Fatale Abwertungsspirale

Andreas Kern2.03.2015Wirtschaft

Die EZB geht mit ihrem Abwertungskurs ein hohes Risiko ein. Das kann kein gutes Ende nehmen.

Verkehrte Welt! Nur mit dem Versprechen, dass der Euro „so stark wird wie die Mark“, konnten die Deutschen einst halbwegs für die Gemeinschaftswährung gewonnen werden. Die Bundesbank mit ihrer Stabilitätskultur wurde als Vorbild für die neue Europäische Zentralbank (EZB) verkauft; der Gründungs-Chefvolkswirt war ein früherer Bundesbanker. Und als EZB-Präsident zeichnete zunächst ein Niederländer – der aufgrund seiner Vita jeder mediterranen Salopperie unverdächtig war.

Nun – als Folge von Finanzkrise und Griechenland-Eskapaden – flutet die EZB die Märkte mit billigem Geld, wie es die Banca d’Italia früher nicht besser gekonnt hätte. Ein Proteststurm bleibt weitgehend aus. Dabei liegt der Euro-Kurs mit einem Wert von etwa 1,12 US-Dollar so tief wie lange nicht. Der Absturz dürfte sich noch beschleunigen. Startet die EZB doch in diesem Monat mit ihrem groß angelegten Kauf von Staatsanleihen.

Ganz wie früher italienische oder französische Nachfragepolitiker hoffen Politiker und Ökonomen, dass die Geldschwemme die Konjunktur anfeuert. Was kurzfristig auch gelingen kann. Vor allem das Hier und Jetzt ist keynesianischen Experten wichtig. Denn, wie sagte einst ihr großer Meister: „In the long run we are all dead“ – langfristig sind wir alle tot. Aber nachhaltig – um ein Modewort zu benutzen – ist diese Sichtweise nicht. Manche Volkswirtschaft hat das süße Gift der Geldentwertung Wettbewerbsfähigkeit geraubt. Dasselbe Schicksal könnte jetzt Europa drohen.

Den Nachbarn ruinieren

Kurzfristig erwarten Ökonomen, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt infolge der Euro-Talfahrt dieses Jahr stärker wachsen wird als im Herbstgutachten des Sachverständigenrates der Bundesregierung vorhergesagt. Die Bundesbank verbesserte unlängst ebenfalls ihre Konjunkturprognose.

Eine Abwertung wirkt wie eine Subvention für Ausfuhren und wie ein Zoll für Einfuhren. Eigene Waren werden billiger, Produkte aus dem Ausland kosten mehr. Beides zusammen hilft heimischen Firmen – zulasten fremder Hersteller. „Beggar my neighbor policy“ nennen das Volkswirte. Autobauer wie Mercedes oder BMW können mehr Fahrzeuge in den USA oder Asien verkaufen. Auch Maschinen- und Anlagenbauern nutzt eine schwindsüchtige Währung. Der Wirtschaftsdampfer Deutschland brummt so weiter. Die langen Wellen der Konjunktur schlagen noch nicht heftig genug, um die Fahrt etwas zu bremsen.

Auch wenn keine schwere See in Sicht ist, Untiefen lauern trotzdem. Der historische Blick in den Süden – auf Länder wie Italien und Frankreich – zeigt: Wer auf eine Schwachwährung setzt, kommt über kurz oder lang in unruhiges Fahrwasser. Zu Recht warnte deshalb Stefan Kapferer, stellvertretender Generalsekretär der OECD, dass die Euro-Baisse die Innovationskraft belasten kann. Wenn die Wettbewerbsfähigkeit dank des Wechselkurses hoch ist, müssen Unternehmen nicht unbedingt Produkte oder Technologien vorantreiben.

