Die Bürger halten es schon aus, wenn man ihnen reinen Wein einschenkt. Wolfgang Schäuble

»Der Sieg des Willens« als FC Bayern-Prinzip

Der deutsche Rekordmeister trägt national den Nimbus der Unbesiegbarkeit und ihm wird vorgeworfen, in der Meisterschaft und im DFB-Pokal für Langweile zu sorgen. In den letzten Wochen wurden dem FC Bayern Grenzen aufgezeigt und es deutet sich ein gefährlicher Abwärtstrend an. Bei einem Blick in die Vergangenheit zeigen sich ähnliche Scheidewege – und die bisher einzig erfolgreiche Strategie.

Dominanz und Durchhänger: die letzten 20 Jahre

Im Zeitraum von 20 Jahren konnte der FC Bayern 14 Meisterschaften, neun DFB-Pokalsiege, zwei Champions-League-Titel und zehn CL-Halbfinal-Teilnahmen verbuchen. Diese Statistik liest sich beeindruckend, doch der FC Bayern ist in den letzten Jahren zu oft unnötig gescheitert: Das Champions-League-Finale 1999 mit den beiden Gegentreffern in der Nachspielzeit, das verlorene Finale Dahoam 2012 gegen Chelsea und das fünfmalige Ausscheiden nacheinander gegen spanische Teams in der Champions League seit dem Triumph 2013. Nie war der FC Bayern in diesen KO-Runden chancenlos, meist sogar überlegen, wie in diesem Jahr gegen Real Madrid. Auch das Pokalfinale gegen Frankfurt war eine unnötige Niederlage. In den Partien gegen Madrid und Frankfurt sorgten individuelle Fehler für die Rückstände und mangelnde Effektivität vor dem Tor für die Niederlagen in den entscheidenden Spielen der Saison. Nichtsdestotrotz, bei dieser Gegenüberstellung zwischen Scheitern und Erfolg scheint es einen kausalen Zusammengang zu geben, der ein wichtiges Signal für die Zukunft ist.

Die Generation Kahn und Effenberg

Als der FC Bayern 1999 gegen Manchester United mit zwei Gegentoren in der Nachspielzeit besiegt wurde, vermuteten einige Sportjournalisten, dass sich diese Bayern-Spielergeneration nicht wieder von diesem Schock erholen würde. Weit gefehlt, die Leader Oliver Kahn und Stefan Effenberg trieben die Mannschaft zum Erfolg. Selbst als der brillante Techniker Mehmet Scholl im Finale 2001 gegen Valencia einen Elfmeter verschoss, war Kapitän Stefan Effenberg zur Stelle, der zum zweiten Elfmeter in der regulären Spielzeit antrat und verwandelte. Natürlich hatte der Welttorhüter Oliver Kahn mit drei Paraden einen großen Anteil am Champions-League-Titel, doch nicht zuletzt war es die Moral Kahns und Effenbergs, die die Mannschaft mitriss. Im Jahr 2001 waren das Tor in der Nachspielzeit gegen Hamburg zum Gewinn der Meisterschaft und das Comeback im CL-Finale Siege des Willens.

Das Scheitern Dahoam 2012 und der Sieg in Wembley 2013

Bis zum Abend des 19. Mai 2012 war die CL-Endspielniederlage 1999 das bitterste Kapitel in der Historie des FC Bayern. Doch dann besiegte der FC Chelsea die dominanten Münchner (20:1 Ecken) im eigenen Stadion nach einem verschossenen Elfmeter Robbens in der Verlängerung und zwei Fehlschüssen im Elfmeterschießen. Dazu kamen die Eindrücke der 5:2 Erniedrigung im Pokalfinale gegen Dortmund, der FC Bayern musste handeln. Der farblose Sportdirektor Nerlinger ging und mit Mario Mandžukić und Javi Martínez kamen zwei Hoffnungsträger. Ein Jahr später holte eine Mannschaft um Manuel Neuer, Thomas Müller, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger durch einen Finaltreffer von Arien Robben den Champions-League-Titel nach München. Diese Spieler waren schon beim Finale Dahoam dabei, doch die Gier nach dem CL-Pokal trieb sie weiter an, sie standen nach der Niederlage wieder auf und holten sich den Pokal.

Das FC Bayern-Prinzip: Der Sieg des Willens

Es bedeutet nicht, dass sich nach dem Scheitern automatisch der Erfolg einstellt (Valencia verlor die CL-Finale 2000 und 2001). Vielmehr gibt es Mannschaften, die sich von Niederlagen nicht erholen und erst mit neuer Besetzung Jahre später wieder angreifen.

Der entscheidende Unterschied beim FC Bayern waren Charaktertypen, die eine ganze Mannschaft geprägt und mitgerissen haben, wie im Jahr 2001 Oliver Kahn und Stefan Effenberg oder im Jahr 2013 Manuel Neuer, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller. Diese Spieler stehen für den unbedingten Mia-San-Mia-Siegeswillen, sie geben für den Verein ihr Herzblut und sie geben nie auf. Die Vorstandsebene der Bayern um Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge lebt diese Werte vor und es soll heißen, dass das Management bei Verpflichtungen (anders als andere Topvereine) die charakterliche Eignung potentieller Transfers mitberücksichtigt. Es mag immer eine technisch bessere und teurere Mannschaft geben, aber bei den richtig großen Spielen neutralisieren sich große Clubs oftmals, dann gewinnt das Team mit dem größeren Siegeswillen. Kahns gehaltener Elfmeter gegen Valencia 2001 und Robbens Tor gegen Dortmund war Ausdruck eines puren Siegeswillens.

Es wäre vielleicht ratsam, wenn sich die Bayern-Profis in einer ruhigen Minute diesem Charakter-Selbsttest unterziehen würden: 1) Haben sie den unbedingten Mia-San-Mia-Siegeswillen? 2) Geben sie alles für den Verein (notfalls von der Ersatzbank aus) 3) Geben sie niemals auf? Ich habe so ein bestimmtes zu wissen, welche Bayern-Spieler einen solchen Charakter haben und welche nicht. Sie auch?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jörg Hubert Meuthen, Andreas T. Sturm, Vera Lengsfeld.

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