Valar Morghulis

Andreas Kern30.07.2015Gesellschaft & Kultur

Die Serie „Game of Thrones“ lehrt uns: Das Leben hält viele Überraschungen bereit, leider auch bittere!

_Spoiler-Warnung: Dieser Text enthält viele Informationen über das Schicksal verschiedener Charakter der Serie „Game of Thrones“._

Die Nachricht vom vermeintlichen Ende des The European erreichte mich beim Schreiben dieser Kolumne. Eigentlich hatte ich vor, die Einzigartigkeit der Serie „Game of Thrones“ nochmals herauszustellen und zu betonen, dass Gewaltszenen sicher nicht der wesentliche Grund für Zuschauerzahlen und Fan-Begeisterung sind. Töten und Blut strömen lassen, das ist im Filmbusiness nichts Neues. Das konnten in den 80ern schon die Herren Schwarzenegger, Norris und Stallone mit Bravour. In den 90ern wurde ein gewisser Hannibal Lecter gewissermaßen zur Ikone cineastischer Brutalität. Mel Gibson schuf später mit „Braveheart“, „Apocalypto“ und „Die Passion Christi“ gleich mehrere Orgien des Gemetzels. Von der „Passion Christi“ war David Denby, der renommierte Kritiker des „New Yorker“, so angeekelt, dass er den Streifen als „einen der grausamsten Filme der Kinogeschichte – ein krank machender Todestrip“ brandmarkte.

Jeder Mann muss sterben

Gibson drehte seine Werke übrigens zu einer Zeit, als die von Sören Heim genannten Sitcoms wie „Seinfeld“ und „Frasier“ liefen – oder Gerichtsstoffe wie „Ally McBeal“ oder „Boston Legal“ _en vogue_ waren. Es dominierten in den 1990ern sowie den Nullerjahren eben nicht nur leichte und hintersinnige Stoffe. Daher ist es falsch, „Game of Thrones“ als reines Zeitgeistphänomen zu bezeichnen. So sind aktuell Serienhits – wie eben „Game of Thrones“ –, aber auch „Breaking Bad“ oder „The Walking Dead“, durchaus nicht zimperlich, was Gewaltdarstellungen angeht. Aber dies dem Zeitgeist zuzuschreiben, wo doch seichte Magazine wie „Landlust“ oder „Flow“ erfolgreich eine eher heile Biedermeier-Welt beschwören – und arglose Sitcoms wie „How I met your Mother“ oder „2 Broke Girls“ auch aktuell noch ihre Fans haben? Das würde unserer Zeit nicht gerecht! Es sind vielmehr die Originalität der Bücher, die Entwicklungsfähigkeit der Charaktere sowie die Glanzleistung von Produktion und Schauspielern, die „Game of Thrones“ so außerordentlich und zugleich außerordentlich erfolgreich machen.

Ein Schlüssel zur Faszination dieser Serie liegt in einem, sich in fast jeder Folge wiederholenden, Satz: „Valar Morghulis – Jeder Mann muss sterben“. In „Game of Thrones“ wird dieses Motto geradezu zelebriert. Keine Hauptfigur, und sei sie noch so beliebt, ist davor sicher, nicht im nächsten Moment von Autor George R. R. Martin in den Filmtod geschrieben zu werden. Die Fans regen sich zwar mächtig auf – und bei Facebook oder Twitter einen Shitstorm an –, wenn Helden wie Robb Stark, der König des Nordens, samt tougher Mama und hübscher Gattin bei der „roten Hochzeit“ gemeuchelt werden. Am Ende schalten sie dann doch wieder die nächste Folge ein. Denn irgendwann, das ist gewiss, kommen auch die Hintermänner des Massakers, Machthaber Tywin Lennister und Kindkönig Joffrey Baratheon, dran. Zwischen all den Ränken säuft, hurt und intrigiert sich ein pfiffiger Gnom durch das Sodom und Gomorrha von Intrigen, Machenschaften und Kriegen auf dem fiktiven Kontinent Westeros – und bleibt dabei doch der einzige bewährte Sympathieträger. Zwischen all den Kabalen und Scharaden am Hof der Hauptstadt Königsmund wirkt die authentische Frivolität des Zwerges Tyrion fast schon aufrichtig und anständig.

