„Mein Volk, was habe ich dir getan?“

Andreas Püttmann15.02.2013Gesellschaft & Kultur

Den Deutschen ist ihr Papst eigentümlich fremd geblieben. Erst in der Rückschau werden sie erkennen, was sie an diesem Papst wirklich hatten.

Jede Gesellschaft hat die Helden – und in der Demokratie die Politiker –, die sie verdient. In einer Kirche ist das mit den Vorbildern anders. Da kann es auch mal ein unverdientes Geschenk von oben geben. Das nennt man dann Gnadengabe. Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Ich bin davon überzeugt, dass Joseph Ratzinger so ein Gnadengeschenk an seine Kirche ist. Bald muss man „war“ sagen, selbst wenn er als Mensch, Gelehrter, Ratgeber für Einzelne und Beter noch unter uns bleibt. Aber die Öffentlichkeit wird er meiden.

Als Allensbach jüngst die Deutschen nach Persönlichkeiten fragte, die „Ihrer Meinung nach heute ein Vorbild sein“ könnten – es sollten bis zu drei aus 20 Namen genannt werden –, landete Papst Benedikt mit neun Prozent auf Rang 15, knapp hinter Bill Gates und Rosa Luxemburg (10 Prozent), knapp vor Steffi Graf (8 Prozent) und Michael Schumacher (7 Prozent). Bei einer „Stern“-Umfrage im Januar 2012 zum Vertrauen in Institutionen rangierte er mit 29 Prozent ebenfalls im unteren Drittel einer 34er-Liste, zwar vertrauenswürdiger als seine katholische Kirche (21 Prozent), aber weit hinter der evangelischen (43 Prozent) – die trotzdem schneller schrumpft – sowie Krankenkassen (46 Prozent), Unternehmern (48 Prozent), Stadtverwaltung (56 Prozent), Umweltschutzverbänden (69 Prozent), Universitäten (77 Prozent) und Polizei (82 Prozent). „Unser Joseph Ratzinger“, so die „Bild” nach der Papstwahl 2005, ist den Deutschen am Ende seines Pontifikats und trotz dreier Besuche im Heimatland wohl nicht näher ans Herz gewachsen, sondern eigentümlich fremd geblieben.

Benedikt XVI. hat Herkulesarbeit geleistet

Dabei verkörpert er Deutschlands beste Traditionen: wissenschaftliche Exzellenz, Bildung, Sprachkunst, Fleiß, Tapferkeit, Gewissenskultur und Frömmigkeit. Doch scheinen die Deutschen einige dieser Tugenden entweder nicht mehr hoch genug zu schätzen, oder ihr Blick auf die herausragende Persönlichkeit des Papstes ist zur sehr verstellt durch ihr Unverständnis, vor allem für die sexualmoralischen Lehren der Kirche, in die sich die mediale Diskussion seit Jahren verbissen hat. Schon die Popularitätswerte Johannes Pauls II. in Deutschland waren elf Jahre nach seiner Wahl von 70 auf 30 Prozent gefallen, weil man ihn weniger „fortschrittlich“ wahrnahm als anfangs. Dieses Imageproblem wird keinem künftigen Papst erspart bleiben. Zwischen einer mächtigen protestantischen Tradition in Luthers Stammlanden, die auch auf Katholiken abfärbt, und einem wachsenden praktischen oder missionarischen Atheismus muss auch das beste Pontifikat zerredet werden. Johannes Paul II. konnte dem nur durch seinen Beitrag zur Niederringung des Kommunismus und sein öffentlich ertragenes Leiden entgehen.

Benedikt XVI. hat trotz seines hohen Alters in den acht Jahren als Pontifex Herkulesarbeit geleistet: Mit seinen großartigen, auch ökumenisch bedeutsamen Jesus-Büchern, den zahllosen glaubensvertiefenden Katechesen und seinen auch außerhalb der Kirche beachteten Enzykliken über die Liebe, die Hoffnung und den Dienst der Kirche an der Gesellschaft. Mit bravourös absolvierten Pastoralreisen auf so schwierigem Terrain wie in der Türkei, in Frankreich, Großbritannien, Israel oder im Libanon, im Berliner Reichstag und Freiburger Konzerthaus voller „Memorandums“-seliger Katholiken.

Er hat mit Nulltoleranz strenge Richtlinien gegen den Missbrauch durch Kleriker durchgesetzt und ist in adäquater Weise auf die Opfer zugegangen. Er hat elementare Diskussionen beflügelt: über Glaube und Vernunft, Religion und Gewalt, Politik und Recht, die Öffnung der Umweltbewegung für eine „Humanökologie“ und die „Entweltlichung“ einer strukturkonservativen Wohlstandskirche. Selbst durch seinen – mehr als 700 Jahre Konvention sprengenden – Rücktritt in Würde und Demut hat er noch Maßstäbe für Kirche und Gesellschaft gesetzt. Angesichts all dessen kann man durchaus ins Grübeln kommen, wie die intellektuelle, geistliche und charakterliche Klasse dieses Papstes eigentlich noch einmal von einem Nachfolger erreicht werden soll.

„Mein Volk, was habe ich dir getan?“

Die insgesamt über 30-jährige römische „Ära Ratzinger“ – denn Johannes Paul II. verdankte ihm „das theologische Profil meines Pontifikats“ – dürfte in der Rückschau als eine der bedeutenden der Kirchengeschichte betrachtet werden. Vielleicht wird dem brillanten Theologen und Gesprächspartner führender säkularer Philosophen sogar noch die Ehre eines „Kirchenlehrers“ der Neuzeit zuteil. Die von kirchenfremden Medien genussvoll hochgespielten „Skandale“, wie ein diplomatisch unbedachtes Literaturzitat oder ein missglückter Versöhnungsversuch mit verstockten Traditionalisten werden dann eher Fußnoten sein.

Zweimal kam ich Benedikt XVI. ganz nah: 2006 in einer Istanbuler Kirche, dann wieder im November 2012 bei einem Privatkonzert in der Sixtinischen Kapelle. Ich erschrak: In den sechs Jahren dazwischen musste sich der Papst total ausgelaugt haben in seinem Dienst. Aber der tiefere Eindruck war beide Male der einer atemberaubenden Güte, Sanftmut und Bescheidenheit. Wenn ich an die beschämende „sprungbereite Feindseligkeit“ denke, die diesem in seiner Heimat so oft verkannten, wahrhaft christusförmigen Menschen widerfuhr, dann fallen mir die Heilandsklagen des Karfreitags ein: „Mein Volk, was habe ich dir getan, womit nur habe ich dich betrübt?“ Und die Frage eines polnischen Professors: „Was macht ihr eigentlich mit unserem Papst?“ Er meinte nicht Johannes Paul.

Mich hast Du, Joseph Ratzinger, von Jugend an beglückt und im Glauben gestärkt. Adieu nun, aber bleibe noch bei uns! Wir brauchen Deine Weisheit, Dein Zeugnis und Dein Gebet.

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