AfD-Wähler als Idioten abzustempeln ist verkehrt

von Andreas Plöger30.09.2017Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Seit dem Sonntagabend der Bundestagswahl rauschen wüste Wortsturzfluten über „Idioten“, „Rassisten“, „Arschlöcher“, „Nazis“ und „Faschisten“ durch die Social-Media-Welt. Gemeint sind jene, die AfD gewählt haben. Aber: Eine saubere Analyse ist das nicht. Und produktiv gleich dreimal nicht.

Klar. In den letzten Monaten wurde ersichtlich, dass unter AfD-Anhängern wie -Funktionären völkisches, rassistisches und nationalistisches Gedankengut existiert und teilweise auch persönliche Verbindungen zu Rechtsextremen bestehen. Die Absage an eine klare Abgrenzung zu diesem Personenkreis bis zur offenen Koketterie mit diesem sind ein Kernproblem, das die Partei bis hoch in die Führungsspitze spaltet. Die Folgen kann man aktuell per Live-Ticker beobachten. Klar ist auch, dass die AfD sich noch in einem Konsolidierungsprozess befindet, der über ihre inhaltliche und ideologische Grundausrichtung entscheiden wird und mittelbar auch darüber, ob und wie sie sich dauerhaft als politische Kraft zumal dieser Stärke wird halten können.

Dennoch: 12,6 Prozent der zur Wahl gegangenen Menschen als Idioten und Faschisten abzustempeln, halte ich für verfehlt und obendrein eines Demokraten für unwürdig. Man begibt sich auf das Niveau der „Volksverräter” grölenden Pöbler aus Dresden und anderen Orten, der verbal nach Mord und Totschlag verlangenden Brut, die sich kaum des Schreibens mächtig die Kommentarspalten für sich erobert zu haben, indem man zurückpöbelt und sich ebenso abschätzig und aggressiv äußert. Es ist so, als ob man trotzig „Vernunftverräter“ schreien möchte und nun nach dem Fanal der Wahlnacht nach Exkommunikation der politischen Schmuddelkinder aus dem demokratischen Raum verlangt. Aber ist das selbst wiederum vernünftig? Ich meine: nein!

Ein Blick in die Geschichtsbücher hilft

Weite Teile des Meinungsspektrums der AfD fanden sich früher in CDU und CSU wieder. Der völkisch-nationalistische Rest ging zur NPD, die übrigens in Westdeutschland am Ende der ersten Großen Koalition 1969 in mehreren Landtagen saß und mit 4,3 Prozent der Zweitstimmen beinahe den Einzug in den Bundestag geschafft hätte, während die Union 46,1 Prozent der Stimmen auf sich vereinigte. Heute behandelt man Erika Steinbach, mit schrillen Äußerungen um kein Skandälchen verlegen, geradezu als unappetitlichen Ausrutscher einer sozialdemokratisierten Union, der mit ihrem Weggang nun auch getilgt worden ist. Das ist eine vielleicht weltanschaulich folgerichtige, aber historisch völlig verquere Sicht auf die CDU, die auch am (im Sprachgebrauch des progressiv-liberalen Bildungsbürgertums in den letzten Jahren immer weiter gewachsenen) „rechten Rand“ als konservative Catch-them-All-Partei über Jahrzehnte erheblich integrierend gewirkt hat. Auf diese Weise hat sie zur Versöhnung konservativer, Pluralismus-skeptischer Milieus mit einer pluralistischen Demokratie beigetragen, nicht zuletzt, weil sie eine Plattform für ein (vorhandendes) Unbehagen und Hadern mit innergesellschaftlichen wie globalen Veränderungen bot. Das war mit Anbruch der Ära Merkel zunehmend vorbei. Der Erfolg der AfD ist auch ein Stück weit darauf zurückzuführen.

Jetzt kann man als nächstes über die „Ossis“ schimpfen, aber ein geographisch geweiteter Blick relativiert und ordnet auch hier den Erfolg der AfD in einen breiten Trend zu rechtskonservativen und -populistischen Parteien in vielen postsozialistischen Gesellschaften Mittel- und Osteuropas ein, was wir allzuleicht und besoffen an unserer eigenen progressivistischen Liberalität übersehen und rundweg aburteilen, ohne aber verstehen zu wollen.

Übrigens: Das Niederschreien auf diesem Niveau hat auch jenen nichts gebracht, die seit der Wende über die „SED-Nachfolger“ und „Kommunisten“ der PDS im Bundestag zeterten und auch heute noch auf dieses Motiv zurückgreifen. Heute sitzt die Linke mit 9,2 Prozent im Bundestag. Gebracht hat es also wenig.

Erst nach Fragen, dann nach Antworten suchen

Überhaupt sieht Ursachenforschung anders aus. Warum also wählt(e) man AfD (und entschied sich gegen andere Parteien), was bot sie auf dem Meinungsmarkt an und was stellte sie (durch wen und was auch immer) dar, was bei anderen Parteien scheinbar nicht zu finden war? Wo liegen die tieferen Ursachen, wo die äußeren Anlässe? Das sind Fragen, die man sich stellen muss. Und es wird Antworten geben, die nicht jedem gefallen werden.

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