Die meisten Journalisten haben kein Gewissen mehr. Jörg Kachelmann

Bewegung im Kopf

Das Internet schleift kulturelle Unterschiede sehr schnell ab und schafft konvergente Lebensstile. Ein privates Auto gehört dann nicht mehr unbedingt dazu – das verändert nicht nur unseren Begriff des Automobils, sondern auch die Städte, in denen wir uns bewegen.

Wie wird sich der Verkehr in der Zukunft entwickeln? Wenn wir auch zukünftig in offenen, demokratischen Gesellschaften leben wollen, dann wird der Personen- und Güterverkehr jedenfalls nicht zurückgehen; gesellschaftliche Teilhabe heißt Bewegung im Kopf – aber eben auch im Raum. Moderne Gesellschaften zeichnen sich weiterhin dadurch aus, dass ihre Mitglieder einen hohen Grad von Individualität pflegen. Im Verkehr heißt dies, jeder und jede möchte zur eigenen Zeit und möglichst im eigenen Raum fahren. Doch damit entsteht nicht nur ein Problem ausreichenden Platzes, sondern auch genügender Rohstoffe. Im Jahre 2011 basieren 90 Prozent aller Ortsbewegungen von Menschen und Gütern auf fossilen Energieträgern. Weltweit hat der Verkehrssektor an dem „Klimagas“ CO2 einen Anteil von 25 Prozent: Es wird erwartet, dass der Anteil in den nächsten Jahren noch dramatisch ansteigt. Wenn wir also weiterhin demokratische Gesellschaften haben möchten und wir uns gleichzeitig den Zielen der Nachhaltigkeit verpflichten, ist die Aufgabe für die Zukunftsfähigkeit insbesondere der Städte klar gestellt.

Nimm doch mal den Bus

Wie lassen sich möglichst viele Nutzungsprofile auf eine Fahrzeugflotte packen, ohne dass es zu Einschränkungen oder Unbequemlichkeiten kommt? Denn muss es wirklich ein eigenes Fahrzeug sein? Ok, man kann nicht erwarten, dass zukünftig ausschließlich der öffentliche Nahverkehr, also Busse und Bahnen, genutzt werden. Aber wenn jeder mit seinem Privatauto fährt, wird keine effiziente Stadtgestaltung möglich sein. Warum sollte man sich daher nicht mit dem Gedanken anfreunden können, dass der Verkehr von morgen in einer nachhaltigen Stadtlandschaft konsequent öffentlich ist – ein Kollektivgut, das jeder und jede und unter bestimmten Umständen zu bestimmten Konditionen nutzen kann. Es ist ganz gleich, ob man Bus oder Bahn, Auto oder Fahrrad nutzt, alle Verkehrsmittel sind Teil einer neuen öffentlichen Verkehrslandschaft. Das Privatauto in der Stadt wirkt zunehmend wie aus der Zeit gefallen.

Die Frage ist nur, findet ein solcher Ansatz Resonanz beim Publikum? Für junge Leute taugt das Automobil heute schon nicht mehr zum Angeben. Da bieten iPhone, iPad, Kleidung oder Reisen viel mehr Möglichkeiten zur sozialen Differenzierung. Man möchte weiterhin fahren, oft und flexibel, aber man braucht dazu kein privates Auto. Welche Marke man fährt, wie hoch die Leistung des Motors ist oder gar wie viel Zylinder unter der Haube versteckt sind, wird für immer mehr Menschen immer unwichtiger. Und dies nicht nur in Deutschland und Europa, sondern auch in den großen Städten Nordamerikas, ja sogar in Peking und Shanghai sind diese Tendenzen bereits jetzt zu erkennen. Das Internet schleift kulturelle Unterschiede sehr schnell ab und schafft in rasanter Eile konvergente Lebensstile. Was wir weltweit erleben, ist daher eine neue Deutung dessen, was wir Automobil nennen. Selbstbeweglichkeit bindet sich nicht mehr an ein einziges technisches Gerät, das unsere Väter noch vom Zigarettenautomat um die Ecke bis hin nach Italien zum Urlaub gefahren hat.

Das Auto ist nicht mehr Statussymbol

Heute wird Automobilität durch eine Vielfalt von Möglichkeiten interpretiert, die den schnellen Wechsel der verschiedenen Verkehrsträger je nach Gelegenheit ermöglicht. Das einzelne Verkehrsgerät verliert dabei an Aufmerksamkeit und an Bedeutung, immer wichtiger werden die notwendigen digitalen Zugangsmedien. Mit den unterschiedlichen Smartphones und, zukünftig noch wichtiger, mit den verschiedenen Apps lässt sich viel besser angeben als mit einem Mercedes oder Porsche. Paris und London sind bereits heute die Städte, in denen man diesen konsequenten Umbau der Verkehrslandschaft zu einem kollektiven Gut beobachten kann.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alexander Eisenkopf, Thomas Weiss, Felix Creutzig.

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