Wie weit sind wir vom Pariser Klima-Abkommen entfernt?

Andreas Löschel28.01.2020Medien, Politik, Wirtschaft

Die Bedeutung des Klimaschutzes hat sich in den letzten Jahren auf der ganzen Welt massiv gesteigert. Alle Länder haben sich im Pariser Abkommen zum Klimaschutz bekannt. Die Frage ist, wie stark die Bekundungen von den tatsächlichen Handlungen entfernt sind. Ein Gespräch zwischen Andreas T. Sturm und Andreas Löschel.

Sturm: Sie halten derweil Vorträge in der ganzen Welt und forschen dort. Gibt es im Vergleich zu anderen Ländern in Deutschland tatsächlich einen »Klimahype.«

Prof. Löschel: Die Bedeutung des Klimaschutzes hat sich in den letzten Jahren auf der ganzen Welt massiv gesteigert. Alle Länder haben sich im Pariser Abkommen zum Klimaschutz bekannt. Die Frage ist, wie stark die Bekundungen von den tatsächlichen Handlungen entfernt sind. Während sich dies in Deutschland schrittweise eher annähert, liegen in anderen Ländern Rhetorik und Handlungswille noch recht weiter auseinander. Zum Stichwort »Klimahype«: Ich glaube es ist sinnvoll, Klimaschutz ernst zu nehmen. Obwohl in den letzten Jahren einiges politisch angestoßen wurde, wurde auf dem Papier nur wenig erreicht. Die Emissionen sind beispielsweise über etliche Jahre nicht gesunken, von daher ist es verständlich, dass es Unzufriedenheit, beispielsweise in Form der Klimaprotestbewegung, gibt.

Sturm: In Deutschland wird die Klimadiskussion deutlich emotionaler und polarisierender geführt. Kann man gar von »German Angst« sprechen?

Prof. Löschel: Ja. Wir sollten die Klimadebatte aber nicht angstbeladen führen. Deshalb bin ich auch bei Deadline-ismen immer skeptisch, zum Beispiel »Wir haben noch zehn Jahre Zeit«. Die Klimadiskussion muss in Deutschland wesentlich positiver geführt werden, beispielsweise welche Chancen und Möglichkeiten ergeben sich und wo kann ein Industrieland wie Deutschland hier seine Rolle finden. Das schafft und sichert langfristig Wohlstand und Beschäftigung? Aus diesem Grund geht es nicht um die Bekämpfung von Ängsten, sondern um eine neue Wirtschaftsperspektive.

Sturm: Momentan spotten viele Nutzer in den Sozialen Netzwerken, dass vor Kurzem aus Stromspargründen Glühbirnen verboten wurden, während nun Elektroautos gefördert werden, die wesentlich mehr Strom verbrauchen. Was sagen Sie zu diesem Widerspruch?

Prof. Löschel: Ich bin generell bei technologiespezifischen Verboten und Subventionen skeptisch. Viele Ökonomen waren gegen das Verbot von Glühbirnen, weil das Ziel der Energieeinsparung mit technologiespezifischen Maßnahmen unnötig teuer wurde. Klimaseitig ist nicht viel gewonnen, da die Stromerzeugung ja im europäischen Emissionshandel eingebunden ist und entsprechende Einsparungen teilweise verpuffen. Und dann gibt es noch den Rebound-Effekt: die höhere Effizienz durch die Technologiepolitik vergünstigt den Energiekonsum und der Verbrauch steigt dadurch. Das gilt besonders dann, wenn noch keine Sättigung im Konsum eingetreten ist, zum Beispiel bei der Mobilität. Steigt die Effizienz, dann wird fahren, reisen, fliegen günstiger und dann wird auch automatisch mehr gefahren, verreist oder geflogen. Ein nicht unerheblicher Teil der Einsparung ist dahin.

Sturm: Und was wäre dann zu tun?

