Aktivierender Journalismus - Turbo für den Populismus | The European

Der aktivierende Journalismus stärkt den Populismus

Andreas Moring14.05.2021Medien, Politik

Aktivierender Journalismus“ – das ist die neue Mission der Chefredaktion des Stern. Auch andere Medien schwenken explizit oder implizit immer mehr auf Aktivismus um – und werfen die Grundregeln des Journalismus über Bord. Vor allem bei den Themen Klima und Kampf gegen Rechts positionieren sich Medien und Medienmacher zunehmend deutlich und einseitig. Begründet wird das mit einer Verantwortung der Medien für die Demokratie. Doch gerade bei den genannten Themen sind gerade die aktivistischen Medien heuchlerisch und ein Inbegriff der Doppelmoral. Auch der Demokratie schadet „aktivierender Journalismus“ ungemein, denn er stärkt den Populismus. Von Andreas Mohring.

Druckerpressen. Wie objektiv ist der Journalismus? Quelle: Shutterstock

Manchmal erklärt eine Frage schon fast alles. „Was wäre so verwerflich daran, wenn der Stern so etwas wie eine journalistische Hilfsorganisation würde?“, fragte der Chefredakteur des Stern Florian Gless kürzlich in einem Interview. „Nichts“, könnte man darauf antworten – wenn der Stern eine Partei, eine NGO oder eine „Bewegung“ wäre. Ist der Stern aber nicht. Sondern eine journalistische Urmarke dieser Republik. Zumindest bisher. Denn das Bekenntnis zum Aktivismus ist die Verabschiedung von eben diesem Journalismus. Journalisten sind keine Hilfstruppen von Parteien, Organisationen oder Institutionen. Letztlich geht der Stern jedoch nur konsequent den Weg weiter, den das Blatt aus Verzweiflung durch publizistische wie wirtschaftliche Marginalisierung schon vor längerem eingeschlagen hat. Dabei bewirkt diese strategische Wende im Endeffekt genau das Gegenteil von dem, was sich die Medienmacher zum Ziel setzen. Wie immer, wenn Hypermoral am Werk ist, die stets nur auf die angeblichen Verfehlungen der anderen schaut, jedoch nicht in der Lage ist, selbstkritisch zu sein.

„Wer? Ich?“ – Doppelmoral beim Klimaschutz

Am besten lässt sich das beim Thema Klimaschutz beobachten. Hier ist der Stern ganz vorne mit dabei. Zusammen mit Fridays for Future werden Ausgaben des Magazins gestaltet, Kampagnen gefahren und Protagonisten des radikalen Klimaschutzes bekommen eine große Bühne. Das ist auch erst einmal völlig legitim. Jede Redaktion kann selber auswählen, welche Themen sie in welcher Form bearbeiten und aufbereiten will. Nur sollte es auch ehrlich sein. Und glaubwürdig bitte ebenso. Das ist aber gerade beim Stern und anderen mehr oder weniger offen aktivistischen Medienmarken nicht der Fall. Die deutschen Printmarken stehen für mit die schlechtesten CO2 Bilanzen aller Industrien. So verursacht der Stern pro Jahr allein für seine Produktion rund 17.000 Tonnen CO2. Wird der gesamte Lebenszyklus des Produkts mit einbezogen, also von der Rohstoffherstellung bis zur Entsorgung und Recycling, sind es sogar 60.000 Tonnen. Um diesen CO2 Ausstoß zu kompensieren sind 1,35 Millionen Bäume nötig; bei der Betrachtung des gesamten Lebenszyklus sogar rund 4,7 Millionen Bäume. Was sagt Fridays For Future dazu?

