Am Ende hat alles mit Macht zu tun. Andreas Mühe

Szenen der Macht

„Game of Thrones“ ist weit mehr als eine Fantasy-Serie. Sie ist eine beachtenswerte Parabel auf menschliches Zusammenleben und Streben.

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Spoiler-Alarm: Diese Kolumne enthält Informationen über Entwicklungen der Serie „Game of Thrones“

Vom Saulus zum Paulus bin ich geworden, vom Verächter von „Game of Thrones“ zum Junkie. Eine Fantasy-Serie mehr, dachte ich. Noch dazu auf RTL II, einem Sender, der vielfach Dinge ausstrahlt, die man als „Trash“ bezeichnen kann. Dank eines Bekannten bin ich zwischenzeitlich an eine DVD der ersten Staffel gekommen. Um es kurz zu machen: Alle, in Deutschland erhältliche, weiteren Staffeln habe ich dazugekauft und Folge für Folge nachgearbeitet. Die Serie ist wirklich genial! Im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen gibt es kaum etwas, was handwerklich auch nur annähernd so professionell und dabei anspruchsvoll sowie extrem unterhaltsam ist. Wer genau hinschaut merkt: Unter der Verkleidung der Fiktion steckt bei „Game of Thrones“ jede Menge Realität.

Zwar spielt die Saga um die Erbfolgekriege auf dem fiktiven Kontinent Westeros in einer Welt, die unserem Mittelalter entspricht – und in der sich Hexen, Drachen, Untote sowie sonstige Fabelwesen herumtreiben. Doch hat all dies nichts mit dem Zuckergusspanorama aus „Herr der Ringe“ und noch weniger mit den Mittelalterfesten zu tun, auf denen postmaterialistische Deutsche gelegentlich einem fortschrittsmüden Eskapismus frönen.

Flora und Fauna abseits des „Landlust“-Idylls

Ungeschminkt legt die Serie die Grausamkeiten mittelalterlicher Wirklichkeit offen: Egal, ob arm oder reich – jeder kann plötzlich und unerwartet Opfer menschlicher Hinterlist oder Machtgier – aber auch der Zerstörungskraft der Natur werden. Ursprüngliche Wildnis und Tiere waren im Mittelalter eben keine idyllischen Herzenswärmer, sondern allgegenwärtige Bedrohungen, die der Mensch erst domestizieren musste, um etwas sicherer und länger leben zu können. „Game of Thrones“ zeigt Flora und Fauna wie sie waren – und nicht, wie sie sich „Landlust“-Leser vorstellen.

So ist es kein Zufall, dass auch Sex und Gewalt in der Serie schonungsloser gezeigt werden als in den meisten Hollywood-Blockbustern. Autor George R. R. Martin hat seinen Kritikern eine passende Antwort gegeben: „Ich schreibe über Krieg. Aber wenn ich nur über die coolen Schlachten schreiben würde, wäre das fundamental unehrlich. Vergewaltigung ist nun mal Teil des Krieges. Auch heute noch. Es ist nicht gerade eine starke Eigenschaft der menschlichen Rasse, aber ich denke nicht, dass wir so tun sollten, als würde das nicht existieren.“ Hier muss angemerkt werden, dass menschliche Triebe und Gewaltbereitschaft gegen Ende der Völkerwanderungsepoche sowie zu Beginn des Frühmittelalters noch zerstörerischer waren als in Martins Fiktion. Die zivilisatorische Leistung der christlichen Kirche dieser Zeit bei der Bändigung menschlicher Zügellosigkeit kann daher nicht hoch genug bewertet werden. Ohne das Fundament an Wissen und Ethik, das von der Kirche aus der Antike herübergerettet und bewahrt wurde, wäre der Wiederaufstieg der Menschheit in Spätmittelalter und Renaissance wohl nicht möglich gewesen.

Als studierter Journalist und passionierter Schachspieler hat Martin Umwelt und Mitmenschen gut beobachtet und die Figuren seiner Serie vielschichtig konstruiert. Ganz wenige Charaktere sind ausschließlich gut oder böse. Es gibt nur unterschiedliche Schattierungen von Grau oder Menschen, die sich in ihrer Persönlichkeit ständig entwickeln. Selbst die Figur des Ned Stark, der in der ersten Staffel als eine Art „guter Held“ auftaucht, hat dunkle Seiten. Mit der geschworenen Treue zu Ehefrau Catelyn hält es der Edelmann nicht allzu genau (was im Mittelalter sicher nicht untypisch war). Obwohl er weiß, welche Gefahren und Fallstricke am Königshof lauern, begibt sich Stark aus Ruhmes- und Ehrsucht genau dort hin (womit Stark den Keim des Untergangs für sich und seinen Clan legt). Die gehörnte Ehefrau wiederum, die drei Staffeln lang eine charakterstarke Mater familiae gibt, hasst den unehelichen Sohn des Gatten so sehr, dass sie ihn verflucht. Später wiederum meint sie, sich mit dem Fluch gegen ihre Götter versündigt zu haben – was diese mit der Zerstörung ihrer Sippe bestrafen. Zürnende Götter gehörten gewiss zum Kanon mittelalterlicher Vorstellungswelten.

