkampf Bots und Datenverkauf

Drei Vorwürfe gegen Facebook stehen dabei im Raum. Der erste Vorwurf lautet, dass das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica in großem Stil Nutzerdaten von Facebook und Twitter angekauft hat (oder überlassen bekam) und dazu verwendete, um Persönlichkeitsprofile von Social-Media-Nutzern zu erstellen und damit gezielt und personalisiert Wahlwerbung im USA-Wahlkampf zu verschicken. Dies sei, wie Facebook Chef Zuckerberg vor dem Kongress und dem EU Parlament einräumte, zweifellos ein Skandal und er entschuldigte sich, wobei er Gegenmaßnahmen versprach.

Darüber hinaus haben auf Facebook Wahlkampf Bots und Fake-Accounts beinahe ununterbrochen für einen Kandidaten gepostet und Fake-News verbreitet. Bei der Frankreich-Wahl wurden 30.000 solcher Accounts von Facebook geschlossen.

Drittens steht die alltägliche Facebook-Praxis, das Algorithmen-System in der Kritik. Der Vorwurf hierzu lautet, dass sich über Facebook radikale Meinungen leichter verbreiten ließen. In der Praxis sieht das wie folgt aus: ein Nutzer informiert sich über eine Urlaubsreise nach Gran Canaria, bei der nächsten Facebook-Sitzung werden ihm ähnliche Suchergebnisse in der Werbung präsentiert und Bilder von Freunden aus dieser Urlaubsregion werden häufiger im Newsfeed angezeigt. In gleicher Weise erscheinen häufiger Posts des eigenen Lieblingsvereins oder Politiker des eigenen Politikspektrums.

Fallbeispiel 1: Brexit

Ja, die Brexit-Volksabstimmung war knapp: 51,9% zu 48,1%. Das kann doch nur Facebook gewesen sein! Dabei vergisst man, dass die Euro-Skepsis in Großbritannien schon immer ausgeprägt war. Zwar waren seit dem EU-Betritt Großbritanniens 1973 die Europa-Befürworter meistens in der Überzahl, doch zu bestimmten Zeiten waren auch die Europa-Gegner bei Umfragen vorn. Nach dem Beitritt wollten laut einer Gallup-Umfrage im Jahr 1975 41% der Briten die EU gleich wieder verlassen, 33% waren für einen Verbleib. Beim Amtsantritt von Margaret Thatcher im Jahr 1980 waren bei Umfragen 65% zu 26% für einen Austritt aus der EU. Erst nach dem von Thatcher ausgehandelten Rabatt im Jahr 1984 waren die Zustimmungsraten zu Europa langfristig höher. Erst Blairs Pläne für eine größere Anbindung an Europa im Jahr 2000 und die Einwanderungsdebatte ab 2011 sorgten für eine leichte Mehrheit der Brexit-Befürworter in Folge. Interessanterweise waren zwei der drei großen Anti-Europawellen (Thatcher 1980 und Blair 2000) vor dem Social Media-Zeitalter. Selbst die Europa-Skepsis aufgrund der Finanzkrise und der Zuwanderungspolitik ab dem Jahr 2011 wurde in den eher konservativen und europakritischen Tageszeitungen forciert.

Fallbeispiel 2: Trumps Wahlsieg

Trumps Wahlsieg war für viele eine Überraschung. Tatsächlich war es knapp. Während Clinton die Mehrheit der Wählerstimmen auf sich vereinen konnte, gewann Trump die wichtigen Swing Staaten sowie die sonst demokratischen Staaten Michigan (mit 0,3% Vorsprung), Wisconsin (1%) und Pennsylvania (1,2%) mit einem äußerst knappen Vorsprung. Der Einfluss von Facebook wurde hier als wahlentscheidend angesehen.