Andere Medien schneiden nicht besser ab. Der Spiegel ist pro Jahr für 30.000 Tonnen CO2 (reine Produktion) oder 108.000 Tonnen CO2 (gesamter Lebenszyklus) verantwortlich. Die Zeit bläst rund 14.500 Tonnen CO2 bzw. 45.000 Tonnen CO2 pro Jahr in die Atmosphäre. Die Newsletter der Zeit verursachen noch einmal 22 Tonnen CO2 – pro Verschickung. Einige werden jeden Tag verschickt, andere einmal die Woche. Da kommen also auch mehrere tausend Tonnen CO2 pro Jahr zusammen. Jede Mail in der Größe eines Newsletters erzeugt nämlich mindesten 50g CO2, und zwar pro Empfänger. Je mehr Empfänger also eine Mail bekommen, desto größer ist der CO2 Fußabdruck. Auch Social Media Posts auf Facebook, Instagram oder Twitter erzeugen CO2. Die Bilanz liegt bei 0,2 bis 0,3 Gramm CO2 pro Post. Das klingt erstmal wenig. Angesichts der Milliarden Posts und Stories in sozialen Medien allein an einem Tag, kommt auch hier jedoch eine ordentliche Menge zusammen. Vielleicht wäre es einmal eine sinnvolle Aktion des aktivierenden Journalismus, genau diese Zusammenhänge von digitaler Mediennutzung und CO2 Fußabdruck ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken? Auf allen Fridays for Future Demos sind alle Teilnehmer*innen am Posten, Streamen und kommentieren. Ist ihnen bewusst, das sie damit zur CO2 Produktion beitragen, geschweige denn wieviel?

Bisher werden diese Zusammenhänge und die CO2 Bilanzen geflissentlich von den Medien übersehen, die sich sonst besonders vorbildlich und vorkämpferisch gegen den Klimawandel gerieren. Geredet und geschrieben wird gerne über die anderen. Gefordert wird ein Umdenken – von den anderen. Ein radikaler Umbau von Gewohnheiten und Geschäftsstrukturen sei notwendig – bei den anderen. Doch wie glaubwürdig sind solche Forderungen und moralische Appelle bis hin zum politischen Aktivismus, wenn der eigene Beitrag zum Klimawandel nicht genauso kritisch hinterfragt wird. Wer von anderen Einsicht und Veränderung verlangt, der muss bei sich selbst anfangen. Verbales Vorkämpfertum ist einfach – und selbstgerecht. Vorbild sein durch eigenes Tun dagegen schon schwerer. Das Vertrauen in die eigentlich als unparteiisch geltenden Medien schmilzt damit schneller als die Gletscher im Klimawandel.

Turbo für den Populismus

Das gilt auch in einer weitere Hinsicht. Aktivierender Journalismus ist eine Einladung an den Populismus. Zum einen, weil Aktivismus selbst immer populistisch ist. Wer aktivieren will, der greift früher oder später zu Extremszenarien und Übertreibungen. Wir kennen das aus der Klimaforschung, wo führende Köpfe und Institutionen wie etwa das Potsdam Institut ganz offen zugeben, dass sie die extremsten – und unwahrscheinlichsten – Prognosen mit Absicht medial kommunizieren, um Menschen wach zu rütteln und mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. Wenn sich jetzt auch noch Medien selbst als Aktivisten verstehen, dann wird dieser Trend noch zunehmen. Aus dem Daueralarmismus in Corona-Zeiten wird dann mehr oder weniger bruchlos der Daueralarmismus zum Klimawandel. Das so ein dauernder Alarmzustand allerdings schon nach relativ kurzer Zeit Unbehagen und Abwehrreaktionen bei den Menschen auslöst, das erleben wir ja gerade im Zusammenhang mit dem Lockdown und seiner Akzeptanz mehr als deutlich. Beim Klima wird es das gleiche sein. Denn das Alarm-Thema ist zwar ein anderes – aber wir Menschen sind immer noch dieselben. Am Ende kommt also das Gegenteil von dem heraus, was sich aktivistische Journalisten auf die Fahnen geschrieben haben.

So wird die Polarisierung der Gesellschaft noch weiter verstärkt. Dabei sollen Medien doch im Sinne des Wortes „Vermittler“ sein und eben nicht Aktivisten oder Aufwiegler. Für die Populisten rechts wie links ist das ein gefundenes Fressen. War die Beschwörung von „Fake News“ und „Mainstream Medien“ bisher eher ein erfundenes Narrativ, bekommt die Geschichte mit „aktivierendem Journalismus“ nun neue Nahrung und eine echte Basis. Mit den Bekenntnis, eine gesellschaftspolitische Agenda zu verfolgen werden der Stern und andere Medienmarken mit derselben Mission, zum Kronzeugen und Paradebeispiel für alle „Fake News“ Propagandisten. Das Vertrauen in die „vierte Gewalt“, in den unabhängigen und überparteilichen Journalismus bröckelt und fällt in sich zusammen. Nicht weil Populisten auf einmal so überzeugend wären, sondern weil Medienmacher genau diese Grundsätze der Unabhängigkeit und der Unparteilichkeit auf den Müllhaufen des Journalismus werfen.

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