Der Schuldenpoker

Andreas Kern7.07.2015Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Die Schuldenkrise begann nicht erst 2008. Bereits die Loslösung vom Gold ebnete den Weg hin zu dem heutigen Finanzsystem und der Krise. Diese scheint sich als Fass ohne Boden zu entpuppen.

Es sind vor allem Show und Effekte, die von Yanis Varoufakis, der mehr Pop-Populist und Selbstdarsteller denn seriöser Finanzminister war, in Erinnerung bleiben. Mit einem Satz jedoch traf er den Nagel auf den Kopf: Griechenland ist der Kanarienvogel in der Kohlegrube. Nicht zuletzt wegen unverantwortlich hoher Schulden, Korruption und desolaten staatlichen Strukturen liegt der griechische Patient auf der Intensivstation. Geht die Entwicklung weiter, bleiben die Hellenen nicht die einzigen Opfer. Bekanntlich werden bereits andere Nationen von EZB-Dottore Mario Draghi notbeatmet. Das Schuldenvirus hat sich auf den Finanzmärkten ausgebreitet und bereits große Teile der Weltwirtschaft infiziert.

Valuta aus dem Nichts

Die „Ursünde“ war 1971 die Loslösung des Finanzsystems von der Bindung an Gold („Goldstandard). Seitdem sind alle Währungen nichts als bedrucktes Papier – an dessen verbrieften Wert man glauben kann – oder auch nicht. Niemand muss in tiefen Minen nach Edelmetall schürfen, um Geld zu schöpfen. Es reicht der Mausklick einer Notenbank. Selbst Geschäftsbanken haben die Möglichkeit, Valuta aus dem Nichts zu produzieren.

In den 80er-Jahren rissen Politiker wie Ronald Reagan und Margaret Thatcher dann die letzten Schranken ein, die den Schuldenvirus noch bremsten (z. B. das Trennbankengesetz in den USA). Eine fatale Entwicklung nahm ihren Lauf. Finanzplätze, die eigentlich die Realwirtschaft mit Geld versorgen sollten, entwickelten – wie das legendäre Fabelwesen Golem – ein Eigenleben: Betrug das Weltsozialprodukt in der zweiten Hälfte der 1980er bereits 20 Billionen Dollar, die Summe der Kapitaltransaktionen indes „nur“ etwa 3 Billionen Dollar, so haben sich die Relationen mehr als umgekehrt. Nach der Deregulierung der Finanzmärkte wuchs das Weltsozialprodukt zuletzt auf 60 Billionen Dollar. Auf ganze 600 Billionen ist die virtuelle Ökonomie zwischenzeitlich explodiert. Das entspricht einer Verzweihundertfachung seit den 80ern!

Nicht nur marktradikale Politiker, auch Vertreter des linken Spektrums machten bei der Schuldenparty mit: Konjunkturprogramme, der Ausbau öffentlicher Personalkörper, umfassende Sozialleistungen brachten Wohlstand und Wählerstimmen. Auch sollten die Wellen der Konjunktur geglättet und Wachstum ohne Dellen herbeigeführt werden. Dabei gelten für Schuldenökonomien die Regeln des Casinos: Die Bank gewinnt immer. Und je mehr geborgt wird, desto mehr gewinnt sie!

„Man verliert das Gefühl für Summen, wenn man in diesem Beruf arbeitet“, sagte Jérôme Kerviel vor der Staatsanwaltschaft Paris aus. Der französische Jungbanker hatte bei der Société Générale fünf Milliarden Euro verzockt – ein Tropfen im Schuldenozean! Denn, egal ob Staaten, Unternehmen oder Privathaushalte: Konsum mit geliehenem Geld geriet mehr und mehr en vogue. So wuchsen die Zinslasten stetig an. Inzwischen sind sie größer als das Wirtschaftswachstum weltweit. Um die absurden Summen zu tilgen, müssen ständig neue Kredite aufgenommen werden. Ein Teufelskreis!