Einen nachhaltigeren Einspareffekt gäbe es nur durch die Verteuerung von Strom oder Kraftstoffen. Dann hat der Konsument einen ständigen Anreiz, tatsächlich sparsamer mit den Ressourcen umzugehen. Also weg von technologiespezifischer Politik. Technologieoffenheit muss aber in beide Richtungen ernst genommen werden, sowohl beim Auslaufen von Technologien, als auch beim Markteinstieg. Beispiel technologiespezifische Förderung von Elektroautos. Bei der Mobilität wird man breiter denken müssen, beispielsweise Autos und insbesondere LKWs mit Brennstoffzellen oder an Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe. Kurzum: Eine technologiespezifische Ausrichtung der Politik schränkt die Optionen unnötig ein, weshalb eine CO2-Bepreisung die richtigen Anreize setzen könnte.

Sturm: Geht die CO2-Bepreisung in die richtige Richtung?

Prof. Löschel: Sie geht in der Beziehung in die richtige Richtung, es ist wichtiger schädliche Produktion und Konsum teurer zu machen. Negative Umweltwirkungen haben oft keinen Preis, obwohl ja eine schädliche Wirkung auf Dritte besteht. Ökonomen sprechen von einer Externalität. Ein CO2-Preis macht zum Beispiel den Schaden durch CO2-Emissionen im Markt sichtbar. Produzenten und Konsumenten müssen ihn bei ihren Entscheidungen berücksichtigen. Die unsichtbare Hand des Marktes bekommt einen grünen Daumen.

Sturm: Was sagen Sie zur Höhe des CO2-Preises?

Prof. Löschel: Im EU Emissionshandel, der die Stromerzeugung und die energieintensive Industrie umfasst, sind die Preise ja bereits auf etwa 25€ gestiegen und wir haben 2019 gesehen, wie stark die Emissionen deswegen zurückgegangen sind. Auch in den Bereichen Mobilität und Wärme wird es einen Preis geben, der mit den 55€ bis 2025 durchaus ambitioniert ist. Es scheint mir trotzdem sinnvoll zu sein. Längerfristig wird der Preis sogar noch steigen müssen. Am Besten wäre das natürlich global, denn beim Klimaschutz ist jede Tonne gleich. Eine Tonne, die wir hier vermeiden, steht in Konkurrenz zu einer Tonne, die irgendwo anders ausgestoßen wird. Deshalb müssen wir auch viel globaler im Klimaschutz denken.

Sturm: Für viele Menschen gilt die Atomkraft nach wie vor als Heilsbringer.

Prof. Löschel: Wie gesagt bin ich grundsätzlich skeptisch Technologien zu verbieten, da haben wir ja in Deutschland eine Tradition, neben Atomkraft und Kohlekraft ist dies die CO2-Abscheidung und Speicherung. Da wissen wir eigentlich, dass dies eine der zentralen Technologien sein wird, die wir brauchen um CO2 aus dem Kohlestoffkreislauf herauszunehmen. Auch das will man in Deutschland nicht. Bei der Kernenergie sind wir schon relativ weit im Ausstieg. Kein Kernkraftwerkbetreiber dürfte augenblicklich ein Kraftwerk weiter betreiben wollen, nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen. Die neuen Kernkraftprojekte in Europa ergeben ökonomisch eigentlich keinen Sinn.

Sturm: Und was sagen Sie zum beschlossenen Kohleausstieg

Prof. Löschel: Auch beim Kohleausstieg gilt: Bei CO2-Preisen von 40€ und mehr würde sich die meisten Kohlekraftwerk nicht mehr rentieren. Statt staatlicher Ausstiegspläne und hoher Entschädigungen wäre eine marktlicher Rückgang der Kohleverstromung durch höhere CO2-Preise die günstigere Lösung gewesen. Viele Kohlekraftwerke sind sowieso nicht mehr besonders rentierlich und werden den Markt in den nächsten Jahren verlassen. Das wird nun versilbert. Und dann ist natürlich darauf zu achten, dass die Minderung in Deutschland sich auch einstellt und nicht nur zu einer Verschiebung der Emissionen in Europa führt. Der Kohleausstieg wird auch nur durch mehr erneuerbare Energien und mehr flexibler, steuerbarer Erzeugung möglich sein.

