So nicht, werte Glaubensbrüder!

von Andreas Püttmann15.10.2013Gesellschaft & Kultur

Wer Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst noch unterstützt, hat den Schuss nicht gehört. Zeit, sich an eine Rede von Papst Benedikt XVI. zu erinnern.

Ein Bischof darf Fehler haben und welche machen. Er ist eben Mensch – und zudem Nachfolger von Aposteln, die auch nicht immer als moralische Hochleistungssportler glänzten. In einem muss ein „Mitarbeiter der Wahrheit“ allerdings tadellos sein: in der Tugend der Wahrhaftigkeit. Ein lügender Bischof ist ein absolutes „No go“. Wird er hierbei ertappt, hat er dies, ehrlich zerknirscht, einzugestehen und seinen Rücktritt anzubieten. Dann kann er vielleicht doch im Amt bleiben. Beides tat Franz-Peter Tebartz-van Elst jedoch nicht, als ihn der „Spiegel“ der Unwahrheit überführte: „Business Class sind wir geflogen“.

Von einem Mann der Kirche erwartet man mehr

Allein dies reicht einem schon, um sogar als Sympathisant des Bischofs von ihm abzurücken. Und zwar unabhängig davon, ob ein Gericht die Falschaussage als strafbar im Sinne einer falschen Versicherung an Eides Statt betrachtet. Das Recht kann nur ein ethisches Minimum garantieren. Von einem Mann der Kirche indes erwartet man mehr. Insofern entbehrt es nicht der Peinlichkeit, wenn ein Katholikensprecher im Deutschlandfunk erklärt, erst bei Ergehen eines Strafbefehls sei der Bischof nicht mehr im Amt tragbar.

Dass Tebartz-van Elst sich später zusätzlich als verschwenderischer Bauherr bloßstellen lassen musste und zuletzt wiederum als Mann, der ein „taktisches Verhältnis zur Wahrheit“ selbst gegenüber eigenen Beratern pflegte – ja nach glaubhaftem Zeugnis gar andere zu Vertuschung und Unwahrheit angestiftet haben soll – kam nur noch als eine Art Versagens-Overkill zum längst ausreichenden Rücktrittsgrund hinzu.

Ignoranz, Ablenkung, Diskreditierung, Medienschelte

Es ist allerdings nicht nur dem Bischof anzulasten, dass aus der Affäre eine monatelange Hängepartie geworden ist, die Kirche und Caritas immensen Schaden zufügte. Mitverantwortung trägt auch sein Unterstützermilieu: paradoxerweise meist sittenstrenge Verfechter eines konservativen Ordo-Katholizismus, denen aber im geistigen Gefängnis ihrer Parteilichkeit, Selbstreferenzialität und Lagermilitanz die normativen Sicherungen durchbrannten. Ihre Devise: „Right or wrong – my bishop!“

Im Arsenal ihres Abwehrkampfes stößt man auf: Ignoranz gegenüber belastenden Fakten, Ablenkungsmanöver („Wurde der Vermögensrat seiner Verantwortung gerecht?“), Diskreditierung von Kritikern („Wollte der verräterische Frankfurter Stadtdekan nicht selbst Bischof werden?“), vor allem aber Medienschelte und Verweise auf journalistische Fehlleistungen, die es tatsächlich auch hier wieder gab.

Journalistenschludrigkeit, so ärgerlich sie auch sein mag, darf aber ebenso wenig den Blick auf das Hauptsächliche und Ursprüngliche verdecken wie die Tatsache, dass es Trittbrettfahrer gab, die ihr kirchenpolitisches Süppchen auf der Affäre zu kochen gedachten. Auch wer dies durchschaut, darf deshalb nicht den Kernfragen ausweichen: Sagte der Bischof die Unwahrheit über seinen First-Class-Flug, und sind über 30 Millionen Euro für eine Bischofsresidenz mit luxuriösen Accessoires akzeptabel?

Bei „Günther Jauch“ führte Manfred Lütz mit moralischem Tremolo ein pseudoevidentes Totschlagsargument zur Entlastung des Bischofs ins Feld: Auf einen schon am Boden Liegenden dürfe man doch nicht weiter einschlagen! Welcher gutmeinende Mensch wollte sich dagegen erheben? Was der gewiefte Rhetoriker unterschlug: Tebartz sitzt immer noch auf seinem Bischofsstuhl. Und das ist nicht am Boden liegend.

Wäre er, statt sich an Amt und Würden festzuklammern, in Demut selbst zu Boden gegangen, gäbe es keine „Hatz“. Er selbst ist für die andauernde Bedrängnis verantwortlich. Seine Kritiker sind nicht einfach böse und unbarmherzig, wie Lütz‘ Bild es suggeriert, sondern sie verteidigen eine von Tebartz verletzte moralische Ordnung. Nach deren Wiederherstellung durch Einsicht, Reue, Bekenntnis, Buße und Wiedergutmachung bzw. Besserung – so die klassischen Etappen christlicher Versöhnung – würde sich der Sturm der Entrüstung in der öffentlichen Meinung gewiss legen. Aber nichts davon hat Tebartz bisher überzeugend geleistet.

Eine entlarvende Pointe

Dass ausgerechnet Kräfte, die sich „papsttreu“ nennen, den gerade in Deutschland so nötigen Schwung und die Intentionen des neuen Pontifikats konterkarieren durch ihre Unterstützung eines verstockten Bischofs, ist die entlarvende Pointe des deprimierenden Schauspiels. Nicht nur Tebartz-van Elst, sondern auch seine totalapologetischen Anhänger haben sich in diesen Wochen um ihre Glaubwürdigkeit gebracht. Von ihnen wird man so schnell keine moralischen Belehrungen mehr entgegen nehmen.

Sie haben sich als das präsentiert, was sie anderen notorisch vorwerfen: als Relativisten. Und zwar solche der praktischen Sorte. Durch ihre Rabulistik wird im Handumdrehen eine Lüge zum „Versprecher“, eine Bischofsresidenz zum „diözesanen Zentrum“, ein kostenunbekümmerter Änderungswunsch zum Handwerkerversäumnis, authentische Empörung zur „Hetze“, ein Beratergremium zum eigentlich verantwortlichen Aufsichtsrat und eine Designer-Badewanne zum Bobby-Car.

So nicht, werte Glaubensbrüder! Manche von Euch haben in ihrem undifferenzierten Medienhass schon Guttenberg und sogar Wulff zu unschuldigen Opfern einer „Hetzjagd“ stilisiert. Eure Losung: „Einmal Medienkampagne, immer Medienkampagne!“ verstellt den Blick auf die wesentlichen Verantwortlichkeiten. Der gefährlichste Feind des Limburger Bischofs kommt nicht von außen.

Gefragt ist jetzt jene „totale Redlichkeit“, von der Benedikt XVI. in seiner großen Freiburger Rede sprach. Es gelte, „jede bloße Taktik abzulegen“, nichts von der Wahrheit auszuklammern – zu der auch die „Unbotmäßigkeit der Verkünder des Glaubens“ gehört – und eine Kirche zu suchen, „die sich ihres weltlichen Reichtums entblößt“. Ihr habt damals geklatscht. Aber habt ihr wirklich verstanden?

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