Laizistischer Populismus

von Andreas PĂŒttmann15.12.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Laizistische Sektierer in der FDP machen mobil gegen eine angebliche Staatskirche in Deutschland. Sie betreiben den Abbruch eines Ethos, auf dem unsere Freiheit erst gedeiht.

Weil die FDP mit den klassischen Themen wie Steuersenkung, Deregulierung oder Datenschutz angesichts eskalierter Staatsverschuldung, deutschem Normierungsperfektionismus und terroristischer Bedrohung nur noch schwer durchdringt, sucht man sich offenbar NebenkriegsschauplĂ€tze, auf denen Reformeifer scheinbar nichts kostet und “Genosse Trend“ nutzbar gemacht werden kann. Als solchen haben einige Schlaumeier um GeneralsekretĂ€r Christian Lindner wohl die Entchristlichung der deutschen Gesellschaft ausgemacht und beschlossen, endlich wieder mal Avantgarde zu spielen: “Dort geht mein Volk, ich muss ihm nach, ich bin sein FĂŒhrer“ (Talleyrand).

Volkszorn gegen die christliche Minderheit

Erst schwang sich ausgerechnet eine liberale Justizministerin dazu auf, den Volkszorn gegen eine gesellschaftliche Minderheit zu schĂŒren – die kirchentreuen Katholiken und ihren Klerus –, sie an den Pranger zu stellen und einer Sonderbehandlung zu unterziehen. Die sichtlich affektgeladene Forderung der BeirĂ€tin der kirchenfeindlichen Humanistischen Union, die katholische Kirche allein habe sich einem “Runden Tisch“ zur Aufarbeitung von MissbrauchsfĂ€llen in ihren Einrichtungen zu stellen, zerschellte bald an der RealitĂ€t und dem kĂŒhlen Kopf ihrer Ministerkollegin Kristina Schröder (CDU). Inzwischen hat auch FDP-GeneralsekretĂ€r Lindner die SchwĂ€che der Kirchen fĂŒr sich entdeckt. Er hielt es fĂŒr angebracht, eine Republik auszurufen, die wir lĂ€ngst haben, und eine “Staatskirche“ abzulehnen, die in deutschen Landen seit bald 100 Jahren gar nicht mehr besteht. Doch schon Lindners marktliberales Vorbild Friedrich von Hayek lehnte zwar fĂŒr sich selbst den Glauben an einen persönlichen Gott explizit ab, wĂŒrdigte aber, dass dieser die Menschen zu ökonomisch vernĂŒnftigem Verhalten anhalte, zum Beispiel zu Ehrlichkeit, Vertragstreue, Respekt vor dem Eigentum und der Familie. Sollte Lindner seinen Hayek im Original wenig gelesen haben, hĂ€tte er zumindest in der von Politikern gut beobachteten SĂŒddeutschen Zeitung (13.9.2006) von dessen ausdrĂŒcklicher WertschĂ€tzung des Glaubens an Gott lesen können: Selbst ein Agnostiker mĂŒsse “zugeben, dass wir unsere Moral und die Traditionen, die nicht nur unsere Zivilisation, sondern nachgerade unsere Existenz ermöglicht haben, dem Festhalten an wissenschaftlich so unannehmbaren Tatsachenbehauptungen verdanken“.

Sektiererischer Laizismus

Gern hörte man zu dem uninformierten und unreflektierten GeschwĂ€tz des – horribile dictu – Impulsgebers eines neuen FDP-Grundsatzprogramms die Meinung seines Parteivorsitzenden. Guido Westerwelle sagte der Westdeutschen Zeitung vom 8. April 2005 auf die Frage nach seinem VerhĂ€ltnis zur Kirche: “Ich bin Mitglied meiner Kirche nicht aus TrĂ€gheit, sondern aus Überzeugung. Ich glaube, dass Werte in die Politik hineingehören.“ Auf die Nachfrage: “Christliche Werte?“ antwortete er: “Werte wie NĂ€chstenliebe, Verantwortung fĂŒreinander – diese Werte nennt man zu Recht christlich. Sie prĂ€gen und fĂŒhren mich in meiner politischen Arbeit.“ Manche bibelfundamentalistischen oder ultrakatholischen Eiferer, denen zum Politiker Westerwelle nie etwas Erleuchteteres einfiel als abfĂ€llige SprĂŒche ĂŒber seine private Partnerschaft, könnten sich noch zurĂŒcksehnen nach diesem FDP-Chef, wenn erst mal GeistesgrĂ¶ĂŸen wie Leutheusser und Lindner seine Nachfolge angetreten und die FDP ins “Freiheit und sonst nichts“-Ghetto eines sektiererischen Laizismus zurĂŒckkatapultiert haben – hierin sogar einig mit den SED-Erben in der Linken. Deren Fraktionschef Gregor Gysi allerdings bekennt: “Auch als NichtglĂ€ubiger fĂŒrchte ich eine gottlose Gesellschaft.“ Damit ist er, wie zahlreiche sozialwissenschaftliche Daten zum Zusammenhang von Christentum und Freiheitsethos belegen, Herrn Lindner um einiges an RealitĂ€tssinn voraus. _Andreas PĂŒttmanns aktuelles Buch “Gesellschaft ohne Gott: Risiken und Nebenwirkungen der Entchristlichung Deutschlands” ist im Gerth Medienverlag erschienen._

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