Sturm: Kommt man momentan bei einem Interview über Klimafragen um Greta herum?

Prof. Löschel: Wahrscheinlich nicht – die Klimadebatte wurde mit Fridays for Future in den Medien zuletzt stark personalisiert. Nach zwanzig Jahre Klimapolitik hatte ich mir zu Beginn die Wirkung der Klimaproteste so nicht vorstellen können. Diese Bewegung war politisch wirklich entscheidend, wenn man sieht, was im letzten Jahr in der Energie- und Klimapolitik angestoßen wurde. Wissenschaftler haben lange Druck auf die Politik gemacht, ohne dass viel passiert ist. Wenn mir einer vor einem Jahr gesagt hätte, dass wir einen CO2-Preis von 50€ bekommen, hätte ich gesagt, dass dies über meine Vorstellungskraft hinausgeht. Aber durch die Klimabewegung hat es bei vielen Menschen einen Bewusstseinswandel gegeben.

Sturm: Einen Bewusstseinswandel gibt es ja auch zu Angela Merkel: früher galt sie als Klimakanzlerin, ganz aktuell wurde sie von der Fridays-For-Future-Aktivistin Luisa Neubauer im Hinblick auf die Klimapolitik »schlimmer als Trump« genannt.

Prof. Löschel: Ich finde, wir haben einen oft sehr kritischen Blick im Inland auf die Klimapolitik der Bundesregierung in den vergangenen Jahren. Das wird im Ausland weitestgehend anders gesehen. Und ich glaube die Wahrheit liegt in der Mitte. In unseren Monitoringberichten sind wir [Prof. Löschel als Mitglied des Beratungsgremiums] ja auch kritisch mit der Bundesregierung umgegangen. Das liegt aber gar nicht daran, dass die Bundesregierung an sich zu wenig gemacht hätte. Es gibt ja eine lange Liste von Maßnahmen zur Energiewende. Sie hat oft nur nicht die richtigen Maßnahmen oder die Umsetzungstiefe gefunden. Meist gab es kleinteilige Lösungsansätze, wie zum Beispiel eine zu kleinteilige Förderung oder Verbote, die oft von Einzelinteressen getrieben sind und im Großen und Ganzen keine große Rolle spielen. Der richtige Rahmen für die Energiewende fehlte. Mit der CO2-Bepreisung und der nun begonnenen Strompreisreform geht es in die richtige Richtung.

Sturm: Was genau meinen Sie mit »zu kleinteiligen Maßnahmen«?

Prof. Löschel: Schauen Sie sich zum Beispiel die umgesetzten Maßnahmen aus dem Aktionsplan Energieeffizienz und dem Effizienzfonds an. Bei fast zwanzig Maßnahmen kommen nur drei Maßnahmen über eine Million Tonnen CO2, alles andere fällt kaum ins Gewicht. Die Implementierung einzelner kleiner Maßnahmen ist aber sehr aufwendig und kostenintensiv. Die Förderprogramme sind oft so undurchsichtig, dass sie kaum jemand versteht. Man hat sich in der Politik sozusagen in diese kleinteiligen Maßnahmen geflüchtet, um die Botschaft zu senden, man macht etwas. Letztendlich gibt es zu viele kleine Baustellen und nicht den großen Wurf. Wir brauchen daher dringend eine rationalere Klimapolitik, in der primär auf Preisanreize zu setzen ist. Nur dort wo es sinnvoll ist braucht es komplementäre Maßnahmen, etwa wenn es um den Aufbau von Infrastruktur geht. Innovationen brauchen die richtigen marktlichen Anreize mehr als Verbote oder moralische Appelle.

Sturm: Sind die Sozialen Netzwerke in der Klimadiskussion eher Fluch oder Segen?

