(Fast) Alles neu!

Andreas Kern13.03.2015Gesellschaft & Kultur

Papst Franziskus gilt für viele als Modernisierer der katholischen Kirche. Das stimmt zwar nicht ganz, aber den Wandel, den der Pontifex anstrebt, wird er radikal durchsetzen: die Abkehr vom selbstbezogenen Katholizismus der Vergangenheit.

In England heißt es: Man findet schnell einen Stock, wenn man einen Hund schlagen will. Und so wird es Kirchengegnern leichtfallen, Kritisches über Papst Franziskus zu sagen, wenn sich am 13. März seine Wahl zum zweiten Mal jährt. Gewiss, mit flapsigen Sätzen hat er zur Gegenrede eingeladen. Und manche seiner Äußerungen – etwa zum Kapitalismus – kommen derart apodiktisch daher, dass sie selbst Gutwillige vor den Kopf stoßen. Dennoch ist der Argentinier ein Glücksfall für seine Kirche, die ihre schwerste Existenzkrise seit der Reformation durchlebt – und in Europa immer weniger Kirchenbesucher und Priesterkandidaten anzieht.

Mit seiner direkten Art wirkt Franziskus wie ein Muntermacher. Unvergessen, wie der frisch gewählte Pontifex ohne Umhang samt Hermelinbesatz auf die Loggia des Petersdoms trat, im weißen, aber schmucklosen Talar. „Der Karneval ist vorbei“, soll Jorge Mario Bergoglio gesagt haben. Luxuskarossen tauschte er gegen Mittelklassewagen. Mitunter fährt der Papst auch Bus. In Symbolen zu sprechen und durch Bilder zu wirken – das beherrscht der Mann aus Buenos Aires virtuos.

Auch mit der Namenswahl setzte der Pontifex Ausrufezeichen. Steht sein Patron Franz von Assisi doch wie kein anderer für Armut und Frieden – und findet damit auch bei kirchenfernen Menschen Sympathie. Zugleich war der Mann aus Assisi kein glatter Volksheiliger, sondern ein revolutionärer Geist, der die Kirche radikal verändern wollte. Fast könnte man hinter der Namensgebung eine Kampfansage an beharrende Kräfte in der Kurie vermuten.

Das Wort Gottes ändert man nicht per Geschäftsordnung

Wie der Poverello wirkt der Papst mehr durch Vorbild als durch Reden. Er setzt auf persönliches Charisma, das Bergoglio durch seine jesuitische Schulung und den Alltag als Seelsorger in Buenos Aires mitbekommen hat. Bei den Menschen in den Armenvierteln am Rio de la Plata zählt Kathederwissen weniger als volksnahe Ansprache, Begeisterungsfähigkeit und peronistische Mythen. Mit politisch korrektem Käßmann’schem Schönsprech wäre bei den Hafenarbeitern von La Boca oder den Baristas von San Telmo kein Blumentopf zu gewinnen. Inzwischen leben die meisten Katholiken in Lateinamerika, Asien oder Afrika. Es ist gut, dass das Kirchenoberhaupt mit einfachen Botschaften gerade die Gläubigen anspricht, die er als Zukunft der Kirche ansieht. Europa, so scheint es manchmal, hat der Papst als ermattende, selbstbezogene Gesellschaft fast abgeschrieben.

Auch die Themensetzung ist Franziskus’ Herkunft geschuldet. Werden im postmaterialistischen Europa gerne Frauenpriesterschaft oder die Rechte homosexueller Paare diskutiert, so setzen Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern eher auf „Brot-und-Butter-Themen“. Dass die Kirche sich den Armen zuwenden soll, fordert Franziskus daher immer wieder. Seine Kapitalismuskritik fällt dabei oft so harsch aus, dass es viele Menschen in Europa oder Nordamerika vor den Kopf stößt. Man muss allerdings berücksichtigen, dass Bergoglio nicht in den sozialdemokratisierten Gesellschaften Europas groß geworden ist, sondern in Argentinien, das von peronistischen Eliten seit Jahrzehnten regelrecht ausgeraubt wird.

Am meisten stört Papstkritiker hierzulande, dass Franziskus bei grundsätzlichen Fragen die Ampel für ein „Anything goes“ weiter auf Rot stellt. Die formale Zulassung von Frauenpriesterschaft und gleichgeschlechtlicher Ehe stehen nicht auf der Agenda. Zwar hat der Pontifex mit Aussagen wie „Wer bin ich, hier zu richten?“ eine Lockerung der Haltung zu Homosexualität angedeutet. Doch schnell dämpfte er übertriebene Erwartungen: Bei Abtreibung, Homo-Ehen und Verhütung, so der Papst, kenne man die Ansichten der Kirche – „und ich bin ein Sohn der Kirche“.

Franziskus weiß: Die christliche Ehe als Verbindung von Mann und Frau gehört zur DNA des Katholizismus wie der Naturschutz zu den Grünen oder Wettbewerb zur FDP. Parteien können ihr Grundsatzprogramm per Mehrheitsbeschluss ändern – was sie mit Blick auf ihre Glaubwürdigkeit aber nicht allzu oft tun sollten. Dagegen beruft sich die Kirche auf die Evangelien – und somit direkt auf Jesus Christus. Das Wort Gottes ändert man nicht mal eben per Geschäftsordnungsantrag.

