Die Hamburger wollen die Spiele – und das ist auch gut so!

Andreas Kern22.03.2015Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Sport

Vor Hamburg liegt mit der anstehenden Olympia-Bewerbung eine Mammutaufgabe. Jetzt heißt es, dem Negativ-Trend der bisherigen Bewerbungen ein Ende zu setzen.

Vorab: Ich habe keinen besonderen Bezug zu Hamburg. Nur zweimal war ich kurz in der Elbmetropole. Selbst entfernte Städte wie Buenos Aires oder Bukarest kenne ich besser. Trotz – oder gerade wegen – dieser Unvoreingenommenheit freut es mich, dass die Hanseaten deutscher Olympia-Bewerber sind. Hanseatisch gelassen gingen sie ihren Weg – selbst als sie 2003 bei ihrer ersten Bewerbung dem schlechteren Konzept von Leipzig unterlagen. Es bleibt zu wünschen, dass Hamburg international punktet – und Olympia endlich wieder nach Deutschland holt. Es wäre ein Signal des Aufbruchs für den deutschen Sport – und ein Kontrapunkt zur deutschen Bedenkenträgerei und dem Neo-Biedermeier, in dem es sich hierzulande viele kuschelig eingerichtet haben.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Respekt vor dem Sportsgeist, mit dem sich die Hamburger auf ihren langen Marsch durch die Institutionen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) begeben. Sind doch mit Boston – sowie eventuell Rom und Paris – Schwergewichte im Rennen. Außerdem werden dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) Chancen attestiert, ebenfalls 2024 die Fußball-Europameisterschaft auszurichten. Zwei Großereignisse des Sports fast gleichzeitig in einem Land? Für manche nicht vorstellbar. Aber, wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Und die Erfahrung lehrt: Viele Städte wurden erst im zweiten oder dritten Anlauf zum Austragungsort gekürt. Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern manchmal eben das Durchhalten.

Dabei müssen die Norddeutschen gegen eine echte Negativ-Bilanz ankämpfen. Fielen deutsche Olympia-Bewerbungen doch zuletzt nur durch schlechtes Management, Pleiten, Pech und Pannen – sowie ständigen Gegenwind durch das vereinigte Wutbürgertum auf. Jeweils zwei fehlgeschlagene Kandidaturen um Sommer- und Winterspiele (Berlin 2000, Leipzig 2012 – Berchtesgaden 1992, München 2018) und der bereits im Vorspiel kläglich gescheiterte Bewerbungsversuch von München um die Winterspiele 2022 – das ist die magere Ausbeute. Alle größeren Nachbarstaaten – Frankreich, Italien, Großbritannien, Spanien – hielten dagegen in den vergangenen 30 Jahren mindestens einmal zu Hause Hof.

Ein wahres Desaster erlebten zuletzt die Münchner. Die Bürger der eigenen Stadt zeigten den Olympia-Plänen früh in einer Bürgerbefragung die rote Karte. „Der olympische Traum ist in Deutschland nicht mehr lebensfähig“, meinte der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper, resigniert. „Es gibt eine Stimmung, die kein solches Großereignis zulässt.“

Offenheit und Wahrhaftigkeit sind der Königsweg

So litt jetzt Hamburgs Mitbewerber Berlin wieder unter einer negativen Grundstimmung gegen alles, was nach Großprojekt riecht – und auch nur einen Meter über die Kiezgrenze hinausreicht. Bei so viel Gegenwind kam der Senat nur schwer in die Gänge – und konnte kaum gegen das lautstarke Lager der Olympiagegner ankommen. Gebetsmühlenartig warnte das Bündnis Nolympia davor, dass die verschuldete Stadt, die seit Jahren ohne neue Schulden auskommt, sich Olympia nicht leisten könne. Das klang oft, als liege Berlin irgendwo in einem „failed state“ in Zentralafrika.

