Warum Disney und Marvel nicht zusammenpassen

von Andreas Platthaus25.09.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Auf der einen Seite martialische Helden, auf der anderen Seite niedliche Figuren, so stellt sich fĂŒr den unabhĂ€ngigen Beobachter der Zusammenschluss der beiden amerikanischen Comic-Giganten dar. Dabei kann sich niemand vorstellen, wie Cinderella und Spiderman, Hulk und Pinocchio Arm in Arm pubertierende Jugendliche begeistern sollen.

Stan Lee ist mittlerweile sechsundachtzig Jahren alt und er hat in seinem Leben viel erlebt. In Zusammenarbeit mit Zeichnern wie Jack Kirby und Steve Ditko betrieb er Anfang der sechziger Jahre eine Comic-Revolution: Seine Figuren wie Spider-Man, die Fantastischen Vier oder der Unglaubliche Hulk machten aus der Gattung der ehedem unbesiegbaren Superhelden eine Sippschaft leicht verletzlicher Sensibelchen. Dadurch aber wurde aus einem 1939 als „Timely Comics“ gegrĂŒndeten labilen Unternehmen der Bilderheftchengigant Marvel. Stan Lee kennt nur zu gut den Stoff, aus dem die Helden sind: Muskelschmalz und Herzblut. Und er nennt den Kauf von Marvel durch den Disney-Konzern eine Ehe, die im Himmel geschlossen wurde. Schön, wenn sich alte Herren eine romantische Ader bewahrt haben, aber was soll das fĂŒr eine Ehe sein, die nach den Prinzipien des Sklavenhandels und der Mafia funktioniert? Denn Disney zahlt nicht nur fĂŒr Marvel, es garantiert dem ĂŒbernommenen Unternehmen auch etwas, das Marvel bislang nie gehabt hat: Sicherheit. 1998 war das Unternehmen zuletzt bankrott, und seinen vorjĂ€hrigen Gewinn von mehr als zweihundert Millionen Dollar bei einem Umsatz von gerade einmal 676 Millionen verdankt es allein dem Erfolg der ersten eigenen Filmproduktion, „Ironman“.

Schön, wenn sich alte Herren eine romantische Ader bewahren

Solche Überraschungen aber pflegen sich nicht zu wiederholen. Das weiß kaum jemand besser als das Disney-Filmstudio, das selbst vom Megaerfolg der „Fluch der Karibik“-Trilogie nicht davor bewahrt wurde, zum kranken Mann von Hollywood zu werden. Marvel dient ihm nun als teures Heilmittel. Es ist die alte Leier: In Verzweiflung macht man viel Geld locker. Und die ökonomische Unvernunft steigt mit der Höhe einer Investition. Wer vier Milliarden ausgibt, wird nicht gar zu schnell den Rechenstift ansetzen, weil solche Summen vom Investor entgegen aller Theorie niemals als „sunk costs“ angesehen werden. Erfolge mĂŒssen her, und dieses Verlangen verdeckt den Blick auf Verluste – siehe das Engagement von Daimler-Benz bei Chrysler, eine Ehe, die die Partner selbst dann noch fĂŒr glĂŒcklich hielten, als die Scheidung schon etliche Jahre ĂŒberfĂ€llig war.

Niedlich+ Martialisch = $

Was bietet Marvel? Disney verspricht sich von dessen martialischem Heldenvorrat eine sinnvolle ErgĂ€nzung der eigenen, eher im Niedlichen angesiedelten Figurenpalette. Bislang gab es als Gipfel des Heroismus im Disney-Universum Supergoof und Phantomias. Die Vorstellung jedoch, dass in den Filmen, Computerspielen oder Freizeitparks (Comics sind fĂŒr beide Firmen lĂ€ngst nicht mehr wichtig) kĂŒnftig Disney- und Marvelheroen nebeneinander agieren, ist absurd. Man stelle sich einen pubertierenden Jugendlichen vor, der sein muskulöses Idol Arm in Arm mit Pinocchio paradieren sieht, oder ein vertrĂ€umtes MĂ€dchen, das in der Nachbarschaft des Schneewittchenschlosses die Monster des Marvel-Universums findet. Die Animationspioniere von Pixar, die vor drei Jahren von Disney geschluckt wurden, passten wenigstens von ihrer Unternehmens- und Figurenkultur in die Mutterfirma – alle Pixar-Stars waren bei Disney ausgebildet worden. Aber zwischen Spinnenmenschen und MickymĂ€usen gibt es keine BerĂŒhrungspunkte. Nur Stan Lee will das nicht wahrnehmen. Naja, der Alte hat schon immer die seltsamsten Geschichten erzĂ€hlt.

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