Fußball ist angewandter Wahnsinn. Leon de Winter

Bodo Ramelow rätselt über die Nationalhymne. Ich mache mit.

Herrn Ramelows Äußerungen zur Nationalhymne irritieren. Es ist zunächst einmal in Ordnung, wenn ihn das Singen der Nationalhymne persönlich an die Zeit von 1933-1945 erinnern mag. Nur merkt man daran, dass Herr Ramelow (Jahrgang 1956) zu dieser Zeit nicht gelebt hat (ich auch nicht), sich also gar nicht daran erinnern kann, noch sich mit der Geschichte der Hymne auseinandergesetzt hat.

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Hymnenhistorie

Erst 1922 in der Weimarer Republik unter Friedrich Ebert (SPD) eingeführt, wurde unter den Nationalsozialisten später nur noch die erste Strophe der Hymne gesungen, die bekanntlich mit „Deutschland, Deutschland über alles…“ beginnt. Das Singen der ersten Strophe wurde in der Regel verknüpft mit dem Horst-Wessel-Lied, einem NS-Kampflied, späterer Parteihymne und einer Art semioffizieller Nebenhymne des 12-jährigen Reiches.

Zur Erinnerung: Auf das Singen der ersten Strophe und des Horst-Wessel-Liedes wird bei Staatsakten und Fußballspielen hierzulande in letzter Zeit eher verzichtet. Geträllert werden dürfte diese Kombination nur noch von wulstigen Nazis, verbleichenden NS-Nostalgikern in der Palliativstation und bei Retro-Männerabenden besoffener Burschenschafter mit Rechtsdrall, deren Häuser gnädigerweise
für das organisierte Erbrechen bestens ausgestattet sind.

In der Bundesrepublik wurde die dritte Strophe 1952 als Text der Hymne festgelegt, nachdem Bundespräsident Theodor Heuss mit seinem Gegenentwurf der „Hymne an Deutschland“ auf wenig Zustimmung gestoßen war.

Identität ersingen?

Das von Herrn Ramelow adressierte Problem einer mangelnden Identifikation mit der Hymne liegt wahrscheinlich eher daran, dass sie selten gesungen wird und sich das berechtigte Hadern mit pompöser nationaler Symbolik tief in die Geschichte der Bundesrepublik eingeschrieben hat. Wie sehr hat jüngst erst wieder die kontroverse und durchaus produktive Debatte über Liedtext und Video des Rammstein-Songs „Deutschland“ gezeigt.

Ob eine neue Hymne diesen Sachverhalt zu ändern vermag, darf bezweifelt werden. Durchaus berechtigt ist hingegen die dahinterliegende Frage, wie man auch symbolisch gemeinschaftsstiftend wirken kann und Brücken zwischen unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen und Milieus baut. Und zwar so, dass sich alle oder doch zumindest die erschlagende Mehrheit der Menschen in diesem Land damit identifizieren können, ungeachtet ihrer Herkunft oder Weltanschauung. Ohne Pomp und Pickelhaube.

Ich hätte da eine Idee: irgendwas mit Einigkeit, Recht und Freiheit.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Oliver Götz, Ramin Peymani, Hubertus Knabe.

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