Wettbewerb um unseren Wohlstand

Andreas Kern4.06.2015Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Kapitalismuskritik ist en vogue. Vor allem der von der Realwirtschaft abgelöste Vulgärkapitalismus leistet ihr Vorschub und bringt so unser nachhaltigstes Wirtschaftssystem in Misskredit: die Soziale Marktwirtschaft.

Ich weiß nicht, wie die Frage lautet, aber die Antwort heißt mit Sicherheit Soziale Marktwirtschaft. Dieses – zugegebenermaßen – leicht abgewandelte Zitat von Woody Allen sollte man allen entgegnen, die laut Kritik an der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung üben – sich auf die Suche nach Alternativen machen. Es bedarf gar nicht der Anstrengungen, sich in fremde Welten aufzumachen.

Zum einen gibt es Wohlstand ohne Anstrengung nur im Jenseits (was den Anhängern der monotheistischen Weltreligionen eine gewisse Perspektive bietet). Zum anderen reicht ein Blick zurück in die Nachkriegsgeschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist es Ökonomen und Politikern – wie dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard – gelungen, Kapitalismus mit staatlichem Handeln zu versöhnen – und eine Wirtschaftsordnung zu entwickeln, die die segensreiche Dynamik des Marktes nutzt, ohne den Zusammenhalt der Gesellschaft zu gefährden. Der Bundesrepublik Deutschland hat das gut getan. Die Starthilfe der Westalliierten konnte „Wohlstand für alle“ hervorbringen. Das Land blieb in der Erfolgsspur, bis die Eintrübung der Weltkonjunktur die Entwicklung bremste, später untergrub der Siegeszug des Shareholder-Value-Gedankens teilweise die ordnungspolitischen Fundamente der Sozialen Marktwirtschaft.

Vulgärkapitalismus bedroht den Kapitalismus selbst

Dennoch hat Deutschland immer noch die leistungsfähigste Industrie der westlichen Hemisphäre, zudem ist die soziale Grundierung unserer Gesellschaft ausgeprägter als andernorts, wo Bannerträger „eines wahren Kapitalismus“ – etwa US-Präsident Ronald Reagan, die britische Premierministerin Margaret Thatcher oder der tschechische Staatschef Václav Klaus – eine „Marktwirtschaft ohne Attribute“ beschworen. Ein System, das allein auf den Erfolg des Stärkeren setzt, droht starke soziale Ungleichgewichte zuzulassen und damit seine Legitimation zu verlieren. Genau dies ist inzwischen vielerorts geschehen. Ein Vulgärkapitalismus läuft Gefahr, vonseiten der Gegner jeder Art von wettbewerbsorientierten ökonomischen Strukturen diskreditiert zu werden. Als Kollateralschaden gerät oft auch die Soziale Marktwirtschaft mit in die Defensive.

Ätzende Töne gegen Markt und Wettbewerb kommen nicht nur vom ganzen linken Rand. Auch die „linke Mitte“ stimmt gelegentlich mit ein, ebenso die neuen rechtspopulistischen Bewegungen, die überall in Europa entstehen – und die von Abschottung und Protektionismus träumen. All das sind Irrwege, die den Wohlstand und damit letzten Endes auch eine stabile Entwicklung der Gesellschaften in Mitteleuropa bedrohen.

Ein Problem ist, dass vielen Akteuren in Medien und Politik derzeit der Mut fehlt, sich dem anschwellenden Bockgesang der Wettbewerbs- und Marktgegner zu stellen und stattdessen aktiv für das Erfolgsmodell Soziale Marktwirtschaft zu werben. Dabei ist die Botschaft so positiv: Die Kräfte der Freiheit und des Marktes wirken zum Wohle der Gesellschaft. Wer sie einschränken will, schadet den Schwächeren in der Gesellschaft. Ausgerechnet ein linker südamerikanischer Ex-Guerillero, Uruguays früherer Staatschef José „Pepe“ Mujica, hat das erkannt und ein schönes Bild entworfen. „Der Kapitalismus ist eine Kuh, die viel Milch gibt, die schlachte ich doch nicht, die will ich melken!“, sagte er einmal sinngemäß. Manch einem unter Europas Linken wünscht man die Einsicht des lebensklugen Mujica.

