Trump im Spiegel von »House of Cards« und »Designated Survivor«

Andreas T. Sturm12.05.2018Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Der mächtigste Mann der Welt hat die Phantasie von Hollywood-Drehbuchschreibern schon immer beflügelt. Obwohl Kritiker die Popkultur gerne trivialisieren, dient sie als gesellschaftlicher Seismograph.

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Im Jahr 2000 dürften die Simpsons für Belustigung gesorgt haben, als in Barts Zukunftsvision vom früheren US-Präsidenten Donald Trump die Rede war. Während die Wenigsten Trump bei der Verkündung seiner Kandidatur im Juni 2015 Chancen ausgerechnet haben, produzierten die Simpsons im gleichen Jahr die Folge »Trumptastic Voyage«, mit Szenen aus Trumps Präsidentschaft. Obwohl Trump in Serien wie »House of Cards« und »Designated Survivor« nicht direkt thematisiert wird, so werden diese dennoch unweigerlich vor dem Hintergrund seiner Präsidentschaft gesehen.

»House of Cards«

Das im Jahr 2013 erstausgestrahlte Polit-Drama handelt von dem machthungrigen Frank Underwood, gespielt von Kevin Spacey, der als Kongressabgeordneter und Mehrheitsführer der Demokraten durch Intrigen, Erpressungen und Mord in das Weiße Haus einzieht. Mit seiner machtgierigen Ehefrau Claire, die an Lady Macbeth erinnert, überschreitet Underwood als moderner Machiavelli moralische Grenzen und schreckt vor nichts zurück. Das Remake der gleichnamigen BBC-Serie aus dem Jahr 1990 ist aktueller denn je. Nach dem Rücktritt des Präsidenten wird Vizepräsident Underwood sein Nachfolger und zieht in einen schmutzigen Präsidentschaftswahlkampf. Die am 4. Mai 2016 veröffentlichte 4. Staffel von »House of Cards« antizipierte Schlagthemen der heißen Wahlkampfschlacht zwischen Hillary Clinton und Donald Trump, die erst wenige Wochen später aufkommen sollten: Schmierenkampagnen im Wahlkampf, der Vorwurf der Wahlmanipulation, Cyberterrorismus, eine kalte militärische Auseinandersetzung mit Russland und Berichte über frühere Affären des Präsidenten. Während des Wahlkampfs konnte man leicht die CNN-News mit einer Folge »House of Cards« verwechseln.

In der 5. Staffel, die vier Monate nach Trumps Amtseinführung veröffentlicht wurde, setzten die Produzenten auf Skandalthemen wie Hackerangriffe, Einreisesperren für Ausländer und Wahlmanipulation. Zu diesem Zeitpunkt waren die Zeitungen bereits mit genau diesen Themen prall gefüllt und das Unglaubliche wurde wahr: das geniale Polit-Drama wurde von der Realität überholt. Während »House of Cards« in der 4. Staffel durch Überzeichnungen die kommenden Monate vorwegnahm, überzeichnete nach der Wahl die Realität die Überzeichnung und enteilte ihr. Die Co-Hauptdarstellerin Robin Wright beklagte Trumps Ideenklau, der der Produktion schwere Probleme bereitete.

Die vierte Wand: Underwoods Komplizen und Trumps Twitter-Follower

Die Erzählperspektive ist eine Besonderheit von »House of Cards«. Frank Underwood durchbricht die vierte Wand zum Zuschauer, unterhält mit zynische Kommentaren und lässt an seinen Intrigen teilhaben. In der Manier von Shakespeares bösartigem Richard III. baut Underwood ein Verhältnis zu den Zuschauern auf und macht sie zu Komplizen. Als Zuschauer muss man sich ernsthaft fragen, ob man Frank Underwood nicht auf den Leim gegangen ist und ob man ihm in manchen Situationen nicht sogar die Daumen drückt.

Diese Technik der persönlichen Ansprache in einer unkonventionellen Situation ist die entscheidende Ähnlichkeit zu Donald Trump. So untypisch Underwoods an den Zuschauer gerichtete Seitenbemerkungen für eine Fernsehfigur sind, so ungewöhnlich sind die regelmäßigen, saloppen Twitter-Kommentare für einen Präsidenten. Der Effekt ist der gleiche: ganz unkonventionell durchbricht Trump die vierte Wand zum Wähler und für manche seiner Anhänger wird er zu einer Art vertrauten Twitter-Freund.

Als Kevin Spacey während des Präsidentschaftswahlkampfes gefragt wurde, wie eine Fernsehdebatte zwischen Frank Underwood und Donald Trump ausgehen würde, antwortete er: »Er würde gar nicht hinkommen. Auf dem Weg würde es einen schrecklichen Unfall geben. Schrecklich und sehr traurig.« Nach Meinung mancher Beobachter ist der fiktive Präsident auch außerhalb der Fernsehserie gefährlich.

»House of Cards« als Wegbereiter für Trumps Präsidentschaft?

