Wo ist Messi?

Andreas Kern23.06.2015Medien, Sport

Das deutsche Fernsehen ist voll von Trash und gebührenfressenden Langweilern. Aber für die traditionsreiche und spannende Copa América reicht es nicht. Ein Fauxpas für den geneigten Fußballfan.

*Den Text vorlesen lassen:*

Man muss nicht Südamerika-Fan sein und familiäre Bindungen nach Chile haben, um sich für die Copa América zu interessieren. Immerhin spielen beim ältesten Nationen-Turnier der Fußballwelt, das derzeit in dem Andenstaat ausgetragen wird, absolute Größen wie Messi, Neymar oder Alexis Sánchez mit. Kicker, die in europäischen Ligen prägende Figuren sind. Selbst das Finale der Champions League stand im Zeichen der Spieler vom Subkontinent (Neymar und Luis Suárez trafen für Barcelona). Nun kämpfen diese Leute mit ihren Nationalteams um die Südamerika-Meisterschaft und – zumindest im deutschen TV schaut man ins Leere. Santiago de Chile sendet nicht (nach Deutschland). Nur bei Internet-Streaming-Diensten kann der Fan sein Glück versuchen.

Sicher, die Rechte mögen teuer sein. Zudem gilt der Kick am anderen Ende der Welt eher als Feinkost für echte Fans denn als Standardkost für Otto Normalzuschauer. Auch finden viele Spiele erst zur mitteleuropäischen Geisterstunde statt. Aber sind das wirklich Gründe, um einen Wettbewerb, der mit Superstars und Fußballtradition gespickt ist, völlig vom Bildschirm zu verbannen? Während andererseits sogar eher irrelevante Partien der gleichzeitig stattfindenden Jugendturniere oder der Frauenfußball-WM in Kanada gezeigt werden. Dabei kann man guten Gewissens das eine senden, ohne das andere medial links liegen zu lassen. Genug Stationen – auch öffentlich-rechtliche Spartenkanäle, die wir alle mitfinanzieren – gibt es ja.

Fehlendes Geld kann letzten Endes kein Argument sein. Sowohl die öffentlich-rechtliche ARD, als auch das private Sat 1 – und zuletzt sogar Bezahlsender Sky – warfen Harald Schmidt sehr viele Euro hinterher. Obwohl der Meister am Schluss – eher gelangweilt als motiviert – vor kleinstmöglichem Zuschauerkreis bloß sein Ego spazieren trug. Gegen die horrenden Summen, die Sendeanstalten einem bocklosen Entertainer hinterherwarfen, dürften die Übertragungsrechte der Copa América eher Peanuts sein. “Man könnte sich auch an die Zahlungen erinnern, die für ein erfolgloses Projekt mit Thomas Gottschalk draufgingen …”:http://www.theeuropean.de/thore-barfuss/10185-das-system-oeffentlich-rechtlicher-rundfunk

Zeigt frischen Fußball, statt Costa Cordalis und Nico Schwanz!

Für die Fußballfans, und davon gibt es bekanntlich viele, wären die Sendelizenzen dagegen gut angelegtes Geld. Ich kann mich erinnern, mehrfach bei Eurosport oder DSF (jetzt Sport 1) Übertragungen der Afrika-Meisterschaft gesehen zu haben. Immer war es unterhaltsam, die andere Art des Fußballspiels zu verfolgen. Interessant ist bei Kontinental-Wettbewerben auch das Schaulaufen der Stars von morgen. Stets fallen Talente auf, die wenig später bei großen Clubs in Europa für Furore sorgen.

Die Copa América ist vielleicht ein noch größeres Kaliber als der Afrika-Cup. Genau erinnere ich mich daran, wie 2004 – während eines Aufenthalts in Chile – die Übertragungen der Südamerika-Meisterschaft (damals in Peru ausgetragen) meine Urlaubsplanung mehrfach durcheinanderbrachten. Topkicker wie Adriano, Javier Saviola, Carlos Tévez oder der heutige Schalker Jefferson Farfán zogen mich in ihren Bann. Wenig später waren sie dann in unseren Breiten große Nummern. Gerne würde ich sehen, welche Nachwuchshoffnungen sich jetzt in den Vordergrund spielen!

Auch tummeln sich mehrere gestandene Bundesliga-Stars in Chile. Angefangen vom Hoffenheimer Roberto Firmino bei Mitfavorit Brasilien. Bei den chilenischen Gastgebern sind Gonzalo Jara aus Mainz, Miiko Albornoz von Hannover 96 sowie HSV-Retter Marcelo Díaz aktiv. Bayern-Urgestein Claudio Pizarro kickt für Peru. Und selbst vom Verein des Herzens – Eintracht Frankfurt – sind mit Carlos Zambrano (ebenfalls Peru) und Nelson Valdez (Paraguay) zwei (Noch-)Adlerträger dabei. All diese Leute zu sehen, ist doch hundert Mal sehenswerter als die Casting-Sternchen in Heidi Klums Topmodel-Zickenzirkus oder die Z-Promis, die sich bald in die Sommerausgabe des RTL-Dschungelcamps begeben werden. Darum: Ich will Neymar und Messi sehen – und nicht Costa Cordalis oder Nico Schwanz! Von der hunderttausendsten Wiedergabe irgendwelcher „Tatort“-Massenware ganz zu schweigen. Dann doch lieber frischen Fußball aus Südamerika!

