Obama hat Europa enttäuscht. Christoph von Marschall

Laizistischer Populismus

Laizistische Sektierer in der FDP machen mobil gegen eine angebliche Staatskirche in Deutschland. Sie betreiben den Abbruch eines Ethos, auf dem unsere Freiheit erst gedeiht.

Weil die FDP mit den klassischen Themen wie Steuersenkung, Deregulierung oder Datenschutz angesichts eskalierter Staatsverschuldung, deutschem Normierungsperfektionismus und terroristischer Bedrohung nur noch schwer durchdringt, sucht man sich offenbar Nebenkriegsschauplätze, auf denen Reformeifer scheinbar nichts kostet und "Genosse Trend“ nutzbar gemacht werden kann. Als solchen haben einige Schlaumeier um Generalsekretär Christian Lindner wohl die Entchristlichung der deutschen Gesellschaft ausgemacht und beschlossen, endlich wieder mal Avantgarde zu spielen: "Dort geht mein Volk, ich muss ihm nach, ich bin sein Führer“ (Talleyrand).

Volkszorn gegen die christliche Minderheit

Erst schwang sich ausgerechnet eine liberale Justizministerin dazu auf, den Volkszorn gegen eine gesellschaftliche Minderheit zu schüren – die kirchentreuen Katholiken und ihren Klerus –, sie an den Pranger zu stellen und einer Sonderbehandlung zu unterziehen. Die sichtlich affektgeladene Forderung der Beirätin der kirchenfeindlichen Humanistischen Union, die katholische Kirche allein habe sich einem "Runden Tisch“ zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in ihren Einrichtungen zu stellen, zerschellte bald an der Realität und dem kühlen Kopf ihrer Ministerkollegin Kristina Schröder (CDU).

Inzwischen hat auch FDP-Generalsekretär Lindner die Schwäche der Kirchen für sich entdeckt. Er hielt es für angebracht, eine Republik auszurufen, die wir längst haben, und eine "Staatskirche“ abzulehnen, die in deutschen Landen seit bald 100 Jahren gar nicht mehr besteht. Doch schon Lindners marktliberales Vorbild Friedrich von Hayek lehnte zwar für sich selbst den Glauben an einen persönlichen Gott explizit ab, würdigte aber, dass dieser die Menschen zu ökonomisch vernünftigem Verhalten anhalte, zum Beispiel zu Ehrlichkeit, Vertragstreue, Respekt vor dem Eigentum und der Familie. Sollte Lindner seinen Hayek im Original wenig gelesen haben, hätte er zumindest in der von Politikern gut beobachteten Süddeutschen Zeitung (13.9.2006) von dessen ausdrücklicher Wertschätzung des Glaubens an Gott lesen können: Selbst ein Agnostiker müsse "zugeben, dass wir unsere Moral und die Traditionen, die nicht nur unsere Zivilisation, sondern nachgerade unsere Existenz ermöglicht haben, dem Festhalten an wissenschaftlich so unannehmbaren Tatsachenbehauptungen verdanken“.

Sektiererischer Laizismus

Gern hörte man zu dem uninformierten und unreflektierten Geschwätz des – horribile dictu – Impulsgebers eines neuen FDP-Grundsatzprogramms die Meinung seines Parteivorsitzenden. Guido Westerwelle sagte der Westdeutschen Zeitung vom 8. April 2005 auf die Frage nach seinem Verhältnis zur Kirche: "Ich bin Mitglied meiner Kirche nicht aus Trägheit, sondern aus Überzeugung. Ich glaube, dass Werte in die Politik hineingehören.“ Auf die Nachfrage: "Christliche Werte?“ antwortete er: "Werte wie Nächstenliebe, Verantwortung füreinander – diese Werte nennt man zu Recht christlich. Sie prägen und führen mich in meiner politischen Arbeit.“

Manche bibelfundamentalistischen oder ultrakatholischen Eiferer, denen zum Politiker Westerwelle nie etwas Erleuchteteres einfiel als abfällige Sprüche über seine private Partnerschaft, könnten sich noch zurücksehnen nach diesem FDP-Chef, wenn erst mal Geistesgrößen wie Leutheusser und Lindner seine Nachfolge angetreten und die FDP ins "Freiheit und sonst nichts“-Ghetto eines sektiererischen Laizismus zurückkatapultiert haben – hierin sogar einig mit den SED-Erben in der Linken. Deren Fraktionschef Gregor Gysi allerdings bekennt: "Auch als Nichtgläubiger fürchte ich eine gottlose Gesellschaft.“ Damit ist er, wie zahlreiche sozialwissenschaftliche Daten zum Zusammenhang von Christentum und Freiheitsethos belegen, Herrn Lindner um einiges an Realitätssinn voraus.

Andreas Püttmanns aktuelles Buch “Gesellschaft ohne Gott: Risiken und Nebenwirkungen der Entchristlichung Deutschlands” ist im Gerth Medienverlag erschienen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Papst Franziskus, Andreas T. Sturm, Georg Dietlein.

Leserbriefe

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Mehr zum Thema: Fdp, Guido-westerwelle, Christian-lindner

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