Agnieszka Holland, die Regisseurin einiger Episoden von »House of Cards«, nannte Frank Underwood in einem Interview »Eine gefährliche Schöpfung«. Holland glaubt, dass Donald Trumps Politikertypus durch Frank Underwood als intriganten Präsidenten salonfähig gemacht wurde, genauso wie sie denkt, dass die Präsidentschaft Obamas nur durch die Präsenz schwarzer Präsidenten in Fernsehproduktionen ermöglicht wurde. Diese Meinung mag weit verbreitet sein, da beispielsweise die Darstellung von Gewalt in Medien nachweislich zur Desensibilisierung und zu einer Abstumpfung führen kann.

Ob dieser Effekt auf Trump zutrifft ist schwierig zu beurteilen und es ist eher fragwürdig, dass die Darstellung Underwoods die Toleranz der Wähler gegenüber solcher Politiker erhöht und gleichzeitig die Hemmschwelle der Politiker gesenkt hat. Da laut einer repräsentativen Umfrage 75% der Amerikaner noch nie eine Folge »House of Cards« gesehen hat, lässt dies erst recht Zweifel an dem Effekt auf die relevante Gruppe der unentschlossenen Wähler zu. Bei solchen unentschlossenen Wählern greifen wohl eher die Mechanismen der Abschreckung als die der Abstumpfung.

Im Übrigen schreiben nicht alle Wähler automatisch Trump die gleichen Charaktereigenschaften wie Underwood zu, dies ist eine Aussage aus dem mitte-links Spektrum, die der Realität der amerikanischen Wählerschaft nicht gerecht wird. Es ist eher so, dass die vom Establishment müden Wähler die Affären Trumps billigend in Kauf genommen haben. Apropos Affären: Bei dem Überstehen von Affären ist Donald Trump weitaus erfolgreicher als Underwoods Darsteller Kevin Spacey. Die Belästigungsaffäre konnte Spacey nicht so einfach abschütteln, wie Trump die seinen. Nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Spacey wurde er inmitten der 6. Staffel entlassen, die Serie wird mit Claire Underwood weiterproduziert und am Ende dieser Staffel ihr Ende finden.

»Designated Survivor«: Der Gegenentwurf?

Die Pilotfolge von »Designated Survivor« wurde am 21. September 2016, drei Jahre nach dem Start von »House of Cards« und Mitten im US-Präsidentschaftswahlkampf, ausgestrahlt. Seit dem Kennedy-Attentat gibt es einen Designated Suvivor, der an einem sicheren Ort bleibt, wenn die gesamte Regierung zusammenkommt. Der parteilose Wohnungsbauminister Tom Kirkman erfährt vom Präsidenten, dass er ihn im Kabinett austauschen möchte, Kirkmann soll aber noch einmal am Abend während der Rede des Präsidenten zur Lage der Nation im Kapitol als Designated Survivor fungieren. Während der Rede explodiert eine Bombe, neben dem neuen Präsidenten Kirkman überleben nur die Sprecherin des Repräsentantenhauses und ein Senator. Schnell wird klar, dass der Bombenanschlag eine großangelegte Verschwörung war. Der Politik-Seiteneinsteiger und Idealist Kirkman hat zu Beginn seiner Präsidentschaft mit Anschuldigungen zu kämpfen er sei nicht erfahren und qualifiziert genug.

Die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit Netflix?

Die spannende Frage lautet, inwiefern Filmproduktionen Einfluss auf die Wahlentscheidung haben. Hat die »House of Cards«-Regisseurin Agnieszka Holland recht damit, »House of Cards« Donald Trump den Weg ins Weiße Haus bereitete und dass schwarze Präsidenten in TV-Serien den Weg für Obamas Präsidentschaft erst ebneten? Drei Aspekte zum Einfluss der beiden Netflix-Serien und der Unterhaltungsindustrie auf die Wahlentscheidung möchte ich dazu näher beleuchten:

1) Übersehene Establishment-Kritik

Während eine Vielzahl an Rezensionen und Artikeln den intriganten und bösartigen Frank Underwood als Antizipation von Donald Trump sieht, wird Tom Kirkman mit seinem hohen Maß an Idealismus und Moral, seiner Reflektiertheit und seiner Bescheidenheit als Gegenentwurf Trumps betrachtet.

Bei der Konzentration auf den polarisierenden Trump wird zu oft die starke Establishment-Kritik der beiden Netflix-Serien übersehen. Sie dokumentieren die starke, quer durch die Bevölkerung gehende, Entfremdung der Amerikaner mit der Washingtoner Politikerkaste. Underwood verkörpert, wie keine andere Filmfigur, das Washingtoner Establishment, bei dem Intrigen, Gefälligkeiten und Korruption das Tagesgeschäft prägen. Die übrigen Politiker der Serie sind ähnlich und so ist Underwood was moralische Fragwürdigkeit anbelangt Primus inter pares, ein Erster unter Gleichen. Bei »Designated Survivor« wird die erste Reihe des Washingtoner Establishments zwar mit dem Bombenanschlag ausgelöscht, doch reaktivierte Politiker und Gouverneure geben ein ziemlich schlechtes Bild ab: Der ehemalige Präsident Moss versucht Kirkman zu sabotieren, ein ehemaliger Senator wird von einem Belästigungsskandal eingeholt und verteidigt sich mit Erpressungsversuchen, der amtierende Gouverneur von Michigan ist nur an seinem Machterhalt interessiert und gefährdet nationale Interessen.

