Mit Europa und den USA endet die Welt nicht. Wladimir Putin

Viva la Competencia

Argentinien war einst der wirtschaftliche Stolz der südlichen Hemisphäre. Übrig geblieben ist davon kaum etwas. Aus dem Niedergang des Landes kann und muss Europa seine Lehren ziehen.

Zwischen Santiago de Chile und Buenos Aires liegt nur eine Stunde Flugzeit. Eine Stunde, die Zukunft von Vergangenheit trennt. Man reist von einer aufstrebenden Boomtown, die sich mit immer mehr Theatern und hippen Shops schmückt, in eine Stadt, in der Verfall und Niedergang allgegenwärtig sind. Noch vor einigen Jahrzehnten war das Bild komplett anders.

Lange war Argentinien ein Ort der Sehnsucht. Ein gelobtes Land, in dem Milch, Honig und Rotwein reichlich strömten. Der Staat am Rio de la Plata war der wohlhabendste der Region, Buenos Aires die mondänste Hauptstadt der südlichen Hemisphäre. So schauten die Argentinier mit Verachtung auf ihre chilenischen Nachbarn herab, die sie für hinterwäldlerische Bauern hielten. Das Bild hat sich gewandelt: Die einstigen Hinterwäldler fliegen jetzt zum Billigshoppen nach Buenos Aires.

Da Argentinien und Chile bei Geografie, Bevölkerungszusammensetzung und Klima über ähnliche Strukturen verfügen, lag die Umkehr der Verhältnisse vor allem an politischen und historischen Ursachen. Eine große Rolle spielt dabei die Qualität der Regierungsführung.

Auch Freibier muss irgendwer bezahlen

Chiles Aufstieg ist schnell erklärt: Steigende Kupferpreise, Fleiß und Ehrgeiz der Menschen sowie eine vernünftige Wirtschaftspolitik haben das Land nach vorn gebracht. Zudem war der Andenstaat nach dem Übergang zur Demokratie 1989 bemerkenswert stabil. Zwischen den wechselnden liberalen und Mitte-Links-Regierungen bestand Konsens, dass Wirtschaftswachstum die Basis von gesellschaftlichem Fortschritt ist. Überschüsse aus dem Kupferbergbau werden in einen Fonds eingezahlt, der aktiviert werden soll, wenn die Konjunktur abflaut. Das System der Altersvorsorge setzt auf privates Sparen und Eigenvorsorge.

Argentinien dagegen liegt am Boden; die obskure Wirtschaftspolitik der sprunghaften Präsidentin Kirchner hat die Abwärtsspirale noch mal beschleunigt. Der Verfall begann nach dem Zweiten Weltkrieg – mit der Wahl Juan Domingo Peróns zum Präsidenten. Als der Offizier 1946 an die Macht kam, baute er die Gesellschaft um. Aus der liberalen Demokratie sollte ein Kooperativstaat nach dem Vorbild von Mussolinis Italien werden. Die Wirtschaft wurde nach peronistischer Rezeptur – einem Mix aus Nationalismus, Protektionismus und Verteilen sozialer Wohltaten – neu gestaltet. Gleichzeitig schuf der Caudillo ein Netz abhängiger, korrupter Gewerkschaften, die bis heute eine Stütze des Peronismus sind.

Perón verlor 1955 die Macht, aber alle Anläufe, auf die Erfolgsspur zurückzukommen, scheiterten. Zu sehr hatten sich die Peronisten das Land zur Beute gemacht – und ihn mit Nationalismus, Nepotismus und ineffizienter Staatswirtschaft zersetzt. Von der zerstrittenen Opposition ging selten Gefahr aus. Wobei es Kritiker des Peronismus schwer haben, gegen das Füllhorn peronistischer Wahlversprechen anzukommen. „Freibier für alle“ könnte ein argentinisches Copyright haben.

Vor allem war da „Evita“, Peróns legendäre zweite Frau, die bravourös auf der Klaviatur der Emotionen spielte – und die ärmeren Bevölkerungsschichten für die Bewegung ihres Mannes einzunehmen wusste. Noch heute wird die Schauspielerin wie eine Heilige verehrt. Viele Argentinier interessiert angesichts dieses Mythos nicht, dass die großmäuligen Peronisten mit Prasserei und Günstlingswirtschaft die Staatskasse durchbrachten.