Eine Parabel für das menschliche Streben nach Macht

Alle, die aus dem Kosmos deutscher TV-Serien eine glattgeschliffene Riege politisch korrekter TV-Helden kennen, müssen bei „Game of Thrones“ umdenken. Die Halbwertzeit der Hauptfiguren ist – ähnlich wie die Lebenswartung in früheren Jahrhunderten – gering.

Wer weder die fünfte Staffel im Original gesehen hat, noch Informationen aus Foren kennt – bitte den nächsten Satz überspringen: So ist es irgendwie konsequent, dass Martin aktuell wieder zahlreiche Hauptfiguren – darunter mutmaßlich auch Fanfavorit Jon Snow – sterben ließ.

Der noch lebende Charakter mit dem größten Sympathiepotenzial ist ausgerechnet der kleinwüchsige, zynische Lüstling Tyrion Lennister. Ein verschlagener Playboy, den sein machiavellistischer Vater mal für Spezialaufträge einspannt, um ihn bald darauf zu demütigen oder gar unberechtigt des Königsmordes zu bezichtigen. In Tyrion Lennister – den man vielleicht als Mischung aus Günter Grass’ Figur Oskar Matzerath, dem Mastermind Smiley aus John le Carrés Spionageromanen und Lebemann Gunter Sachs beschreiben kann – spiegeln sich alle Stärken, Schwächen, Ideale und Abgründe der menschlichen Natur. Wäre „Game of Thrones“ ein Hollywood-Film, Tyrion-Darsteller Peter Dinklage müsste ein Dauer-Abo auf den Oscar haben. Gegen sein vielschichtiges und facettenreiches Spiel wirken die Mimen deutscher Vorabendserien oder der „Tatort“-Massenware wie eindimensionale Novizen einer Schülertheatergruppe.

Die Tiefe der Geschichte, die Qualität der Akteure und die Liebe zum Detail dieser – für deutsche Verhältnisse zugegebenermaßen unerschwinglich teuren – Produktion tragen dazu bei, dass „Game of Thrones“ kein bloßer Fantasy-Stoff ist, sondern fast schon eine Parabel auf menschliches Zusammenleben und Streben nach Macht in der realen – ja auch der heutigen – Welt.

Nur der Wandel hat Bestand

Martin hat eine Geschichte geschaffen, die in einer Fantasiewelt spielt, die aber mit ihrem Menschenbild und in ihren Kernaussagen der Realität näherkommt, als viele wohlfeile Gemeinplätze, die etwa Margot Käßmann auf einem Kirchentag oder Claudia Roth auf einem Parteitag der Grünen kundtun. Menschliches Leben wird nie ein immerwährendes Straßenfest sein, sondern meist doch ein Kampf. In den Kämpfen von heute geht es in 99,9 Prozent der Fälle nicht mehr um Throne, oft aber um Erfolge im Beruf, Siege im Sport, das Ausstechen von Konkurrenten bei der Partnerwahl – oder manchmal auch nur um den besten Platz im Kino, Flugzeug oder am Strand. Diese Kämpfe werden nicht mehr mit dem Schwert oder mit schwarzer Magie geführt; die Welt von heute hat zivilere und subtilere Mittel. Die Augen vor möglichen Gefahren verschließen – so auch eine Botschaft aus Martins Kosmos – darf man dennoch nie.

So gibt es ganze Analogien zwischen dem Geschehen in Westeros und unserem 21. Jahrhundert. Während sich nach dem Tod von König Robert eine Reihe von Thronprätendenten die Köpfe einschlägt, die Hofschranzen wie gewohnt Intrigen spinnen und die Lords und Ladys ihre Amouren pflegen, lauert jenseits einer vermeintlich unüberwindlichen Mauer eine dunkle, nie erwartete Bedrohung. Wie war das mit dem von Francis Fukuyama und anderen verkündeten Ende der Geschichte nach dem Zerfall des kommunistischen Blocks? Könnte unsere große Mauer die Ignoranz sein, hinter der wir verdrängen, dass Herausforderungen wie Umweltzerstörung, das Aufkommen einer extrem fanatischen und zerstörerischen Kraft im Nahen Osten sowie die Verschiebung der wirtschaftlichen Potenziale nach Süden oder Osten unsere Sicherheit und unseren Wohlstand nachhaltig bedrohen? Wir sollten von „Game of Thrones“ lernen, dass nur der Wandel Bestand hat.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Andreas Kern: Valar Morghulis

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