Sind Gläubige die besseren Bürger?

Andreas Püttmann16.01.2015Politik

Um den Staat zu retten, müssen wir uns wieder den Kirchen zuwenden 
– denn das Christentum macht uns zu besseren Bürgern.

Den in Deutschland wohl bekanntesten staatsphilosophischen Satz schrieb 1967 der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist.“

Ohne Bürgertugenden ist kein demokratischer Rechtsstaat zu machen. Und wo werden sie ­gelehrt und eingeübt? In Familie, Schule, Kirche. So ­lautete jahrzehntelang die Trias moralischer Erziehung. Als tiefste Quelle des ethischen Know-hows aber galt die christliche Religion.

Zwar verlor ihr Credo seit den 1960er-Jahren ­erheblich an Plausibilität – und mit ihm die Kirche an Bindungskraft – doch dass Glaube und Moral irgendwie zusammenhängen, ist eine noch weit verbreitete Überzeugung. Dass man „durch den Glauben, wenn man ihn ernst nimmt, ein besserer Mensch“ werde, meinten laut Allensbach im März 2006 etwa 40 Prozent der Deutschen. Also weit mehr, als am kirchlichen Leben halbwegs ­regelmäßig teilnehmen.

Glaube prägt mehr als so manches Gesetz

Christliche Beiträge zu den Verfassungsvoraussetzungen im Sinne Böckenfördes werden meistens aus einer institutionellen Perspektive gesehen: Man würdigt kirchliche Einrichtungen, wie Kindergärten oder Krankenhäuser, genau wie Beiträge zur Völkerverständigung, europäischen ­Integration, deutschen Wiedervereinigung oder Entwicklungshilfe.

Leicht übersehen wird die millionenfache Wirkung christlicher Ethik auf alltägliche Lebenssituationen, auf Herzen und Gewissen von Menschen, auf soziale Entscheidungen in Familie, Beruf und Gesellschaft, die in kein Geschichtsbuch eingehen. Dabei prägen sie den Zustand der res publica wahrscheinlich mehr als viele „Staatsaktionen“ auf der politischen Bühne.

Eine empirische Jugendstudie von Gerhard Schmidtchen kam schon in den 1990er-Jahren zu dem Fazit, „dass eine am christlichen Menschenbild orientierte Erziehung weniger den larmoyanten Typ hervorbringt, der lediglich über die Verhältnisse klagt, statt sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und auch die eigenen Fehler und Versäumnisse einzugestehen. Die im Kontext der kirch­lichen Soziallehre vertretene Theorie einer subsidiären Gesellschaft, die zunächst die Aktivierung der eigenen Kräfte verlangt, bevor man nach dem Staat ruft, zeigt sich hier als besonders wirksam“.

Die anspruchsvolle Auffassung „Ich will nicht fragen: Was tut der Staat für mich, sondern: Was tue ich für den Staat“ wurde bei Allensbacher Umfragen fast doppelt so häufig von kirchennahen Katholiken wie von Konfessionslosen ­geteilt. Eine andere Frage lautet: „Zwei Menschen unterhalten sich über das Leben. Der erste sagt: ‚Ich möchte mein Leben genießen und mich nicht mehr ­abmühen als nötig. Man lebt schließlich nur einmal, und die Hauptsache ist doch, dass man etwas von seinem Leben hat‘. Der Zweite sagt: ‚Ich betrachte mein Leben als eine Aufgabe, für die ich da bin und für die ich alle Kräfte einsetze. Ich möchte in meinem Leben etwas leisten, auch wenn das oft schwer und mühsam ist‘. Was meinen Sie: Welcher von diesen beiden macht es richtig, der erste oder der zweite?“ Die große Mehrheit der kirchennahen Christen (59 Prozent der Katholiken, 47 Prozent der Protestanten) machte sich die Einstellung „Leben als eine Aufgabe“ zu eigen; nur 17 Prozent der katholischen und 27 Prozent der evangelischen Kirchgänger bevorzugten die hedonistische Antwort. Unter den Konfessionslosen wurden dagegen beide Positionen etwa gleich oft vertreten.

Die soziologischen Befunde haben einen theologischen Grund: Die christliche Erbsündenlehre von der Fehlerhaftigkeit und Schwachheit der menschlichen Natur bewahrt vor überzogenen Erwartungen an Politik und Politiker und leistet damit einen wichtigen Beitrag gegen Politikverdrossenheit und Radikalisierung. An den christlichen Wählern scheiterte etwa der Einzug der NPD in die Landtage von Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Humus für Demokratie

Der Christ darf und soll zwar auf das ursprünglich und potenziell Gute im Menschen vertrauen; wird er dann aber enttäuscht, kann seine Reaktion dennoch maßvoll ausfallen, weil ihn das Böse nicht unerwartet, unerklärbar und ungetröstet trifft. Den Übeltäter kann er nicht allzu rigoros verurteilen, weil er die Erkenntnis, dass „alle zumal Sünder und Böse“ (Martin Luther) sind, stets auch auf sich selbst beziehen muss. Christlicher Demut ist selbstgerechtes Schwarz-Weiß-Denken fremd; ihr bleibt bewusst, „dass wir alle Zebras sind“ (Joachim Kardinal Meisner).

Sind die Gläubigen also die besseren Bürger? „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“, wie es im Evangelium heißt? Zwar spricht in der Tat viel dafür, dass das Wort von Origines gegen Celsus noch gilt: „Die Christen erweisen ihrem Vaterland mehr Wohltaten als die übrigen Menschen. Denn sie sind erzieherische Vorbilder für die anderen Bürger.“ Oder mit den Worten des zweiten Bundestagspräsidenten Hermann Ehlers: „Der Staat lebt nicht nach den Weisungen der Kirche, aber von den Früchten ihrer geistlichen Existenz.“ Doch ist eine Aussage über alle keine Aussage über jeden. So wie es sämtliche Laster einschließlich der ­bequemen Attitüde eines deutschen „Ohne-Michel“ auch unter Gläubigen gibt, finden sich selbstverständlich unter den Nichtgläubigen vorbildlich engagierte Staatsbürger.

Andererseits begründen die Befunde der Sozial­kapitalforschung durchaus Gregor Gysis Wort: „Auch als Nichtgläubiger fürchte ich eine gottlose Gesellschaft.“ Wenn wir den Anker lichten, den das Grundgesetz mit der „Verantwortung vor Gott“ geworfen hat, dann könnte die soziale Temperatur langfristig spürbar sinken. Tut sie das nicht schon?

Der christliche Impuls zur Weltverantwortung ist jedenfalls ein wichtiger Humus für eine ­florierende Demokratie. Der Staat hat daher allen Grund, auch in einem immer weniger christlichen Deutschland sein partnerschaftlich-kooperatives Verhältnis zu den Kirchen weiter zu ­pflegen und ihre Wirkungsmöglichkeiten zu fördern. Kein Wunder, dass unter den führenden ­Politikern ­nahezu aller Parteien die Christen überrepräsentiert sind.

Andreas Püttmann analysiert grundsätzliche Fragen von Religion­ und Politik, Sozialethik und öffentlicher Meinung. Der studierte Politikwissenschaftler­ war unter anderem freier ­Mitarbeiter beim WDR, Redakteur beim „Rheinischen Merkur“ und ­wissenschaftlicher Mitarbeiter der ­Konrad-Adenauer-Stiftung. Püttmann wurde 1991 mit dem ­Katholischen Journalistenpreis ausgezeichnet.

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