Größter anzunehmender Unfall

Einer der Letzten, für den Martin auf die Aus-Taste drückte, war in der gerade abgelaufenen fünften Staffel Jon Snow, Halbbruder von Robb Stark und Anführer der Nachtwache. Kaum ein Tod in der Reihe kam derart unverhofft und unerwartet. Galt Snow doch als der einzig verbliebene männliche Vertreter des Stark-Clans, dem man zutraute, den verlorenen Anspruch dieser einst so mächtigen Familie wieder herzustellen. Doch anstatt gegen den amtierenden König Tommen zu rebellieren, meutern Mitglieder der Nachtwache – und meucheln ihren beliebten Kommandanten. Der größte anzunehmende Unfall im Kosmos von „Game of Thrones“!

Ausgerechnet die nicht gerade gut beleumundete Zauberpriesterin Melisandre, die ihrem Herrn Stanis Baratheon unter anderem riet, seine Tochter für Blutzauber zu opfern, ist nun die große Hoffnungsträgerin der Fans. Es würde mich nicht wundern, wenn bereits Petitionen an Martin ausgesandt wurden, mit der Bitte, Frau Melisandre möge doch den guten Herrn Snow wieder ins Leben zurück hexen. Selbst US-Präsident Barack Obama trauert dem Filmhelden hinterher – und soll einen Regisseur der Serie gefragt haben, ob diese Hauptfigur denn wirklich tot sei. Höhere Weihen kann ein Fernsehprogramm nun wirklich nicht erlangen.

All das wollte ich zu Papier bringen, als ich die Nachricht las: The European könnte verschwinden. Aus nachvollziehbaren Gründen geht mir das dann doch näher als ein Serientod. Schließlich machte (und macht) es mir Spaß, diese Kolumnen zu schreiben. Zum anderen habe ich es als bereichernd empfunden, so unterschiedliche Beiträge zu ganz verschiedenen Sachverhalten zu lesen. Gerade wenn ich Meinungen betrachtete, die nicht unbedingt mit meiner (liberal-konservativen) übereinstimmten, gab mir dies Anlass zur Reflexion oder zu innerem Widerspruch. Es wäre daher mehr als schade, wenn ein solches unabhängiges, überparteiliches, niveauvolles – und noch dazu kostenloses Forum – wirklich verschwinden würde.

Ohne öffentliche Vorankündigung

Versunken in mein Sinnieren über „Game of Thrones“ dachte ich: Das könnte sich doch fast George R. R. Martin ausgedacht haben! Aus und vorbei – und das (quasi) ohne öffentliche Vorankündigung. Für die Leser, Freunde und Kolumnisten – aber vor allem für die angestellten Redakteure – des European hoffe ich dennoch auf eine gute Wendung. Blutzauberinnen, auf die man okkulte Hoffnungen setzen kann, soll es ja in der realen Welt eher nicht geben. Dafür aber Investoren, Geldgeber oder sonstige potenzielle „weiße Ritter“. Es müsste halt nur einer auftauchen. Am besten mit einer Idee, wie man das Projekt auch wirtschaftlich entwickeln kann. Denn, wie ließ schon Goethe sein Gretchen im „Faust“ sagen: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen!“

Inspiriert von einem Lied von Manu Chao habe ich diese Kolumne „La Vida Tombola“ genannt, was frei übersetzt etwa „das Leben ist eine Lotterie“ heißt. Und in der Tat, nicht nur in Martins Westeros, sondern auch auf dem Planeten Erde ist nichts wirklich sicher. Der Anfang nicht und das Ende auch nicht. Und so habe ich die Hoffnung, dass es in der Lotterie doch ein Glückslos gibt – und dies nicht meine letzte Kolumne für The European war. Ansonsten schließe ich diese Reihe mit den Worten des serbisch-hessischen Volksphilosophen Dragoslav Stepanovic: „Lebbe geht weiter!“
In diesem Sinne: Bis hierhin vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

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