Für die Bundesrepublik war die starke D-Mark daher eher Segen als Fluch. Ehrgeiz und Aufbauwillen der Menschen sowie die Unabhängigkeit der Bundesbank waren Eckpfeiler des Wirtschaftswunders. Schon 1960 erreichte die Wirtschaftskraft Deutschlands bereits das Niveau von 1938.
Die Firmen waren gezwungen, sich durch technischen Fortschritt und Produktivitätszuwachs einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz aus dem Süden und Fernost zu erarbeiten. Zudem hatte die Wirtschaft keinen Währungsschutzschild, der sie vor dem rauen Wind des Wettbewerbs schützte. Anpassungsprozesse konnten nicht aufgeschoben werden.

„Weginflationieren“ wäre in einem Land, in dem die Bundesbank sakrosankt und die D-Mark Patriotismus-Ersatz war, ein Tabubruch gewesen. Geschadet hat es nicht. „Made in Germany“ ist bis heute Gütezeichen eines mittelgroßen Landes in Europa, das ohne das Aufkommen Chinas Exportweltmeister wäre. Um den Werbeslogan eines Automobilherstellers zu gebrauchen: „Vorsprung durch Technik“ eben! Dies gilt auch für andere Hartwährungsländer. Der Schweizer Franken, die Schwedische Krone oder der Niederländische Gulden waren auch keine Weichvaluten. Dennoch sind ihre Länder bis heute stark bei Industrie und Dienstleistung – und verfügen gleichzeitig vorbildlich über Sozialsysteme.

Italien dagegen hatte den Finger ständig an der Notenpresse – und leidet heute unter verpassten Reformen. Zudem war die Banca d’Italia nicht unabhängig, sondern als Teil des Schatzministeriums an der kurzen Leine der Regierung in Rom.

Die Lira wertete folglich gegenüber anderen Währungen ständig ab. So sank die Kaufkraft, während die Inflation kletterte und kletterte. Leidtragende waren zuallererst die „kleinen Leute“ – Rentner und Sparer. Die konnten sich immer weniger für ihr Geld kaufen; gleichzeitig sank der reale Wert der Sparguthaben und Rentenansprüche. Inflation macht gerade die Armen ärmer!

Mit Finten und Taschenspielertricks gegen harte Reformen

Langfristig bedroht eine Abwertungsspirale die europäische Währungsunion in ihren Grundfesten. Das Öffnen der Geldschleuse überspielt die schlechte Performance und die niedrige Produktivität einiger Euro-Staaten. Zu hohe Lohnstückkosten und zu niedrige Produktivität sind Makel von Ländern wie Griechenland – die dringend hochwertigere Produkte herstellen müssten. Dies kann allerdings nur mit harten Reformen gelingen – und genau davor will sich die Regierung in Athen mit Finten und Taschenspielertricks drücken. In Spanien wiederum wartet die populistische Podemos-Partei nur darauf, ihr Land nach einem möglichen Wahlsieg im Herbst ebenfalls in den Standby-Modus zu switchen.

„Laissez faire“ a la Syriza oder Podemos würde den Süden Europas endgültig zu einem Mega-Mezzogiorno machen, den der Norden dauerhaft alimentieren müsste. Länder wie Deutschland oder die Niederlande wären als Zahlmeister bald deutlich überfordert.

Zu Ende gedacht, kann die Talfahrt des Euro kein gutes Ende nehmen. Irgendwann dürfte die Abwertungskaskade der EZB zwangsläufig Gegenreaktionen anderer Zentralbanken heraufbeschwören – was im schlimmsten Fall in einem Währungskrieg enden kann. Die Geschichte hat gezeigt, dass es dabei keinen Sieger gibt. Der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, bezeichnete die Abwertungswettläufe zwischen den Weltkriegen folgerichtig als „Sargnagel für die Weltwirtschaft“.

Steigen die USA in den Wettlauf ein, weil ihre Wirtschaft weiter vor sich her dümpelt, dürften die Konsequenzen verheerend sein. Am Schluss könnte Geld an sich seine Ankerkennung als sicheres Wertaufbewahrungsmittel verlieren. Und niemand wäre mehr in der Lage, auch nur einen kleinen Rettungsschirm aufzuspannen.

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