Nicht konservativ, nicht liberal, sondern radikal

Was also will der Papst – außer einer Hinwendung zu Armen und Schwachen? Eine gute Analyse stammt vom Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch. Für ihn ist der Pontifex weder liberal noch konservativ, sondern „radikal“, denn er will an die Wurzel seiner Kirche, ans Evangelium. So mahnt Franziskus eine Gemeinschaft an, „die sich nicht um sich selbst dreht, sondern hinausgeht an die Peripherien des menschlichen Lebens“. Dieser Ansatz ist auch roter Faden des Apostolischen Schreibens „Evangelii Gaudium“ – das einzige grundsätzliche Dokument, das der Papst während seiner Amtszeit veröffentlicht hat.

Wer den Pontifex genau studiert, merkt: Mit ihm gibt es keinen Salon-Katholizismus. Applaus auf Kirchentagen ist für ihn kein Selbstzweck. Was zählt, ist der Glaube; die Freude daran will der Nachfolger Petri unbedingt weitergeben. Eine spirituelle Erneuerung der Kirche sieht Franziskus daher als „Mutter aller Reformen“ an. Kardinal Koch ist sich sicher: Franziskus will als Hirte einer missionarischen Kirche voranschreiten – und keine maximale Anpassung an eine „zeitgeistige Mainstream-Moral“.

Der Schweizer geht in seiner Einschätzung noch weiter: Wer nur vage an Gott glaubt, die Heilige Messe nur zu Weihnachten besucht und trotzdem vehement die Segnung von Homo-Ehen fordert, der sei in den Augen des Papstes ein Heuchler. Franziskus strebe einen Gleichklang von Liturgie und Leben an. Wer vom Pontifex erwarte, dass er endlich liefert, der solle sich zuerst fragen, was er selbst tun kann.

Franziskus redet nicht nur, er ist entschlossen, seinen Weg durchzusetzen

Das Glas ist nach zwei Jahren Franziskus mindestens halbvoll. Mit seinem Charisma kann er die Gläubigen zu einem offenen Bekenntnis mitreißen. Und er schafft mit seiner volksnahen Art Aufmerksamkeit über die katholische Gemeinschaft hinaus. Aber der Druck wächst. Mit jedem weiteren Jahr wird Franziskus weniger an Worten, sondern an Ergebnissen gemessen. Das heißt: Die Entwicklung der Gläubigenzahlen und Gottesdienstbesucher wird ebenso gewogen wie die Resultate von Kurienreform und Bischofssynode.

Spätestens mit seiner Brandrede an die Kurie kurz vor Weihnachten 2014 hat Franziskus den Rubikon überschritten. Eindeutig stellte er klar, dass er nicht nur von Veränderungen redet, sondern entschlossen ist, seine Linie auch gegen Widerstände durchzuziehen. Der weltweite Zuspruch für sein Pontifikat gibt ihm Rückenwind. Der frühere Vorsitzende der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, setzt ganz auf Geschick und Tatkraft von Franziskus: „Wir wissen, dass er politischer ist und denkt, dass er durchsetzungsfähig ist, wenn es drauf ankommt. Darauf zähle ich eigentlich.“

Und mit Vater, Sohn und Heiligem Geist hat der Papst Verbündete. Wünschen wir ihm Erfolg!

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

5 Dinge, die ich seit der Coronakrise mache

Es ist der 1. April, ein Grund genug, mal etwas anderes über die Welt in Zeiten des Coronavirus zu schreiben. Was ich jetzt mache und vor allem wie mir das gelingt, lesen sie in dieser ironisch-bissigen Satire.

Wer soll das bezahlen?

Der Bundestag hat ein Corona-Hilfspaket von insgesamt 756 Milliarden Euro beschlossen. Um Himmels willen, wer soll das bezahlen? Wieder einmal bestätigt sich der berühmte Satz Bertold Brechts: „Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.“

Linda Teuteberg (FDP): Es wird länger dauern als bei Banken- und Eurokrise

„The European“ hat in allen Bundestagsfraktionen nachgefragt: Wie gehen Abgeordnete mit Corona um? Wie hat sich ihr Alltag geändert? Haben sie Tipps für den Bürger? Und vor allem: Wann normalisiert sich unser Leben wieder? Hier antwortet die Bundestagsabgeordnete und FDP-Generalsekretärin Li

Ist die politische und mediale Hysterie vielleicht viel ansteckender und gefährlicher als die biologische?

Europa im Ausnahmezustand. Das öffentliche Leben wird lahmgelegt, Kindergärten, Schulen und Sportstätten geschlossen, in den Supermärkten kommt es zu Schlangen und Hamsterkäufen, die Wirtschaft stürzt in eine Rezession und Depression, soziale Kontakte sollen begrenzt und Menschen in ihren Wohn

Die Ökonomie von Kontaktsperren

Auf der ganzen Welt suchen Regierungen nach Möglichkeiten, das Prinzip der sozialen Distanzierung zu etablieren, um die COVID-19 Infektionen in den Griff zu bekommen. Dabei zeigt sich fast überall: Ohne Zwang geht es nicht.

Linken und rechten Extremismus müssen wir vermeiden

Nun ist der „Stresstest“ für die Demokratie heute ungleich größer. Denn noch niemals in der Geschichte der Bundesrepublik war das Land so nah an dem, was die Notstandsgesetzgeber als „worst-case-scenario“ befürchtet haben. Noch nie mussten Regierungen zu solchen Einschränkungen von Frei

Mobile Sliding Menu