„Die Argentinier wollten offensichtlich arm sein“

Auch die Nachfolger Peróns überzeugten mehr durch Glamour und Effekthascherei als durch effiziente Arbeit. Das gilt für den Staatschef der 90er-Jahre, Carlos Menem, ebenso wie für Néstor und jetzt Cristina Kirchner.

Speziell die Kirchners haben versäumt, das Land nach der Pleite 2001 auf Vordermann zu bringen. Schlimmer noch, mit dem Präsidentenpaar aus der südlichen Provinz Rio Gallegos nahmen Staatsdirigismus, Protektionismus und Bürokratie nochmals Fahrt auf. Prestigeprojekte und hohe Sozialausgaben wurden durch das Einkassieren von Gewinnen aus Agrarexporten finanziert – und ständig rotierte die Notenpresse. Auf die unvermeidliche Inflation reagierten die Kirchners mit Preiskontrollen – wenn sie die Teuerung nicht komplett leugneten und entsprechende Statistiken frisieren ließen.

Über die Währung Peso verhängten sie ein striktes Regime – inklusive Devisenkontrollen und -zuteilung. Außerdem kamen Importsperren und sonstige Einfuhrhindernisse in Mode. In der Folge boomte der Schwarzmarkthandel mit Devisen. Und wie ein Damoklesschwert schwebt über dem Pampastaat der Krakeel zwischen der Kirchner-Regierung und den „Geiern“ (fondos buitres): Hedgefonds, die Bonds nach dem Staatsbankrott 2002 zu günstigen Kursen aufkauften und nun auf vollständige Rückzahlung von 1,33 Milliarden Dollar plus Zinsen klagen.

Der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa bringt es auf den Punkt: „Die Argentinier haben sich im letzten halben Jahrhundert für die schlechtesten politischen Optionen entschieden. Für den Peronismus zu stimmen, heißt den Irrtum zu wählen, auf dem Irrtum zu beharren, trotz der Katastrophen in der modernen Geschichte Argentiniens. Die Argentinier wollten offenbar arm sein. Das Volk ist mitverantwortlich für das Geschehene.“

Die Argentinisierung droht auch Europa

Das Negativbeispiel Argentinien sollte den Menschen in Europa eine Warnung sein – auch sie können den Niedergang wählen. Man nehme Reformverweigerung, Bürokratie, teure Wahlversprechen und die Abkehr von einer maßvollen Ausgabenpolitik – schon kann die Argentinisierung losgehen. So kommen selbst wohlhabende Staaten mit breitem Mittelstand und vorbildlicher Infrastruktur – wie eben das Argentinien der 40er- und 50er-Jahre – auf die abschüssige Bahn.

Leider sind in Europa viele Ursachen für den Verfall Argentiniens gerade im Kommen. Was unter anderem am Widerwillen, sich dem globalen Wettbewerb zu stellen, deutlich wird. Stattdessen beklagt man den Verlust des gewohnten Biedermeiers – und vergisst, dass der europäische Wohlfahrtsstaat vor allem auf der Leistung und der harten Arbeit früherer Generationen aufbaut.

So erinnern Populisten von rechts und links – wie Ungarns Viktor Orbán, die Französin Marine Le Pen, der Spanier Pablo Iglesias oder die Griechen Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis mit ihren Tiraden gegen Globalisierung und freien Markt, ihren protektionistischen Ideen, ihrem theatralischen Auftritt und ihrer Rhetorik irgendwie an den argentinischen „Ursünder“ Perón. Hierzulande sind die Populisten von Gysi bis Gauland weniger schillernd und glamourös, gefährlich bleiben ihre Ideen trotzdem.

Die etablierten Parteien müssen sich anstrengen, Europa auf Kurs zu halten. Niemals sollte man vergessen, dass alles, was man verspricht, irgendwie bezahlt werden muss. Auch mehr Staat ist oft nicht die Lösung, sondern das Problem. Zu betrachten im Absteigerland Argentinien …

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Andreas Kern: Valar Morghulis

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