Bei der Gleichsetzung Underwood – Trump kommt zu kurz, dass Trump nicht dem Washingtoner Establishment angehörte. Die Gegenüberstellung Kirkman – Trump lässt außer Acht, dass Trump-Anhänger eher Parallelen sehen mögen: beides sind Seiteneinsteiger in der Politik, die ihre Erfahrungen außerhalb des Politik-Establishments gemacht haben und dagegen ankämpfen.
Fazit: In beiden Serien findet sich reichlich Establishment-Kritik, die die weitgreifende Ernüchterung vieler Amerikaner widerspiegelt. Und im entscheidenden Wahljahr 2016 stand Hillary Clinton wie keine andere für das Washingtoner Establishment und zudem erinnert das Gespann Frank und Clair Underwood mit ihren Ambitionen auf das Präsidentenamt eher an Bill und Hillary Clinton. Eines der Hauptargumente gegen Jeb Bushs Kandidatur war die Sorge vor einer Fortführung der Familiendynastie.

2) Die Unterhaltungsindustrie wird weit überschätzt

Eingangs nannte ich die Popkultur einen gesellschaftlichen Seismographen. Seismographen dokumentieren aktuelle Entwicklungen, obwohl man vorliegende Daten hochrechnen kann, sind diese Voraussagen nicht immer zuverlässig. Die den Demokraten nahestehende Hollywood-Unterhaltungsindustrie gibt immer Wahlempfehlungen ab. Amerikaner sind selten von den Empfehlungen der Hollywood-Sternchen zu beeindrucken, sonst dürfte nie ein Republikaner Präsident werden. 2016 war kaum ein Trump-Fürsprecher in Hollywood zu finden, doch die Wahlnacht machte alle Wahlempfehlungen zu Schall und Rauch. Vielleicht sind die beiden Netflix-Produktionen mehr Dokument einer öffentlichen Wahrnehmung, als dass sie diese prägen.

3) Die wirklich wahlentscheidenden Faktoren

Die Wahlentscheidung ist wesentlich komplexer und vielschichtiger, als von der Regisseurin Agnieszka Holland angenommen. Ihre monokausale Erklärung ist zu stark vereinfacht, gerade die unentschlossenen Wähler unterliegen vielen Einflüssen, viele kleine Mosaiksteinchen ergeben ein Gesamtbild.

Zuerst zählt die persönliche Einstellung der Wähler, eingeschworene Republikaner und Demokraten werden nicht umgestimmt und lassen sich durch Unterhaltungsmedien lediglich ihr Weltbild bestätigen. Für Demokraten mag Trump ein real gewordener Underwood sein, in Kirkman sehen sie einen Gegenentwurf zum aktuellen Präsidenten. Republikaner (besser gesagt: Trump-Anhänger) finden eher weniger Parallelen zwischen Trump und Underwood, da Underwood für sie das verhasste Establishment verkörpert. In Kirkman sehen Republikaner eher, wie in Trump, einen Seiteneinsteiger aus der freien Wirtschaft, der von außerhalb des Politikbetriebs kommt und auch gegen die Auswüchse des Establishments ankämpft. Die Auswirkungen von Netflix-Serien auf unentschlossene Wähler sind wesentlich spannender. Allerdings habe ich auf die Zweifelhaftigkeit der Aussagen von Agnieszka Holland, dass bei unentschlossenen Wählern durch einen moralisch verachtenswerten TV-Präsidenten die Hemmschwelle sank, bereits hingewiesen. Es ist eher so, dass die vom Establishment müden Wähler die Affären Trumps billigend in Kauf genommen haben. Politik ist nämlich weit davon entfernt wie eine Rechenformel zu funktionieren. Obama wurde 2008 nicht wegen vorheriger schwarzer TV-Präsidenten gewählt, sondern weil der außerordentlich charismatische Politiker den Zeitgeist traf. Genauso wäre Trump auch ohne »House of Cards« Präsident, er verkörperte zur richtigen Zeit das Anti-Establishment, er setzte auf die richtigen Themen in den richtigen Staaten und seine Gegenkandidatin hatte mit schlechten Beliebtheitswerten und Korruptionswürfen zu kämpfen.

Doch auch Fernsehsendungen sind ›demokratischen Spielregeln‹ unterworfen. Die Amerikaner entscheiden mit ihren Einschaltquoten, ob es eine dritte Staffel »Designated Survivor« geben wird, genauso wie sie über eine zweite Amtszeit Trumps entscheiden werden. In jedem Fall: Netflix wird dabei sein. Und welchen Einfluss der Online-Streamingdienst auf die Wähler hat, wird Gegenstand weiterer Untersuchungen sein müssen. Es ist gewissermaßen ein Mosaiksteinchen, und was das Ergebnis aller Mosaiksteinchen sein wird, erfahren wir am 03. November 2020.

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