Party im Steinzeit-Kommunistenbunker

von Andreas Kern2.07.2015Europa, Gesellschaft & Kultur

Albanien bietet als Reiseland mehr als nur schöne Strände. Auf dem Weg nach Europa sind die Skipetaren dabei, die Überbleibsel des Kommunismus zu beseitigen. Heute ist das Land sicher, authentisch und vor allem abwechslungsreich.

Die weltpolitische Lage kann Urlaubsfreuden schon vermiesen. Zwei Bekannte sind akut betroffen. Einer hat Griechenland im Visier. Sorgen über mangelnde Bargeldversorgung konnte sein Pauschalreiseveranstalter zumindest teilweise beseitigen. Ein anderer hat einen Trip nach Tunesien geplant – und denkt nun über eine Umbuchung nach.

Als ich auf seine Frage nach einer Alternativempfehlung „Albanien“ antwortete, erntete ich tiefstes Erstaunen. Eine Reaktion, die ich häufig erfahren musste – sogar von meiner eigenen Frau. Nach unserem „Vor-Ort-Termin“ ist sie allerdings vom Saulus zum Albanien-Paulus geworden. Das Land ist für Touristen zum einen sicher, dazu (noch) authentisch sowie kulturell und landschaftlich extrem abwechslungsreich. Auf einer Fläche, die der des Bundeslandes Brandenburg entspricht, findet man atemberaubende Bergpanoramen, Meer, Burgruinen, historische Stätten, wilde Landschaften sowie die Überbleibsel eines paranoiden Extremkommunismus. Wer vorhat, Albanien mit dem Auto zu erkunden, muss sich jedoch auf Straßen einstellen, die mitteleuropäischen Standards oft nicht ansatzweise entsprechen.

Vom kommunistischen Panoptikum zum „Armenhaus Europas“

Der schlechte Ruf des Adriastaates mag von Karl Mays Schauergeschichten über „das Land der Skipetaren“ herrühren, die tief im kollektiven deutschen Gedächtnis eingebrannt sind. Oder man erinnert sich, dass Albanien bis in die 90er-Jahre ein Panoptikum war, wie es in Europa kein zweites gab. Das Land war die finsterste Ecke des Kommunismus, aus der keiner hinauskam und in die keiner hinein wollte. Wegen Abweichlertum kündigte Diktator Enver Hoxha zunächst der Sowjetunion und dann China die sozialistische Freundschaft. Isoliert, ähnlich wie Nordkorea, machte sich der Skipetaren-Stalin auf den Weg zur klassenlosen Gesellschaft.

Das Resultat: der völlige Niedergang des Balkanlandes, das lange als „Armenhaus Europas“ galt. Auch kulturell ging Hoxha einen Sonderweg. Albanien erklärte sich zum ersten atheistischen Staat der Welt; Moscheen und Kirchen wurden zu Turnhallen oder Lagerhäusern umgewidmet. Modisch wurde Einheitslook diktiert. Männerhaar musste extrem kurz sein; an Kleidung gab es nur, was Albaniens schlecht aufgestellte Eigenproduktion hervorbrachte.

Berüchtigt sind Anekdoten von deutschen Fußballern, die sich bei der Einreise – zu Länder- oder Europapokalspielen – lange Haare stutzen lassen mussten und deren mitgebrachte „Herrenmagazine“ von Zöllnern in sozialistischen Mülleimern entsorgt wurden.

Die kommunistische Irrlehre ist tempo passato

Mit all dem hat das moderne Albanien nichts gemein. Das Land ist bunt, fröhlich und manchmal im positiven Sinne chaotisch. Während der Speiseplan zu sozialistischen Zeiten karg war, ist das Angebot an Restaurants und Cafés inzwischen vielfältig und gut. Immer wieder wird man von der Qualität der Speisen und insbesondere des Espressos überrascht. Selbst in abgelegenen Dorftavernen ist der braune Trunk besser als in manchem deutschen Coffeeshop. Frische Gerichte wie gegrilltes Lamm, Fisch oder Joghurt mit Honig lassen jeden Diätplan vergessen.

Mit jedem Kilometer Fahrt durchs Land wird klar: Die kommunistische Irrlehre ist tempo passato. Seit vergangenem Jahr ist Albanien EU-Beitrittskandidat. Statt Statuen von Hoxha gibt es nun überall westliche Werbung – und Standbilder der neuen Nationalheiligen Mutter Teresa.

