Ein kleines bisschen Horrorshow

Andreas Kern9.02.2015Europa, Politik

Tsipras und Varoufakis haben außer Virilität und Krawall nicht viel zu bieten.

Ob man in Brüsseler Amtstuben die „Toten Hosen“ schätzt, ist nicht bekannt. Aber ein Song hätte das Zeug zum EU-Gassenhauer: „Hey, hier kommt Alex! Vorhang auf – für seine Horrorshow. “

Was Griechen-Premier Alexis Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis in den ersten Wochen ihrer Amtszeit darbieten, mag für manche wirklich wie „Horrorshow“ anmuten. Obwohl Griechenland etwa 320 Milliarden Euro Schulden hat – und Ende Februar das bestehende EU-Hilfsprogramm ausläuft, gehen die Hellen auf Konfrontationskurs: Mindestlohn rauf, der Beamtenapparat wird wieder aufgestockt. Als Höhepunkt gab Varoufakis der EU-Troika vor laufender Kamera den Laufpass. It’s showtime in Athen! Dazu passend die Aufmachung: Ohne Krawatte, aber gerne mit Lederjacke und Rucksack – so tingeln der Robin Hood der Haushaltsdefizite und sein viriler Little John durch Europa. Zumindest für die Fan-Gemeinde des Populisten-Duos liegt der Sherwood Forest jetzt in der Ägäis.

Messianisch gefeiert

Bei Bildsprache, medialer Inszenierung und begrifflicher Deutungshoheit punkten Tsipras und Varoufakis in der Tat. Wer von der eigenen Fan-Base fragt ernsthaft, wie tragfähig ihre Konzepte sind?

Allerdings haben es die Revoluzzer auch leicht, brave EU-Finanzer alt aussehen zu lassen. Wie sexy sind denn Troika-Kontrolleure, die den Easy Ridern von der Pelepones so spießige Dinge wie Bilanzen, Haushaltspläne, Verträge und Gesetze entgegen halten? Wie groß ist die Bewunderung der Austeritätsgegner für Tsipras und seine „merry men“, wenn sie ohnehin jeden, der wider Brüssels Stachel löckt, messianisch gefeiert hätten?

Für die Hüter der EU-Finanzen, besonders für die Anhänger ordoliberaler deutscher Positionen, wird es nicht leicht, Alexis’ Horrorshow als „faulen Zauber“ zu demaskieren und der Welt zu zeigen, was Sache ist: Nämlich, dass Griechenland nicht deshalb zahlungsunfähig ist, weil sich die Götter – oder finstere Mächte in Brüssel oder Berlin – verschworen hätten. Die Probleme sind hausgemacht: Jahrelang hat Hellas mit vollen Händen das Geld anderer Leute ausgegeben. Es fehlt eine auch nur ansatzweise vernünftige Steuerverwaltung! Die Wirtschaft ist in keinem Bereich echt wettbewerbsfähig! Milliardäre – wie die Großreeder – zahlen kaum Steuern! Der Beamtenapparat ist mit „überdimensioniert“ noch freundlich beschrieben! Die Macht haben sich jahrelang Parteien geteilt, die von Familienclans ähnlich dominiert wurden, wie gewisse sizilianische Organisationen von ihren Capos! In relativen Zahlen sind die Militärausgaben Griechenlands immer noch mit die höchsten in der EU! Anstatt diesen Augiasstall konsequent auszumisten, rufen die neuen Männer in Athen – Frauen gibt es in der Ministerriege ja nicht – erst mal nach noch mehr Geld anderer Leute.

Rebellion in ganz Europa

Die traurigen Fakten kennen auch Tsipras – und vor allem der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Varoufakis. Doch bei aller zur Schau getragenen Präpotenz können sie die Gesetze der Schwerkraft nicht außer Kraft setzen. Ein Spieltheoretiker wie Varoufakis handelt aber dann rational, wenn er in aussichtsloser Lage für Feind und Freund seine Horrorshow aufzieht.
Um es in der Westernsprache zu sagen: Ein Cowboy, der mit dem Rücken zur Wand steht und keine Kugel im Colt hat, versucht, ein Wunder zu provozieren. Das heißt im Fall Griechenland: Mit Hilfe ebenfalls angeschlagener Staaten – wie Italien oder Frankreich – so viel Druck auf Brüssel und Berlin aufzubauen, dass deren Kassenhüter Gnade vor Recht ergehen lassen müssen. Die Alternative wäre der Grexit. Aber der gilt – zumindest offiziell – immer noch als Denktabu.

