Das ist keine Kampfkandidatur. Das ist Demokratie, wenn man Auswahl hat. Renate Künast

Die Maus, die brüllte

In den immer wiederkehrenden Verhandlungen zwischen der EU-Kommission und Griechenland tut sich der Mittelmeerstaat durch Drohgebärden hervor – ohne wirklich drohen zu können. Das erinnert an eine alte Filmsatire.

Kennen Sie „Die Maus, die brüllte“? Eine Filmsatire mit dem 1980 verstorbenen britischen Schauspieler Peter Sellers? Nein? Die Handlung ist schnell erklärt: Irgendwo in den Alpen liegt das kleinste Land der Welt, das Herzogtum Groß Fenwick, dem die verwitwete Großherzogin Gloriana (dargestellt von Sellers) vorsteht. Dank des Exports von vorzüglichem Wein leben die Einwohner gut. Als ein US-Unternehmen den Wein imitiert, droht der Staatsbankrott. So entscheidet die Regierung von Premierminister Graf Rupert Mountjoy (auch dargestellt von Sellers), die USA anzugreifen, um den Krieg zu verlieren und mit der zu erwartenden Wiederaufbauhilfe den Staatshaushalt zu sanieren.

Allerdings findet in New York eine Luftschutzübung statt, die Metropole ist evakuiert. Die Groß Fenwicker Armee, nur mit Pfeil und Bogen ausgerüstet, nimmt die Stadt im Handstreich. Ein bekannter Wissenschaftler gerät samt Tochter und einer gerade erfundenen „Q-Bombe“ in Hände der Fenwicker. Dank der Superwaffe wird der Zwergstaat zur Supermacht. Den überrumpelten USA bleibt nur die Kapitulation. Im Friedensvertrag wird geregelt, dass das Weinimitat vom Markt verschwindet. Groß Fenwicks Geldsorgen sind gelöst.

Chicken Game Extreme

Zwar ist der 1959 gedrehte Streifen eine Satire auf die Atomängste der Nachkriegsepoche – ganz aus der Zeit gefallen scheint die Handlung jedoch nicht zu sein. Aktuell könnte man meinen, die griechische Regierung habe „Die Maus, die brüllte“ kollektiv gesehen und anschließend gründlich ausgewertet. Vielleicht verfolgen Premierminister Alexis Tsipras (nicht mehr dargestellt von Sellers) und sein Finanzminister Yanis Varoufakis (dargestellt von Varoufakis) – eingepfercht zwischen den utopischen Vorstellungen linksradikaler Parteigänger und den in der realen Welt notwendigen Handlungsoptionen – inzwischen ja sogar eine „Groß-Fenwick-Strategie“ ohne Waffen.

Monatelang schon feilscht die Regierung in Athen bereits mit der EU-Kommission um den weiteren Kurs in der Finanzkrise. An den großen Wurf glauben selbst Wohlmeinende nicht mehr. Man verhandelt sich von auslaufender Kredittranche zu auslaufender Kredittranche. Immer wieder kreißt der ganze Berg. Bevor er jedoch auch nur eine Maus gebären kann, kommt oft ein „oxi“ (nein) aus Athen. Was die Hellenen dann – nach mehreren Mahnungen – liefern, bezeichnen die einen als dilettantisches Stückwerk, die anderen als offene Provokation (die Wahrheit dürfte wie so oft in der Mitte liegen). Klingt nach Echternacher Springprozession in der Athener Adaption! Mal bremst Tsipras seinen Finanzchef aus, mal zeigt die Syriza-Basis beiden Herren das Stopp-Schild. Spieltheoretiker Varoufakis könnte dies wohl „Chicken Game Extreme“ nennen.

Also zünden Tsipras & Co. verstärkt ihre verbalen „Q-Bomben“. Einmal fordern Mitglieder der griechischen Regierung von Deutschland Reparationszahlungen für die Gräueltaten der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg; womit sie sich nach Ansicht einiger Völkerrechtler – wegen abschließender Regelungen etwa im Zwei-plus-Vier-Vertrag – allerdings auf ganz dünnes Eis begeben. Ein anderes Mal weigern sich die griechischen Verhandlungspartner sogar, die hohen Militärausgaben zu kürzen. Kurzfristig kommt so kein frisches Geld nach Athen. Nun droht Tsipras mit dem Währungs-Super-Gau: dem Ende des Euro.

Keine Angst: Jeder Fall ist anders

In einer Sache hat der Athener Regierungschef recht: Wenn Griechenland aus dem Euro-Verbund ausscheidet, werden die Märkte die weiteren Sorgenkinder austesten. Zwangsläufig würde gegen Spanien, Portugal oder Italien spekuliert. Gleichwohl: Jeder Fall ist anders. Und alle Fälle sind anders als Griechenland, dessen Ausscheiden aus dem Euro die Welt nur bedingt erschüttern sollte. Zum einen sind die griechischen Finanzplätze nur noch schwach mit den internationalen Märkten verflochten. Die Zeit der Rettungspakete wurde hier zumindest für einen geordneten Rückzug des Kapitals genutzt.

Zum anderen fehlt den Griechen im Gegensatz zu Spanien und Italien jede vernünftige industrielle Basis. Auch ist Korruption in Hellas immer noch allgegenwärtig. Einen echten Aufschrei im Land gab es ja bis zur Finanzkrise nicht. Fakelaki & Co. gehörten einfach zur DNA des griechischen Wirtschaftslebens dazu. In Italien und Spanien dagegen prangerten immer wieder mutige Richter, Journalisten und Lokalpolitiker den Schlendrian an. Und mit Verlaub: Gegen Athens rechts- und linksradikale ideologische Obstruktionskünstler wirkt der italienische Regierungschef Matteo Renzi wie die Lichtgestalt eines konstruktiven Machers und der Spanier Mariano Rajoy immerhin wie der Inbegriff eines soliden Haushälters.

Bestenfalls würde der Euro zur Drachme 2.0

Was würde Spieltheoretiker Varoufakis deshalb von folgendem Spielangebot halten? Wenn Griechenland keine Fortschritte bei der Schaffung von Steuergerechtigkeit, beim Schuldenabbau, bei der Wettbewerbsfähigkeit und der Eindämmung der Korruption garantiert, dann bekommen die Märkte ein klares Signal: Rien ne va plus, Grèce! Geht es in Spanien, Italien und Portugal voran – und bleiben die Regierungen konstruktiv, werden EU und EZB alles tun, um diese Staaten im Euro zu stabilisieren und gleichzeitig Wachstumsimpulse in diesen Volkswirtschaften setzen. Der Euro gewönne Stabilität; Politik und Märkte könnten sich an klaren Rahmenbedingungen orientieren.

Käme die Regierung Tsipras dagegen mit einem Alles-oder-nichts-Kurs durch, dann droht eine fatale Entwicklung. Brüssel könnte unfreiwillig das Signal aussenden, dass jedem, der nur laut und lange genug krakeelt, irgendwann nachgegeben wird. Bestenfalls würde der Euro dann zur Drachme 2.0 mutieren, im schlimmsten Fall würde er zerbrechen, wenn dann starke Volkswirtschaften die Notbremse zögen und ihrerseits ausstiegen.

Die Europäische Union und die EZB sollten sich auf das Brüllen der Athener Regierung deshalb nur dann einlassen, falls diese wirklich eine „Q-Bombe“ in petto hätte. Also bitte, Bürgermeister de Blasio! Planen Sie demnächst keine Evakuierung New Yorks!

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