Meiner Ansicht nach, basierend auf eigenen Erfahrungen im Wahljahr in den USA, hatte die Trump-Wahl drei Gründe:

1) Trumps Wahl war Ausdruck einer Anti-Establishment-Haltung der Bevölkerung. Auch wenn viele Wähler ihn nicht als idealen Präsidenten ansahen, wählten sie ihn als Gegengift gegen das Establishment, selbst wenn sie das Gegengift selbst als toxisch wahrgenommen haben mögen.
2) Hillary Clinton hatte erschreckend geringe persönliche Zustimmungs- und Sympathiewerte, zudem hatte sie mit Skandalen zu kämpfen (Stichwort eMail-Skandal).

3) Trump hatte in den richtigen Staaten die richtigen Themen angesprochen. Hier mag tatsächlich auf den ersten Blick die Auswertung von Nutzerdaten und gezielte Ansprache effektiv gewesen sein und diese Verbindung würde ob des knappen Ergebnisses Sinn ergeben. Bei der Betrachtung der Fakten relativiert sich einiges: in den letzten 100 Tagen des Wahlkampfs trat Donald Trump 133-mal in Swing Staaten auf, seine Kontrahentin kommt nur auf 87 Auftritte. Dazu war Clinton nie in Wisconsin, dem sonst demokratischen Staat, der an Trump ging. Das ist grobe Fahrlässigkeit. Die Schuld dann alibihaft bei Facebook zu suchen ist einfach.

Was gegen das Facebook-Bashing spricht

1. Facebook verstärkt lediglich Trends, die politische Grundrichtung bleibt

Facebook mag durchaus dazu beitragen, bestehende Trends zu verstärken. Es beeindruckt sicher, wenn plötzlich eine große Anzahl von Facebook-Freunden einen Kandidaten unterstützt. Jedoch treffen sich Menschen auch außerhalb von Facebook, wie zum Beispiel in einer Bar, am guten alten Stammtisch, in Sportvereinen oder auf Geburtstagspartys und sprechen dort miteinander. Der Einfluss von anderen Medien wie Zeitung, Radio und Fernsehen ist auch nicht zu unterschätzen. Des Weiteren haben Menschen ihre politische Grundrichtung und ändern diese selten. Falls sie dies tun, ist das ein langer Prozess, bei dem Facebook ein kleines Mosaiksteinchen ist. Sowohl soziale Medien dienen wie der Konsum von Unterhaltungsmedien hauptsächlich dazu, das eigene Weltbild zu bestätigen. Dies sind Beobachtungen, die ich bei meinen eigenen Facebook-Freunden gemacht habe, ich bin aber offen für andere Beobachtungen.

2. Fehlendes Engagement beim Unterlegenen
Ich habe bereits deutlich gesagt, dass Wahlmanipulationen durch Fake-Profile und Social Bots unterbunden werden müssen, auch die Weitergabe von Nutzerdaten ist ein Skandal. Doch vielmehr stellt sich mir die Frage: Wo waren die Unterlegenen vor der Brexit und Trump-Wahl? Viel effektiver als ein russischer Bot, der automatisch Fake News verbreitet, ist das Statement einer mir bekannten Person.

Wenn ich aber dann sehe, dass bei der Brexit-Abstimmung die Wahlbeteiligung der 18-24-jährigen bei 36% lag und bei den 25-34-jährigen bei 58%, so zeigt dies, wo die Ursachen der knappen Niederlage zu suchen sind. Gerade die Generation, die Facebook nutzt, ist nicht wählen gegangen. Bei den über 55-jährigen lag die Wahlbeteiligung bei knapp über 80%, also bei derjenigen Wählergruppe, die am wenigsten auf Facebook aktiv ist.

