Vom TV-Duell zu den Sondierungsgesprächen

von Andreas Plöger2.11.2017Gesellschaft & Kultur, Medien

Vielleicht ist es nur mir negativ aufgestoßen, doch in den letzten Monaten hat es sich ein Begriff im politischen Journalismus gemütlich gemacht, der mir aufstößt: Langeweile.

Langweilig sei der Wahlkampf gewesen, langweilig das TV-Duell sowieso, langweilig die Selbstinszenierung der Parteien und ihrer Vertreter. Die Sondierungsgespräche für die erste Koalition mit mehr als zwei Fraktionen seit Konrad Adenauer und der ersten möglichen Regierungsbildung unter Beteiligung von CDU/CSU und den Grünen in der bundesdeutschen Geschichte? Langwierig, unspektakulär, zäh wie Kaugummi.

Demokratische Prozesse sind langwierig und ein Stück weit auch langweilig, weil sie sich der Logik unserer auf ständige Aktualisierung und Allgegenwart ausgerichteten Medienwelt entziehen. Aber: wer lässt die Pfleger der Langeweile denn mit der realen oder vermeintlichen Inhaltslosigkeit davonkommen? Und, wer sind die Pfleger eigentlich?

Vom TV-Duell zu den Sondierungsgesprächen: Langeweile durch Formatversagen

Natürlich kann man sich zum Beispiel über „das“ (jetzt fast schon wieder vergessene und ohnehin vergessenswerte) TV-Duell zwischen Merkel und Schulz aufregen. Aber anstatt schnellgeschriebene Artikel über die Langeweile jenes Duells anzuhäufen, hätte man auch Finger in offene Wunden legen können, konfrontieren statt gähnen. Man könnte über das TV-Duell zum Beispiel sagen, dass es in seiner Anlage bereits falsch war und bleibt. Nur, dann müsste man sich ja selbst oder die Programmdirektoren kritisieren.

Überhaupt scheint unter Kollegen im Nachgang „das“ Duell durch seine bloße Existenz legitimiert und in Stein gemeißelt zu sein. Doch gegen eine Aufteilung in „das“ jeweilige Duell der „Großen“ und „Kleinen“ spricht erstens die Tatsache, dass wir in einer repräsentativen parlamentarischen Demokratie leben und zweitens, dass die Bundesrepublik mit der Ausnahme der absoluten CDU-Mehrheit unter Konrad Adenauer 1957-1961 immer von Koalitionen regiert worden ist. Das ist keine bahnbrechende Erkenntnis, wird aber scheinbar gerne vergessen, sobald Politik nach Unterhaltungswert bemessen wird. Spannung stellt sich dann automatisch ein, wenn man die schlecht aus den USA und Frankreich kopierte, irgendwie nicht passende Arena statt für Kanzler und Gegenkandidaten allein für alle Spitzenpolitiker öffnet.

Dann ist man im Nachgang auch nicht mehr überrascht, dass einen gemeinsamen Nenner zwischen Parteien zu finden Zeit braucht, und eben ja: ein Stück weit langweilig und langwierig ist.

Eine andere Form von Spannung

Man, das sind viele Journalisten, die verlernt zu haben scheinen, die richtigen Fragen zu stellen, den Finger dahin zu legen, wo es schmerzt und nicht sofort herauszuziehen, wenn die nächste Portion Trockenfutter für den 24-Stunden-Nachrichtenmalstrom um die Ecke kommt. Das Wischkästchen des statistischen Durchschnittsnutzers wartet schließlich auf Input, so dass man in der Mittagspause in drei Minuten (Aktuell! Breaking! Eilmeldung!) Weltpolitik, Wirtschaftsnachrichten und Wurstbrot in atemberaubender Geschwindigkeit verschlingen kann. Und sieht man drei Minuten später nach, müssen es schon die nächsten neuen Meldungen sein, dann vielleicht über Nationalparks, Nestbau und Nackedeie.

Spannung in der Politik folgt einer anderen Zeitlogik als in den Medien. Wer bei einer x-beliebigen Jahreshauptversammlung eines deutschen Durchschnittsvereins teilgenommen hat, weiß das auch. Satzungsänderungen – ein Graus! Aber ein notwendiger Graus.

Spannung kommt durch Dranbleiben. Das gilt aber nicht nur für Produzenten, sondern auch Konsumenten. Die Aufgabe von Politik ist nicht zu unterhalten, sondern tragfähige Lösungen, richtungsweisende und auch unbequeme Ideen sowie eine klare Auseinandersetzung in der Sache zu bieten.

Aber! Früher war alles besser! Strauß, Wehner, Bundestag!

„Langweilig“, das seien die neuen Politiker alle. Milchgesichtige Parteisoldaten, keine klare Kante und man traue sich ja nichts. „Wehner und Strauß, das wäre mal wieder was! Da flogen die Fetzen“. Wie oft man derartiges lesen darf und zu hören bekommt. Man fragt sich „Ja, und wer sonst?“. Wen kennt man denn aus diesen beiden populären Streithähne denn noch oder ist es gerade die schon damals besonders heftige Polarisierung, weshalb wir uns an die beiden erinnern und dann ungebührlich zum Maßstab vermeintlich besserer Tage erheben – und an hunderte andere eben nicht?
Und sind ein Strauß und Wehner in einer Welt überhaupt möglich, in der so mancher Schreiber (und Schreiberin) jeden Halbsatz skandalisiert, auf Sprachhygiene überprüft und gegebenenfalls der Diskriminierung unterstellt? Skandal: breaking, Eilmeldung, ritualisierte Empörung, Rede und Gegenrede, aufgeworfene Personalfragen. Dieser GZSZ-Faktor erzeugt eben Content und Traffic von ganz alleine. Es lenkt aber auch von Politik ab, denn Berichterstattung über Politiker ist noch lange nicht politischer Journalismus. Dafür bequem.
Vielleicht sollte am Ende die nüchterne Einsicht stehen, dass Politik eben kein schnell konsumierbarer Thriller ist und man diesen Anspruch auch gar nicht erheben darf. Ich meine: Zum Glück.

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