Die Copa bietet sogar Sex & Crime

Zumal die Copa auch abseits der großen Namen ihren Reiz hat. Die Frage aller Fragen ist natürlich, wie Brasilien die Schmach des frühen und blamablen Ausscheidens bei der WM im eigenen Land verdaut hat. Und natürlich interessiert, ob es dem neuen, alten Trainer Carlos Dunga gelingt, aus den Trümmern der 1:7-Niederlage gegen Deutschland eine selbstbewusste neue Mannschaft zu zimmern.

Interessant wird auch das Abschneiden der Chilenen sein. Noch nie konnten die Männer in Rot die Kontinentalmeisterschaft gewinnen. Jetzt, bei der ,Copa dahoam‘ sind die Erwartungen an die goldene Generation um Alexis Sánchez, Arturo Vidal und Barca-Keeper Claudio Bravo überwältigend. Umso größer der Schock, als der absolute Star des Landes, Vidal, nach nächtlicher, trunkener Autofahrt und anschließendem Crash vorübergehend im Kittchen landete. Die Nation atmete – bei aller Empörung über die Dummheit ihres Idols – auf, als das Enfant terrible – nur mit Führerscheinentzug und Geldbuße geahndet – wieder seiner kickenden Tätigkeit fürs Vaterland nachgehen konnte. Venezuela wiederum diskutiert über die Aktion einiger TV-Moderatorinnen, die ihre Unterstützung fürs Nationalteam mit Auftritten im Eva-Kostüm manifestierten.

Man sieht: Die Copa América bietet also auch genug Sex & Crime, um selbst Trash-Sender wie RTL II für eine mögliche Berichterstattung zu begeistern. All das hilft nichts. So wird wohl auch das Finale am 4. Juli nur im Internet zu empfangen sein. Übrigens: Das Endspiel soll um 22 Uhr mitteleuropäischer Zeit stattfinden – also über eine Stunde früher, als Harald Schmidt mit seiner gepflegten Langeweile auf Sendung ging. Mehr Zuschauer als der Nachttalker in seiner Spätphase würden Messi, Neymar oder Vidal mit Sicherheit vor die Bildschirme locken. Also, liebe Intendanten, Geschäftsführer und Programmdirektoren, schaut euch mal ein Video mit den besten Szenen von Messi, Neymar oder Sánchez an – und ordert dann schnell Bilder von der Copa América nach. Nie mehr will ich mich während einer Copa América fragen müssen: Wo ist Messi?

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Terror von Links wird nicht bekämpft

Nach den linksterroristischen Ausschreitungen an Silvester war Leipzig-Connewitz in aller Munde und vor allem in den Schlagzeilen. Dabei ging nicht nur unter, dass es bundesweit Ausschreitungen mit Angriffen auf Polizei und Rettungskräfte gegeben hat, sondern dass auch die Thomaskirche in Leipzig d

Warum bleibt die FDP so schwach?

Zu Beginn des Jahres 2020 wird in der Innenpolitik heftig über das Werben von CSU-Chef Markus Söder für einen Umbau der Bundesregierung debattiert. Über die verhaltene Reaktion der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Und über die Forderung des neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borj

Die USA praktizieren den Terror

US-Präsident Trump will keinen Frieden im Nahen Osten, sondern Krieg. Aber selbst in deutschen Medien wird die gezielte Tötung des iranischen Generals Soleimani mit dem Kampf gegen den Terror gerechtfertigt. Eine besonders dreiste Lüge.

„Kosten- und Programm-Exzesse der öffentlich-rechtlichen Sender spalten die Gesellschaft“

Die konservative Basisbewegung innerhalb der CDU/CSU setzt sich dafür ein, die Finanzierung und Programmgestaltung der öffentlich-rechtlichen Sender wieder auf deren Kernaufgaben zurückzuführen.

Die Bundesregierung muss Donald Trump die Gefolgschaft verweigern

Dritter Tag im neuen Jahrzehnt und ein Krieg mit gigantischen Folgen droht. Die US-Morde an dem Kommandeur der iranischen Quds-Brigaden Qassem Soleimani und dem Vizekommandeur der irakischen Volksmobilmachungskräfte (PMF) Abu Mahdi al-Muhandis sollen offenbar einen US-Krieg gegen den Iran vom Zaun

Frau Merkel, treten Sie endlich zurück

Vera Lengsfeld hat einen offenen Brief an die Kanzlerin geschrieben. Und bemerkt: "Alle Fehler ihrer Kanzlerschaft aufzuzählen würde den Rahmen dieser Ansprache sprengen. Deshalb seien nur die verheerendsten genannt." Welche es sind, lesen Sie hier.

Mobile Sliding Menu