Vom “Hosianna” zum “Kreuzige ihn”

von Andreas Püttmann20.04.2010Gesellschaft & Kultur

Franz Münteferings Bonmot, der SPD-Vorsitz sei das schönste Amt neben dem Papst, hat sein Verfallsdatum lange überschritten. Niemand mehr beneidet den Pontifex nach den jüngsten Medienkampagnen. Während die SPD sich langsam erholt, rutschte Benedikts Popularität auf ein Niveau, das zur deutschen Gesellschaft paßt.

Die Sympathiewerte von SPD und Papst liegen heute gleichauf bei etwa 30 Prozent. Doch die Fallhöhe Benedikts XVI. in der öffentlichen Meinung ist weit größer: Nur noch jeder dritte Bundesbürger findet laut Forsa seine Amtsführung “sehr gut” oder “gut”, 2007 waren es doppelt so viele. Das Vertrauen in ihn sank allein zwischen Ende Januar und Mitte März 2010 von 62 auf 39 Prozent, das in die katholische Kirche von 56 auf 34. Bleibt ein “Papstbonus” von fünf Prozent. Das “Hosianna” und das “Kreuzige ihn!” liegen also nah beieinander. Aber warum sollte es einem “Stellvertreter Christi” anders ergehen als Jesus selbst? Nirgends in der Bibel ist den Aposteln Popularität verheißen worden. Im Gegenteil: Unverständnis, Schmähungen, Hass, Verfolgung. Eine entchristlichte Gesellschaft toleriert das Anderssein der Kirche nicht und will sie zur Anpassung zwingen. Dem “dominanten liberalen Fundamentalismus” (J. Isensee) sind Wahrheitsanspruch und strenge Moralvorschriften der Kirche ein Gräuel. Nicht umsonst entglitten alle TV-Debatten über den Missbrauchskandal zum Tribunal gegen die katholische Sexualmoral.

Der Papst passt sich keinem Mainstream an

Umso größer die Entlarvungshäme, wenn kirchliche Amtsträger selbst dagegen verstoßen. Ein gefundenes Fressen, um sich für den Kirchenaustritt ein reines Gewissen zu verschaffen. Man muss schon “Tomaten auf den Augen” (P. Seewald) haben, um diesen sozialpsychologischen Untergrund der antikatholischen Kampagnen zu verkennen. Auf ihn weist auch das bessere Image der evangelischen Kirche hin, bei doppelt so hohen Austrittszahlen. Der protestantische Mainstream provoziert die Massenmoral nicht so sehr, hat sich stärker angepasst und sein Moralisieren meist auf “gewissensknirschende politische Kannegießerei” (Isensee) beschränkt – zeitgeistsynchronisiert, versteht sich: War Nationalismus angesagt, dann nationalistisch (”deutsche Christen”), war der Sozialismus am Drücker, dann sozialistisch (”Kirche im Sozialismus”), trägt man Grün, dann ökologisch-pazifistisch, herrscht Laisser-faire, dann liberal. Mit solcher Anpassungsfähigkeit kann ein Oberhaupt der katholischen Weltkirche nicht dienen. Daher wird jeder Katholik, der hierzulande auf ein allgemein beliebtes Kirchenoberhaupt hofft, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten müssen. Kein Papst wird es dieser Gesellschaft recht machen können. Benedikts Gegner erinnern gern an die Popularität Johannes Pauls II. – so wie man gegen diesen Johannes XXIII. als Ikone hochhielt. Doch auch Karol Wojtylas anfangs hohe Sympathiewerte als Inspirator der “Solidarnosc” sanken in Deutschland parallel zur Entfaltung seiner Kirchenregierung.

Benedikt vielleicht doch der bessere Papst

Dass der polnische Pontifex ihnen “ausgezeichnet” oder “gut” gefalle, meinten 1978 laut Allensbach 70 Prozent der Deutschen, im August 1989 nur noch 30 Prozent – ein Wert unter dem heutigen Popularitätsniveau Papst Benedikts. 1978 schätzten 60 Prozent Karol Wojtyla als “eher fortschrittlich” ein, 1989 nur noch 24 Prozent; die Einschätzung, er sei “konservativ”, stieg von 22 Prozent auf 55 Prozent. Erst nachdem die Geschichte ihm politisch recht gegeben und er im Leiden spirituell überzeugt hatte, wurde seine wahre Größe erkannt. Wetten, dass die Geschichte auch die Nörgeleien gegen Joseph Ratzinger aus einigen maroden westlichen Kirchenprovinzen widerlegen wird? Die “New York Times” ahnt schon jetzt, dass er sich – nicht nur wegen seines strengen Durchgreifens in Sachen Priestermoral – im Vergleich zu seinem gerühmten Vorgänger noch als “The Better Pope” erweisen könnte.

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