Man soll nicht glauben, dass die Ehe einfacher ist als der Zölibat. Joseph Ratzinger

Die wohltemperierte Gesellschaft

Immer weniger Menschen bezeichnen sich als gläubig – doch was gibt einer Gesellschaft Halt, wenn der Einfluss der Religion sinkt? Der Atheismus kann es nicht. Studien zeigen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt gerade von religiös geprägten Menschen gelebt wird.

„Wer in Christus ist, ist eine neue Schöpfung“, schreibt Paulus (2. Kor 5,17). Aber was wird davon heute sichtbar, spürbar? Denken, fühlen, leben Christen wirklich anders? 2006 fragte Allensbach: „Wird man durch den Glauben, wenn man ihn ernst nimmt, ein besserer Mensch, oder würden Sie das nicht sagen?“ Im Westen Deutschlands zeigte sich eine knappe Mehrheit (44 zu 42 Prozent) von der moralischen Kraft des Glaubens überzeugt, im Osten jeder Vierte. Jedenfalls sprechen viele Menschen der Religion eine Schlüsselrolle für die Wertorientierung zu. Gregor Gysi bekannte sogar: „Auch als Nichtgläubiger fürchte ich eine gottlose Gesellschaft.“ Und Joschka Fischer schrieb 1992, eine „Ethik ohne religiöse Fundierung“ scheine „einfach nicht zu funktionieren“.

Werte statt Hedonismus

Inzwischen weisen viele empirische Befunde die christliche Religion als wichtige Humanitätsressource aus: Gesetzestreue und Leistungsbereitschaft, Beziehungskompetenz und Familienzusammenhalt, Lebenszufriedenheit und Gesundheit profitieren von einem lebendigen Glauben. Wichtige soziale Werte, Normen und Tugenden finden unter Gläubigen mehr Zuspruch als bei Atheisten oder Agnostikern. 14- bis 29-jährige religiöse Deutsche halten die Hilfe „für Menschen, die in Not geraten“ zu 72 Prozent für „wichtig im Leben“, Nichtreligiöse nur zu 44 Prozent. Bei „Verantwortung für andere übernehmen“ beträgt die Differenz 47 zu 28, bei „sozialer Gerechtigkeit“ 67 zu 52. Nichtreligiöse haben einen Vorsprung bei: „Viel Spaß haben, das Leben genießen“, „Hohes Einkommen, materieller Wohlstand“, „Starke Erlebnisse haben, Abenteuer, Spannung“ und „Risikobereitschaft“ (AWA 2007).

Auch die Vorbehalte gegen Abtreibung, Euthanasie oder embryonale Stammzellforschung schmelzen mit zunehmender Kirchenferne wie Schnee unter der Sonne. Ist die christliche Idee der Gottesebenbildlichkeit des Menschen „der fundamentalste Gleichheits- und Freiheitssatz der Geschichte“ (Paul Kirchhof), dann droht mit der Entchristlichung eine risikoreiche Drift. Normatives Denken verlöre an Halt. Der Glaube an Grundmaßstäbe von Gut und Böse wird von der Hälfe der Kirchgänger geteilt, aber nur von jedem Dritten der kirchenfernen Christen und Konfessionslosen. Die Gegenposition – „Es kann nie völlig klare Maßstäbe über Gut und Böse geben. Was gut und böse ist, hängt immer allein von den gegebenen Umständen ab“ – fand Zustimmung bei 18 Prozent der katholischen und 29 Prozent der evangelischen Christen mit starker Kirchenbindung; unter Kirchenfernen und Konfessionslosen sind es fast 50 Prozent. Entsprechend ist die strikte Ablehnung von Steuerhinterziehung, Versicherungs- und Sozialkassenbetrug oder Schwarzfahren besonders unter Gläubigen verbreitet.

Atheismus macht nicht glücklich

Auch, dass die 2008 in London gestartete atheistische Buskampagne menschliches Lebensglück an eine Abkehr von Gott koppelte, ist irreführend. „Bin sehr glücklich“ bekunden 45 Prozent der „gläubigen Kirchennahen“, aber nur jeweils 31 Prozent der „kirchlich distanzierten Christen“ und „Nichtreligiösen“ sowie 24 Prozent der „Glaubensunsicheren“. Trübe Aussichten auf eine Gesellschaft ohne Gott.
Man täte also gut daran, bei „Klimawandel“ nicht nur an Meteorologie zu denken, sondern auch an die „soziale Temperatur“. Sie wird durch unsere Vorstellungen vom Wahren, Guten und Schönen und damit wesentlich von Religion als zentraler Ordnung bestimmt. In welcher Gesellschaft wir zukünftig leben werden, ist weniger eine Frage muslimischer Zuwanderung als einer Auswanderung aus den christlichen Kirchen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolf Achim Wiegand, Thomas Punzmann, Peter Sloterdijk.

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