Obwohl Ratingagenturen die Daumen immer tiefer senken, ist nicht auszuschließen, dass die Griechen zumindest eine substanzielle Lockerung der Sparauflagen erreichen können. Und gewiss, manch einer in der EU-Kommission würde den Hellenen einen solchen Ablass gern gewähren. Was passiert aber, wenn die Spanier ebenfalls auf Rebellion umschalten (die Iberer wählen im Herbst).
Von Pablo Iglesias, dem bezopften Führer der linken Podemos-Partei, wäre nicht weniger zu erwarten als noch mehr Horrorshow. Nur, Spanien ist mit seinen 46 Millionen Einwohnern und seiner Industrie ein anders Kaliber als Griechenland. Ein Schuldenschnitt für Madrid würde das europäische Bankensystem eventuell in den Kollaps führen. Nachahmungswünsche aus Italien und Frankreich sind da nicht mal eingepreist.

Mehr Schäuble, weniger Varoufakis

Glücklicherweise versteht offenbar auch Wolfgang Schäuble etwas von Spieltheorie. Die „Madman-Strategie“ des Hellen durchschauend, gab er beim ersten Treffen gekonnt den Anti-Varoufakis. Auf Provokation des Griechen reagierte der deutsche Finanzminister fast schon britisch cool. „Nur Verlässlichkeit schafft Vertrauen“, mahnte er gleich mehrmals die Einhaltung bestehender Abkommen an.

Da war Schäuble ganz bei sich: Nicht die schwäbische Hausfrau, aber doch der badische Pater familiae. Mal nüchtern, mal fast schon stoisch – aber konsequent in der Verteidigung der eigenen Position. Dazu immer im Bewusstsein, dass die letzte Karte, die Varoufakis spielen kann, der Grexit wäre. Der aber hätte Konsequenzen, die Syriza nur schwer linken Wählern zumuten kann.

So ist die Chance groß, dass Varoufakis in Schäuble seinen Meister findet. In einem „old wise man“, der alles erlebt hat: Als Kind den Weltkrieg, Skandale, Rücktritte, politische Enttäuschungen, das Ausverhandeln der Deutschen Einheit – und als trauriger Höhepunkt – die eigene Nahtod-Erfahrung. So jemand lässt sich – anders als manche deutsche TV-Moderatorin – nicht von einem Rebellentypen mit heraushängendem Hemd beeindrucken. Manche können eben auch in Anzug und Krawatte cool sein!

Wenn Europa seine Krise dauerhaft lösen will, dann braucht es mehr Schäuble und weniger Varoufakis – mehr fiskalische Substanz und weniger Horrorshow.

Um aber in griechischen Bildern zu bleiben: Die Euro-Rettung ist immer noch auf ihrem Törn zwischen Skylla und Charybdis. Ob sie als Tragödie endet oder gut ausgeht, dafür hätte wohl auch das Orakel von Delphi keine zufrieden stellende Antwort.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Winfried Kretschmann - Wir müssen die Disruption des öffentlichen Raums verhindern

Wie kann es uns gelingen, die fragmentierte Öffentlichkeit wieder zusammen zu führen? Wie können wir Brücken zwischen der ganzen Fülle unterschiedlichster Gruppen bauen? Müssen wir vielleicht den Ort erst schaffen, an dem ein gemeinsamer Diskurs wieder möglich wird?

Rentner zahlen sechsmal so viel Steuern wie Erben

Rentnerinnen und Rentner, die in diesem Jahr in Rente gehen, zahlen bis zu fünfmal mehr Steuern, als Rentnerinnen und Rentner, die 2010 in Rente gegangen sind. Und das bei gleicher Rentenhöhe, die seitdem real an Kaufkraft verloren hat. Dass die Finanzämter selbst bei einer Bruttorente von 1200 E

Mobile Sliding Menu