Genosse Papst

von Andreas Kern14.07.2015Gesellschaft & Kultur

Franziskus hat seinen bisher größten Fehler gemacht: Er hat sich von Radikalen vereinnahmen lassen.

Das größte Problem der Propheten ist für gewöhnlich, dass sie in ihrer Heimat nichts gelten. Jesus persönlich schreibt die Bibel diese Worte zu (u. a. Markus 6,4). Bei Papst Franziskus ist es umgekehrt. Er ist so populär, dass sich alle in seinem Glanz sonnen möchten. So hatten umstrittene Politiker wie Ecuadors Präsident Rafael Correa schon im Vorfeld der Papstreise nach Südamerika versucht, den Pontifex zu vereinnahmen. Die Chance dazu war da. Oft sendet der Argentinier auf derselben Welle wie linke Tribune: Kapitalismuskritik und Ruf nach Gerechtigkeit. Dabei fährt Franziskus hohes Risiko. Beim Wechsel vom theologischen Olymp in die politische Arena unterwirft sich der Stellvertreter Gottes den profanen Regeln der Politik. Er macht sich angreifbar, kann sich Schrammen holen. Der Autorität des Papstamtes schadet dies.

Papstreisen sind daher Drahtseilakte, und Drahtseilakte gehören seit Jesu Tagen zum religiösen Geschäft. So speiste der Religionsstifter ebenso mit bigotten Pharisäern wie mit übel beleumundeten Zöllnern oder Dirnen. Franziskus Vorvorgänger Johannes Paul II. tanzte mit den umstrittensten Diktatoren seiner Zeit auf dem Vulkan. Etwa mit den Militärmachthabern Jaruzelski (Polen) und Pinochet (Chile) sowie mit Kubas Revolutionsurgestein Fidel Castro.
Nie jedoch machte er sich mit ihnen gemein. Landsmann Jaruzelski und Putschist Pinochet redete Karol Woytila im stillen Kämmerlein ins Gewissen. In öffentlichen Predigten ermutigte er die Menschen, neue Wege zu gehen – ohne den Herrschenden einen Vorwand zu weiterer Repression zu geben. Mit abgewogenen Worten wie „der Heilige Geist komme herab und verändere das Angesicht der Erde, dieser Erde“ oder „habt keine Angst“ trug Johannes Paul II. dazu bei, das Klima in Polen und Chile aufzuhellen. In Chile räumte der Alleinherrscher nur zwei Jahre nach der Papstvisite das Feld.

Die Menschen in Favelas brauchen klare Bekenntnisse

Bei Franziskus bleibt das Florett der Diplomatie oft im Schrank. Insbesondere für die Heimkehr nach Südamerika war der Einsatz nicht vorgesehen. Vielmehr stand Menschenfischen auf der Agenda. Auch, wenn man es in Europa nicht glaubt: In Franziskus Heimat tut Mission not. Zwar ist Lateinamerika noch immer Herzkammer der katholischen Kirche. Nahezu 40 Prozent aller Menschen dieses Glaubens leben dort. Allerdings verliert die römische Kirche an Terrain. 1995 waren noch vier von fünf Lateinamerikanern katholisch, 2013 lediglich knapp zwei von dreien. Inzwischen breiten sich evangelikale Sekten überall aus. Einst von den USA befördert als Gegengewicht zum befreiungstheologisch geprägten Katholizismus, gewinnen diese Gruppen mit einer Schnellbesohlung von Predigern und Heilsversprechen Zulauf – vor allem dort, wo die katholische Seelsorge an ihre Grenzen stößt: in den Favelas, bei den Ausgegrenzten und Verzagten. Der für soziale Themen aufgeschlossene Papst ist daher PR-technisch ein Glücksfall. In Lateinamerika könnte er eine Rolle spielen, wie Johannes Paul II. in Mittel- und Osteuropa. Mit Rufen nach gesellschaftlicher Veränderung mobilisiert er Menschen, die der Amtskirche den Rücken gekehrt haben.

Wenn das Kirchenoberhaupt sagt, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem gegen den Plan Jesu verstößt, kann man ihm in Kenntnis der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Südamerika kaum widersprechen. Zudem steht Franziskus damit inhaltlich im Einklang mit der katholischen Soziallehre, die auch Johannes Paul II. oder der erste christdemokratische Bundeskanzler Konrad Adenauer unterschrieben hätten. Außerdem erinnert Franziskus’ Kapitalismuskritik stark an den argentinischen Peronismus, der zwar die Armen in den Mittelpunkt stellt, der aber nicht marxistisch ist. Feine Unterschiede zwischen berechtigter Grundsatzkritik und plumpen Parolen linksradikaler Hitzköpfe können und wollen die Armen in den Favelas aber nicht machen. Johannes Paul II., der in Polen erleben musste, wozu Marxisten fähig sind, hat daher zu sozialistischen Verführern bewusst maximalen Abstand gehalten. Dass Franziskus, der in Argentinien nie hautnah Gräueltaten der Kommunisten erleben musste, unbedarfter agiert, kann man ihm grundsätzlich nicht vorwerfen. Juristen würden von einem unvermeidbaren Verbotsirrtum sprechen.

