Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten. Karl Kraus

Europa braucht keinen Gurkenkönig

Europa von oben ist gescheitert. Es muss zu einem Projekt der Vielfalt werden.

Gestatten, seine Majestät Alfons der Viertelvorzwölfte – Herrscher der Europäischen Union, Verteidiger des Euro und Schutzpatron der richtig gekrümmten Banane! Es ist ja nett, sich Gedanken über eine stärkere emotionale Bindung der Menschen an die Europäische Union und ihre Institutionen zu machen. Allein, eine solche Idee taugt allenfalls für den 1. April. Zu anachronistisch wäre die Idee eines europäischen Königtums: Zu sehr trägt der Gedanke die Gefahr, weitere Spannungen zwischen den Menschen in Europa anzuheizen.

Tobias Haas hat in seinem Beitrag daher viel Richtiges gesagt. Etwa zu der republikanischen Tradition in Frankreich oder zu den Wahlmonarchien im deutschen Mittelalter, in Malaysia oder in den Golfemiraten. Wie sollten sich die Menschen in Europa denn auf einen Monarchen einigen, wenn schon die Wahl eines Zentralbankpräsidenten zu tiefen emotionalen Verwerfungen zwischen stabilitätsorientierten Deutschen und den eher Inflations-entspannten Südländern in Griechenland oder Italien führt? Immerhin haben die Iren lange dafür gekämpft, um Großbritannien und seine Monarchen loszuwerden – Tschechen, Kroaten und andere wollten unbedingt weg von der Habsburger Doppelmonarchie. Selbst in Deutschland singt man allenfalls zu Karneval, dass man den „alten Kaiser Wilhelm wieder haben“ will.

Angela I. und Alexis der Rote

Wenn Euro-Gegner aus Nord und Süd schon über die Gemeinschaftswährung und deren Geldhüter ätzen, wie viel ausfälliger würde dann das Geläster über ein gekröntes Eurohaupt werden. Da die Europäische Union ständig mit dem Krümmungsgrad bestimmter Obst- und Gemüsesorten diskreditiert wird, hieße es schnell – frei nach einem Jugendbuch von Christine Nöstlinger – „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig!“

Deshalb: Ein Europa, das die Menschen mögen, baut man nicht von oben. Es muss von unten wachsen. Schon die Einführung des Euro hat den Kontinent eher gespalten, anstatt Bürgerinnen und Bürger zusammenzuführen. Dass die Regierungschefs von Griechenland und Deutschland wechselseitig als Gottseibeiuns gelten, wäre vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen. Wie würden die Griechen dann eine Euro-Queen Angela I. finden oder die Deutschen einen König „Alexis der Rote“?

Reisefreiheit, geförderte Austauschprogramme für junge Menschen, Anreize zum Sprachenlernen – das ist Treibstoff für ein einiges Europa. Diese Schätze sollte man hegen und pflegen. Und Geld besser dafür investieren, als in eine Monarchie mit Krone, Dienerschaft und Hofschranzen.

Kleinstaaterei von der Arktis bis nach Gibraltar

Auch wenn es militante Umweltschützer nicht hören mögen: Europas Billigflieger haben mehr zum Zusammenwachsen des Kontinents beigetragen, als es eine Monarchie je leisten kann. Junge Menschen fliegen heute über das Wochenende von Madrid nach Berlin, von Rom nach London – wie sie früher mit Bus oder Auto in ihre Nachbarstädte gefahren sind. Das bringt Menschen zusammen, das hilft Vorurteile abzubauen. Man lernt dabei die Vielfalt unseres Kontinents schätzen und lieben.

Der lebenskluge frühere Bundespräsident Roman Herzog hat schon die Debatte um die innere Einheit Deutschlands sehr entspannt – ja fast amüsiert – gesehen. In einer Rede anlässlich des Tags der Deutschen Einheit sagte Herzog am 3. Oktober 1998: „Ich rate zu Geduld und etwas Gelassenheit. Vor allem warne ich davor, zur Einheit gleich noch die Einheitsdeutschen zu fordern. Solche Standardgeschöpfe hat es in deutschen Landen – Gott sei Dank! – nie gegeben. Im Gegenteil: Seit eh und je pflegen die Stämme und Regionen ihre Besonderheiten. Diese selbstbewusste Vielfalt hat unserem Lande nie geschadet, sie hat es politisch und kulturell bereichert! Und ich füge hinzu: Unsere offene und weltoffene Gesellschaft muss solche Unterschiede auch in Zukunft aushalten können.“

Wenn die Vielfalt schon ein Schatz Deutschlands ist, wie viel mehr gilt das für die Europäische Union, die inzwischen vom Schwarzen Meer bis an die Irische See und vom Polarkreis bis an die Straße von Gibraltar reicht? „FAZ“-Autor Rainer Hank hat in einem Kommentar betont, dass Europas Erfolgsrezept die Kleinstaaterei ist. Folgerichtig verweist Hank darauf, dass es auf unserem Kontinent seit dem Ende des Weströmischen Reichs im 5. Jahrhundert keine zentralstaatliche Einheit mehr gibt. Das sei kein Schaden gewesen, sondern Glück. Wissenschaftliche Neugierde, nutzbringende Erfindungen und wirtschaftliches Wachstum hätten sich im Wettstreit der Völker und Nationen entwickelt. Dezentral verteilte und begrenzte Macht – so Hank – habe die Meinungsvielfalt gefördert, Kreativität ermöglicht, den Ehrgeiz des Wettbewerbs angestachelt und den Wohlstand genährt. Gerade Zeiten mit viel Kleinstaaterei (die Renaissance in den oberitalienischen Städten um 1500 oder die deutsche Klassik am Hofe von Weimar und anderswo) hätten Genies und neues Wissen hervorgebracht.

Die Stärken der Nationen nutzen

Die aktuellen Entwicklungen geben Hank eher recht, als dass sie ihn widerlegen. Es ist gut, dass Griechen keine Deutschen sind – und Deutsche keine Griechen. Dies sollte man auch nicht ohne Not ändern – schon gar nicht von oben herab oder per Ratsbeschluss. Vielmehr sollten alle Nationen auf dem Kontinent die Möglichkeit haben, ihre jeweiligen Stärken zu entfalten – und sich entsprechend ihrer geografischen, kulturellen und historischen Voraussetzungen optimal zu entwickeln. Was der Wettbewerb von Ideen und Talenten nicht an Ausgleich schafft, kann man mit Kohäsions- und Strukturfonds abfedern. Arbeitnehmerfreizügigkeit, moderne Kommunikationsmittel und Flugzeuge tun ihr Übriges, um den Kontinent kleiner zu machen.

Für ein modernes, bürgernahes und wirtschaftlich erfolgreiches Europa brauchen wir keinen „Gurkenkönig“, sondern eine Stärkung der Stärke unseres Kontinents: der Vielfalt!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Matthias Heitmann, Tobias Haas, Sandra Wickert.

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