Als wohl einziges Land der Welt verfügt Albanien über Straßen, die nach George W. Bush benannt sind (weil er den Skipetaren als erster US-Präsident einen Besuch abstattete). Sogar Franz Josef Strauß, der Albanien noch zu Hochzeiten des Kalten Krieges bereiste, ist Namensgeber eines Platzes in der Hauptstadt. Straßen, die Marx oder Lenin gewidmet sind, fielen mir nicht auf. Wer den Sozialismus in seiner schönsten Entfaltung genießen durfte, scheint die Nase voll davon zu haben. Das Pendel scheint eher in die andere Richtung auszuschlagen. So hebt der aktuelle sozialistische Premierminister Edi Rama – ein Maler – das „vollständige Fehlen von Gewerkschaften“ hervor, die seiner Meinung nach die Privilegierten und nicht die Schwächsten der Gesellschaft schützen.

Albanien ist heiß auf deutsche Autos

Die Albaner sind „heiß“ auf den Westen – und ganz besonders auf Deutschland und Mercedes. Es heißt, das Land hat angeblich die höchste Mercedes-Dichte der Welt. Vorwiegend robuste Fabrikate, die optimal zu den mit Schlaglöchern übersäten Pisten passen, die die Skipetaren Straßen nennen.

Gebaut wird in die Höhe. In Tirana überragen Hochhäuser jetzt Kirchtürme und Minarette. Im Jahr 2012, als ich das Land bereiste, waren private Universitäten meist die prunkvollsten Bauten. Das Geschäft mit der Bildung scheint sich zu lohnen. Albaniens Jugend drängt nach Wissen, das sie später im Ausland entlohnt bekommen will. Denn trotz einer bemerkenswerten ökonomischen Aufholjagd seit Mitte der 90er-Jahre sind die Gehälter im Inland gering. So verdiente Reiseleiter Martin mit Tourismus deutlich mehr als an der Universität Tirana, wo er es als Dozent monatlich auf nur 250 Euro brachte.

Dank seiner akademischen Kenntnisse erklärte er detailgenau mittelalterliche Städte, archaische Bräuche, aber auch Absurditäten aus der Zeit des Steinzeit-Kommunismus. Wie die Betonbunker, die der paranoide Hoxha überall im Land bauen ließ. Die geschätzte Zahl variiert zwischen 250.000 bis 700.000. Manche dienen heute als Imbisshäuschen, manche als Diskothek, andere wurden für gutes Geld an reiche US-Amerikaner oder Japaner mit skurrilen Sammelleidenschaften verhökert.

Je mehr Feiertage, desto besser!

Pragmatisch sind die Albaner irgendwie schon. Dazu passt eine Anekdote, dass zu osmanischer Zeit albanische Muslime und Christen Mischehen durchaus zugetan waren. Schließlich konnte man so die Zahl der Feiertage steigern. Eine Einstellung, die unsere Welt besser machen würde – und die irgendwie im Widerspruch zu Hoxhas dogmatischer Interpretation des Sozialismus steht. Pragmatisch gehen die Skipetaren dagegen mit zwei Erbstücken des Diktators um. Sein Geburtshaus in der UNESCO-Welterbestadt Gjirokastra ist jetzt ein Heimatmuseum, sein Wohnhaus im einstigen Regierungsviertel Tiranas („blocku“) dient als Sprachinstitut. Rundherum sind schicke Bars und Kneipen. Wo einst rote Bonzen residierten, flaniert heute die _Jeunesse dorée_.

Die Neigung der Albaner zum Pragmatismus hat auch ihre negativen Seiten – etwa bei der ungehemmten Bebauung einst pittoresker Badeorte wie Saranda. Eine etwas stringentere Durchsetzung des Baurechts täte Albaniens touristischer Entwicklung sicher gut. Gleichwohl lockt die Halbinsel Ksamil – unweit der Bettenburg Saranda gelegen – mit dem vielleicht schönsten Strand des Landes. Vor der Bucht laden Inseln im Ionischen Meer, die ebenfalls von weißen Sandstränden umgeben sind, zum Baden ein. Irgendwie scheint hier der Balkan in der Karibik zu liegen. Sehr zum Leidwesen meiner Frau ließen wir Ksamil links liegen, um Martins Lockruf zu folgen und weitere kulturelle Highlights – wie die antike Ausgrabungsstätte Butrint – zu sehen. Aber immerhin: So bleibt ein Anreiz, noch mal nach Albanien zu reisen. Und zu sehen, wie das Land auf seinem Weg nach Europa – und bei seinem Kampf gegen Erbschaften des Kommunismus wie Korruption und kriminelle Seilschaften – vorangekommen ist.

Allen, die noch nicht in Albanien waren, sei gesagt: Je eher sie hinfahren, desto besser. Denn so sehr man den Skipetaren Wachstum und eine europäische Entwicklung wünscht – ein Stück Charme und ein Stück Ursprünglichkeit werden verloren gehen.

PS: Diese Kolumne hat weder der albanische Fremdenverkehrsverband gesponsert, noch habe ich geschäftlichen Beziehungen in dieses Land. Meine (fast) einzige Intention ist, mit Vorurteilen über Albanien aufzuräumen, das touristisch immer noch einen viel zu schlechten Ruf hat.

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