Prof. Löschel: Sie sind beides. Sie sind Fluch, denn Diskurse werden oft sehr polarisiert geführt. Meine Forderung nach einer rationaleren Klimapolitik liegt zwischen den Extremen – alles verbieten oder gar nichts tun. In den sozialen Netzwerken wird es aber oft ideologisch. Menschen kommen mit Gleichgesinnten in Kontakt, die dann ungefiltert und oft ohne wirkliches Fachwissen Rückmeldung geben und in eine Art Blase geraten. Es geht im Internet oft nicht um wirkliche Sachdiskussionen, sondern um die Klarstellung des eigenen Standpunkts. Im persönlichen Gespräch ist eine Konsensfindung einfacher. Soziale Netzwerke sind aber auch Segen, weil Inhalte einem breiten Kreis zugänglich gemacht werden können, die Reichweite ist größer und die Multiplikationsmöglichkeiten sind grenzenlos. Wer die Informationen klug nutzt, der profitiert doch stark.

Sturm: Wir sehen die Klimadebatte ist hitzig geführt, wo ist ihr Platz als Wissenschaftler.

Prof. Löschel: Mein Wissenschaftsverständnis ist, dass Wissenschaft Handlungsoptionen für Politik und Gesellschaft aufzeigt. Es geht nicht um die eine Problemlösung, sondern um das Aufzeigen der Konsequenzen von verschiedenen Alternativen. Wissenschaft hilft dabei das Menü zusammenzustellen, aus dem die Politik dann auswählen muss. Und zwar nicht nur unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Wirkungen oder des Klimaschutzes, sondern um gesellschaftliche Konsense zu sichern. Was passiert, wenn nur eine Lösung präsentiert wird und dann die Politik zu einer 1:1 Umsetzung gezwungen werden soll, das sieht man gerade beim Kohleausstieg. Das funktioniert so nicht.

Sturm: Sie beraten sowohl die Bundesregierung als auch die Katholische Kirche, wo fühlen Sie sich mehr verstanden?

Prof. Löschel: In den letzten Jahren hat sich im Kontext der Katholischen Kirche vieles bewegt, insbesondere mit der päpstlichen Enzyklika »Laudato Si«, in der Umweltschutz und Klimaschutz eine ganz neue Bedeutung gegeben wurde. Papst Franziskus sieht im Klimawandel, der Armut und der globalen Ungleichheit die Herausforderungen für unseren Planeten im 21. Jahrhundert. Dort, wie auf politischer Ebene, wurde erkannt, dass Handlungsbedarf besteht, als praktizierte Schöpfungsverantwortung.

Sturm: Was ist für Sie als Ökonom momentan das spannendste Thema.

Prof. Löschel: Mich interessiert besonders das Verhalten von Verbrauchern und Unternehmen. Was motiviert dazu, gemeinsam die Umweltressourcen nachhaltig zu nutzen? Wie reagieren Konsumenten und Produzenten auf politische Eingriffe? Was können verschiedene Instrumente in Umwelt- und Klimaschutz leisten? Daneben finde ich »Game-Changer« spannend. Welche Technologien können einen substantiellen Unterschied machen? Dazu gehören für mich Wasserstoff, die Speicherung und Nutzung von CO2 und Technologien, die CO2 aus der Atmosphäre holen. Wie können die »Game-Changer« ein Teil des Lösungsraums werden. Als drittes möchte ich die wirtschaftlichen Chancen der Energiewende nennen. Wie kann Deutschland seinen Wohlstand langfristig sichern? Erneuerbare Energien, Effizienztechnologien und insbesondere das Energiesystemwissen werden hier eine wichtige Rolle spielen. Der Energiemarkt muss flexibler werden und Erzeuger, Netze und Kunden im Kontext der Digitalisierung zusammenbringen. Wenn wir die Energiewende klug angehen, dann glaubt auch der BDI daran, dass eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes um 80% bis 2050 einen positiven Effekt auf die deutsche Wirtschaft haben kann. Das sind doch hervorragende Aussichten.

Sturm: Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

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