Der höchste Schuldenberg, den die Welt je gesehen hat

Angesichts eines Systems, in dem Kapitalmärkte zur „Herzkammer der Gesellschaft“ emporsteigen und Fondsmanager als „Herren des Universums“ verehrt wurden, hätte eigentlich früh ein massiver Aufschrei – gerade von links – erfolgen müssen. Doch halt, auch bei Ökonomen wie Varoufakis, Salon-Keynesianer Paul Krugman oder Shootingstar Thomas Piketty ist Schuldenmachen in. So vereinten sich die schlechtesten Eigenschaften linker und ultraliberaler Politik. Der höchste Schuldenberg, den die Welt zu Friedenszeiten je gesehen hat, wurde aufgeschüttet.
Aktuell möchten eher linke Ökonomen wie Krugman – unter Berufung auf ihr Vorbild John Maynard Keynes – die Geldschleusen noch weiter öffnen. Dabei wäre genau das kreuzgefährlich. So ist die Euro-Krise keine reine Konjunktur-Krise, zudem sind die Rahmenbedingungen heute grundsätzlich andere als sie der Brite Keynes in den 1930er-Jahren vorfand. Auch dürfte die Abhängigkeit der Staaten Europas von der Schuldenspritze bereits so groß sein, dass schwächeren Volkswirtschaften beim nächsten Schuss noch schwererer Schaden droht.

Was Krugman & Co. vergessen oder verschweigen: Keynes hat seine Staatseingriffe eindeutig definiert: In der Krise sollte die öffentliche Hand zwar Kredite aufnehmen, um der Wirtschaft Impulse zu geben. Die Schulden sollten in Phasen des Aufschwungs aber bitte schön zurückgezahlt werden. Bemerkenswert ist der Aufsatz „Keynes versus the Keynesians“, den der britische Wissenschaftstheoretiker T. W. Hutchison vor gut dreißig Jahren veröffentlichte. So sagte Keynes im Jahr 1937: „Genauso, wie es ratsam war für die Regierungen, während des Konjunkturrückgangs Schulden aufzunehmen, so ist es nun ratsam, dass sie zur umgekehrten Politik neigen.“ Weiter wird Keynes so zitiert, dass immer neue staatliche Investitionsprojekte nichts brächten. „Ich glaube, dass wir uns dem Punkt nähern oder ihn schon erreicht haben, wo es keinen weiteren Vorteil bringt, einen weiteren allgemeinen Stimulus anzuwenden.“ Offenbar stand Keynes der „schwäbischen Hausfrau“ doch näher als Varoufakis: „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.“

Die Abkehr von der Schuldenökonomie so schmerzhaft wie ein kalter Entzug

Mögen Vulgär-Keynesianer das Bild von der „schwäbischen Hausfrau“ für altbacken halten, die Grundidee könnte wegweisend sein: Eine Gesellschaft kann nur das ausgeben, was sie mittelfristig erwirtschaftet. Konsequent wäre daher die Stärkung der Realwirtschaft zulasten der Schuldenscheinwelt. Praktisch müssten strengere Gesetze die Macht der Finanzmärkte einhegen. Durchsetzungsfähige Regulierungsbehörden sollten eine straffe und umfassende Kontrolle ausüben. Mit der Einführung einer – zu Recht häufig geforderten – Steuer auf Kapitaltransaktionen könnten Spekulation und Zockerei an Attraktivität verlieren. Grundvoraussetzung für die Gesundung der Weltwirtschaft ist aber ein Wertewandel – hin zu mehr finanzieller Nachhaltigkeit. Gewiss, die Abkehr von der Schuldenökonomie könnte manchmal so schmerzhaft werden wie ein kalter Entzug (was die Griechen gerade erleben). Was aber sind die Alternativen? Eine noch größere Abhängigkeit von der Schuldenspritze? Noch gigantischere Blasen an den Finanzmärkten? Weitere Staaten, die ihren Zinspflichten nicht mehr nachkommen können?

„Nein“, würde etwa Papst Franziskus sagen, der mit seiner Kapitalismuskritik eigentlich das Treiben an den Finanzmärkten infrage stellt. Der Argentinier erklärte 2013: „Geld soll dienen und darf nicht regieren.“ Im ungezügelten globalen Finanzmarkt, so Franziskus weiter, scheine eine Ideologie auf, in der der Mensch zum Konsumgut degradiert wird. Die Finanzkrise sieht Franziskus als Symptom einer tiefer greifenden „anthropologischen Krise“. Ursachen seien das Verhältnis der Menschen zum Geld sowie die stillschweigende Akzeptanz, dass die Finanzmärkte de facto die Herrschaft über die Menschen und ihre Gesellschaften ausüben.

Lieber ein Ende mit Schrecken …

Wenn links-keynesianische Propheten des Schuldenmachens die „schwäbische Hausfrau“ nicht als Vorbild akzeptieren, dann vielleicht den kapitalismuskritischen Papst. Wächst die globale Verschuldung weiterhin exponentiell, wird den politisch verfassten Gesellschaften früher oder später jede Freiheit genommen, Entscheidungen unabhängig von den Kapitalmärkten zu treffen. Ein Ende mit Schrecken sollte dem Schrecken ohne Ende daher vorzuziehen sein.

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