Das gleiche gilt für Hillary Clinton. Wurde Barack Obama noch von den tausenden Jungwählern ins Weise Haus getragen, die für ihn Wahlkampf machten und sich sogar teilweise ein Urlaubssemester nahmen, waren die Jungwähler bei Hillary Clinton deutlich verhaltener. Immerhin hatten ihnen ihre beiden Idole Barack Obama und Bernie Sanders genügend Argumente geliefert Clinton nicht zu wählen. Selbst wenn Hillary Clinton das wesentlich geringere Übel für junge Demokraten gewesen wäre, macht es einen Unterschied, ob ein junger Mensch für eine Überzeugung brennt und dies kundtut oder eben am Wahlmorgen einen Pflichtpost für die Kandidatin absetzt. Ein Bernie Sanders hätte dieses Potential freisetzen können und auch der äußerst beliebte und respektierte Vize-Präsident Joe Biden hätte wohl die Wahl für sich entschieden. Dass Clinton selbst, wie oben dargestellt, wesentlich zurückhaltender mit öffentlichen Auftritten war als Trump und den entscheidenden Staat Wisconsin nie besuchte, ist ein gern verschwiegener Teil der Geschichte.

3. Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit

Es nützt nichts, die alten Zeiten herbei zu beschwören. Ja, es hält sich die Legende, dass Richard Nixon bei der US-Präsidentschaftswahl im Jahr 1960 gegen John F. Kennedy das Duell bei Radiohörern deutlich gewonnen hatte, während der smarte Kennedy die Umfragen der Fernsehzuschauer für sich entschied. Das mag sein. Hätte es kein Fernsehen gegeben, hätte es vielleicht keinen Präsidenten Kennedy gegeben. Hätte es kein Facebook gegeben, wäre Großbritannien weiterhin EU-Mitglied und Trump nicht US-Präsident? Ich glaube nicht daran und tatsächlich führen diese »hätte«-Erklärungsmuster nur dazu, die Schuld woanders zu suchen, in dieses Muster drohen frustrierte Politiker und Wähler zu verfallen. Denn was nicht sein darf, das kann nicht sein. Die sozialen Medien gehören aber nun zum Alltag und es ist sinnvoller Wahlmanipulation zu verhindern und Kampagnen so zu steuern, dass sie die Wähler zielgerichtet erreicht und Wähler tatsächlich mobilisiert werden. Facebook einfach nur den schwarzen Peter zuzuschieben ist einfach und dazu ist es einfach falsch. Die Vielschichtigkeit der Wahlentscheidungsprozesse zu erkennen, bedeutet den Wähler ernster zu nehmen. So hatten Wähler es schon immer mit so genannten Fake News zu Wahlkampfzeiten zu tun, mal mehr und mal weniger, je nachdem wie stark polarisiert ein Wahlkampf geführt wird. Ich weiß nicht, wie viele Wähler sich tatsächlich von russischen Wahlkampf Bots beeinflussen lassen haben; oftmals sind Wahlentscheidungen Signale und Denkzettel. Politiker sollten nun ehrlich die Gründe für die Trump-Wahl, den Brexit oder den Rechtsruck in europäischen Nationalparlamenten suchen, anstatt sich mit der Schulzuweisung an Facebook zu begnügen. Das würde sicherlich langfristig das Vertrauen in die Demokratie bestärken.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Anke Domscheit-Berg, Oliver Götz, Jörg Kopp.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Europa-politik, , Mark-zuckerberg

Debatte

Das Ende der Sommerzeit?

Medium_754ba2e6fc

EU-Umfrage zur Abschaffung der Zeitumstellung

Soll in Europa weiterhin zweimal im Jahr die Zeit umgestellt werden? Eine EU-weite Bürger-Umfrage der EU-Kommission hatte zu einer Debatte über die Zeitabschaffung aufgerufen. Millionen Bürgrer bet... weiterlesen

Medium_624bfb3b98
von Lars Mensel
17.08.2018

Debatte

Die Königin der Mediokrität

Medium_4e862ac630

Angela Merkel - Die Königin der Medien

Angela Merkel ist wieder unterwegs, stellt sich „dem Bürger“, führt mit ihren Untertanen einen „Dialog“ und bezaubert ihr Volk mit ihrer einzigartigen, unnachahmlichen, ausgefeilten Rhetorik, ihren... weiterlesen

Medium_5f897944c1
von Jürgen Fritz
17.08.2018

Kolumne

Medium_4a1346a138
von Günter Albrecht Zehm
12.08.2018
meistgelesen / meistkommentiert