Von den Offiziellen des Berliner Senats kämpfte nur Innensenator Frank Henkel mit offenem Visier für die Vision von Olympia an der Spree. Bezeichnend auch, dass Justizsenator Thomas Heilmann von der Polizei gegen linke Aktivisten geschützt werden musste, als er im alternativen Bezirk Kreuzberg Gebäck mit den olympischen Ringen als Aufguss verteilen wollte. Schon bei der Bewerbung für die Spiele 2002 verdarben die Gegner aus der linken Szene die Stimmung so sehr, dass ein IOC-Mitglied resümierte: „Berlin ist an sich selbst gescheitert. Die vielen Demonstrationen waren tödlich.“

Hamburg kann deshalb von seinen deutschen Vorgängern vor allem lernen, was man nicht machen soll. Die ersten Gebote sollten dagegen eine transparente, proaktive Kommunikation mit belastbaren Zahlen und die Vermittlung einer positiven Olympia-Vision sein. Mit vagen Kostenschätzungen gingen die Hanseaten nicht auf den Markt. Verlässliche Fakten sollen folgen. Gut so! Offenheit und Wahrhaftigkeit sind der Königsweg, um dauerhaft das Vertrauen der Bürger zu gewinnen – und leichter auf die erwartbaren Negativkampagnen der Dagegen-Fraktion zu reagieren.

Dagegen sein ist ein deutscher Trend

Daher muss die Kampagne der Hanseaten in erster Line aber die Herzen der Menschen erreichen. Politik, Wirtschaft, Bürgerschaft und Medien sollten sich gemeinsam als Motoren der Bewerbung verstehen und eventuelle Rückschläge gemeinsam aushalten. Das Motto der Fußball-WM 2006 „die Welt zu Gast bei Freunden“ – eine ähnlich eingängige Vision braucht auch Olympia an der Elbe.

„Bock auf Olympia“ haben die Hamburger schon jetzt, viel mehr als die Berliner jedenfalls. Die erste Hürde, ein Bürgerentscheid, sollte genommen werden. Immerhin sind Umfragen zufolge 64 Prozent der Menschen in Hamburg für die Ausrichtung der Spiele. Satte 71 Prozent Zustimmung verbucht Olympia gar bei den 18- bis 29-jährigen Hanseaten. Zahlen, die für Großprojekte unglaublich hoch sind! Zumal in Deutschland, wo „dagegen zu sein“ in ist – und Wutbürger einen Bahnhof zum Menschheitsproblem hochstilisieren und selbst dort islamische Gefahren beschwören, wo es fast keine Moslems gibt.

Hamburg muss ein vorolympisches Feuer entfachen

Auch jenseits der deutschen Grenzen ist der Grad der Zustimmung bemerkenswert. Beim gefühlten Favoriten für 2024 Boston dagegen scheint die Stimmung etwas zu kippen – wichtige Leitmedien berichten kritisch über die Bewerbung. Rückhalt in der Bevölkerung ist aber oft die wichtigste Währung einer Olympia-Stadt. So war es bei Sydney 2000, das Berlin damals den Rang ablief, so war es bei Tokio, dass zuletzt zum Ausrichter der Sommerspiele 2020 gekürt wurde. In der japanischen Hauptstadt betrug die Zustimmung 77 Prozent der Bürger; Rio de Janeiro, Gastgeber von Olympia 2016 konnte gar 85 Prozent verbuchen.

Hamburg muss in den Herzen nun mit einer glaubhaften, aber emotionalen Story ein vorolympisches Feuer entfachen – und konsequent auf die Vorteile für die Stadt verweisen. Angefangen mit den Wachstumschancen im Tourismus bis hin zur Verbesserung bei den Sportstätten und der Infrastruktur. Positive Beispiele gab es in der Vergangenheit genug. Für München etwa waren die Sommerspiele 1972 ein Quantensprung in der Stadtentwicklung.

Die olympische Idee verlangt nach Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft

Olympia-Gegnern – mit Totschlagargumenten wie Kosten und Umweltfolgen – sollte man die Frage stellen, ob Großereignisse des Sports künftig nur noch in Staaten ohne Bürgerbeteiligung und Pressefreiheit stattfinden sollen. Etwa in Russland, Korea, Katar oder Kasachstan?

Olympische Spiele gehören aber gerade in Orte wie Hamburg – oder Paris und Rom. Eben dorthin, wo Zivilgesellschaft und Sporttradition noch zusammenkommen. Nur so kann die olympische Idee, Visionen jenseits von Megalomanie, Kommerz pur und Ausschlachtung durch Autokraten entfachen.
Die Hamburger stehen vor einer Aufgabe, die größer ist, als ihre Stadt selbst. Es wäre schön für unser Land, es wäre schön für den Sport, wenn sie Erfolg haben. Deshalb: Alle Daumen hoch für Hamburg!

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