Hammer-und-Sichel-Kruzifix für den Pontifex

Auf der ersten Station seiner Reise, in Ecuador, gelang es Franziskus, die Balance aus Nähe und Distanz zu halten. Zwar versuchte Staatschef Correa mit allen Mitteln zu zeigen, wie eng er mit dem ersten Kirchenoberhaupt Lateinamerikas ist. Der Pontifex konterte die Vereinnahmungsversuche jedoch nicht nur mit einem Schuss vor den Bug des Präsidenten, eine ganze Salve feuerte er ab. Insbesondere die Erdöl-Förderung im Yasuni-Nationalpark nahm der Papst, der sich mit seiner Enzyklika „Laudato Si“ als Umweltschützer profiliert, ins Visier. Auch die Kritik an „Autoritären Tendenzen“ und „Anführerschaften mit Alleinvertretungsanspruch“ dürfte Correa in den Ohren geklingelt haben. Betrachtet der Linkskatholik doch Gerichte und kritische Presse ebenso wie seine selbstverliebten Amtskollegen in Venezuela und Bolivien als nachgeordnete Dienste, die es gleichzuschalten gilt – oder Störfaktoren, die das Durchregieren erschweren.

Umso erstaunlicher, wie widerspruchslos sich Franziskus in Bolivien für sozialistische Propaganda einspannen ließ. Weltweit zeigten Fernsehbilder, wie Staatschef Evo Morales dem Pontifex ein Hammer-und-Sichel-Kruzifix überreichte – und sich der Papst ob dieses bescheuerten, wenn nicht blasphemischen, Gastgeschenks nur mit einem gequälten Lächeln zu helfen wusste.

Schweigen zum bösen Spiel

Beim sogenannten „Kongress der Volksbewegungen“ zog Morales dann eine echte Crazy-Show ab, bei der er dem Kirchenoberhaupt die Rolle eines antikapitalistischen Sidekicks zuwies. Nachdem Franziskus als „unser revolutionärer Papst“ angekündigt wurde, holte Morales zum Rundumschlag gegen das „nordamerikanische Imperium“ aus. Zudem attackierte er den Internationalen Währungsfonds und die Europäische Union. Ausdrücklich lobte der Linkspopulist Griechenlands Premier Tsipras. Was die griechische Regierung versuche, sei der Beginn einer Revolution gegen die Macht der Finanzwelt, der er Erfolg wünsche. Auch hetzte Morales im Beisein des Papstes gegen den Staat Israel, die Vereinten Nationen und den Weltsicherheitsrat. Dabei prangte ein Porträt von Ché Guevara auf seiner Brust. Unter den Fahnen, die im Saal geschwenkt wurden, waren kubanische. Den Papst sprach Morales als „Bruder“ an. Ob Franziskus’ Schweigen zum bösen Spiel richtig war, obwohl der Sozialistenführer in den vergangenen Jahren wiederholt gegen seine Kirche agitierte und den Religionsunterricht an staatlichen Schulen strich? Der liebe Gott wird es wissen.

Verheerend auch, dass sich Franziskus von Morales für einen außenpolitischen Konflikt instrumentalisieren ließ. Dessen Regierung fordert von Chile einen 1879 im Salpeterkrieg verlorenen Zugang zum Pazifik zurück – was in etwa so wäre, als würden rechtsnationale Kräfte hierzulande öffentlich den Versailler Vertrag oder die Oder-Neiße-Grenze infrage stellen. In Gegenwart des Pontifex verlangte Boliviens Präsident erneut eine Grenzverschiebung. Anstatt solchem Revanchismus eine Absage zu erteilen, rief der Papst zum Dialog über den Gebietsabtritt auf (aus Sympathie mit Morales?). Kein Wunder, dass in Santiago die Alarmglocken schrillen und die dortige Regierung in Habachtstellung geht. Eine Eskalation schließen Kenner der Region mittelfristig nicht aus. Als Vermittler dürfte Franziskus – anders als Johannes Paul II., der 1979 einen Krieg zwischen Argentinien und Chile wegen einiger Inseln im Beagle-Kanal verhinderte – dann ausfallen.

Schon vor der Südamerika-Reise wurde gemutmaßt, dass Jorge Mario Begoglio nicht unbedingt ein Musterschüler auf der Diplomatenakademie gewesen ist. Diese Sorgen sind nicht kleiner geworden.
Bleibt zu hoffen, dass der Herr seinem Diener den Weg schon weisen wird.

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