Wettbewerb hat nie da gewesenen Wohlstand geschaffen

Aber auch Freunde der Marktwirtschaft sollten einige unbequeme Wahrheiten zur Kenntnis nehmen. Die Welt ist seit den Zeiten des Wirtschaftswunders eine andere geworden. Die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen haben sich dramatisch geändert. Besonders prägnant ist die Abkopplung der Börsen von jeglichem realwirtschaftlichem Fundament. Neue Finanzinstrumente – etwa Derivate und sogenannte Futures – sind entstanden, die es Brokern ermöglichen, im wahrsten Sinne des Wortes, mit Luft und Versprechen auf die Zukunft zu handeln.

Natürlich gibt es Menschen, die solche Möglichkeiten zu ihrem Vorteil ausnutzen und die Spielregeln des Marktes verändern wollen. Das ist nichts Außergewöhnliches. Hier kommt der Staat ins Spiel. Er soll im Idealfall zwar nicht Marktteilnehmer sein, muss aber als Regulator die Spielregeln festsetzen und – wann immer möglich – knallhart auf deren Einhaltung pochen. Wer gegen die Regeln verstößt, muss bestraft werden. Daher braucht eine Soziale Marktwirtschaft klare Regeln, starke Aufsichtsbehörden sowie natürlich auch Sanktionsmechanismen zur Abschreckung. Zum anderen müssen Politik und Gesellschaft über Bildung die entsprechenden Grundlagen an Wissen und Ethik fördern, damit der Geist eines fairen Marktes akzeptiert und gelebt wird. Angesichts der Globalisierung brauchen wir aber auch internationale Regeln für die Kapitalmärkte, allgemeinverbindliche Handelsbestimmungen sowie Minimalstandards bei den Arbeitsbedingungen weltweit. Politik und NGOs täten gut daran, hier ihre Kräfte und Kompetenzen zu konzentrieren, anstatt den Kern der Sozialen Marktwirtschaft auszuhöhlen: den Wettbewerb.

Es ist der Wettbewerb, der entwickelten Ländern ein nie da gewesenes Wohlstandsniveau beschert hat – und der prinzipiell dafür sorgen kann, dass auch die Menschen der südlichen Hemisphäre die Ketten der Armut sprengen können. Leider hat Wettbewerb derzeit einen schlechten Ruf. Er passt zum einen nicht in die Kuschelwelt des deutschen Neo-Biedermeiers, zum anderen ist Wettbewerb – zu Unrecht – durch Fehlentwicklungen an den Kapitalmärkten diskreditiert. Zugegeben: Wettbewerb ist nichts für die Kuschelecke! Es ist mühsam, sich mit anderen zu messen. Man kann sich Schrammen holen, man kann scheitern (hier ist es die Aufgabe der Sozialen Marktwirtschaft, die Gescheiterten aufzurichten und sie für die weitere Teilnahme am Marktgeschehen fit zu machen).

Nicht die Menschen sind gleich, ihre Chancen müssen es sein

Ein fairer Wettbewerb auf funktionierenden Märkten hat die Kraft eines Motors, der Neues schaffen kann. In einem fairen Wettbewerb zählen nicht Privilegien oder zementierte Strukturen, sondern allein Leistung. Erst dadurch werden Teilhabe und Aufstieg möglich. So ist nicht der Wettbewerb der Beelzebub der Globalisierung. An ungleichen Wohlstandsentwicklungen sind vielmehr überkommene Machtverhältnisse – in einzelnen Ländern, aber auch über Ländergrenzen hinweg – schuld, die durch Protektionismus und Wettbewerbsfeindlichkeit eher zementiert werden.

Ungerechtigkeit greift vor allem dort um sich, wo Wettbewerb ausgeschaltet ist: durch Protektionismus, Korruption oder Privilegien der Eliten. Die Beispiele Argentinien, Griechenland oder Venezuela führen doch vor Augen: Abschottung, Bürokratismus, die Konzentration der wirtschaftlichen Macht bei einer bestimmten Gruppe (seien es Parteifunktionäre oder mächtige Clans) haben nicht mehr Wohlstand oder Gerechtigkeit gebracht, sondern allein mehr Armut.

Wir täten gut daran, unsere Soziale Marktwirtschaft – sowohl gegenüber den Gegnern des Wettbewerbs als auch gegenüber den Propheten von „Shareholder-Value“ – als das nachhaltigere Modell selbstbewusst zu bewerben. Aber wir müssen uns auch den Grenzen des Systems bewusst sein: Eine Soziale Marktwirtschaft kann das Entstehen von Einkommensunterschieden nicht verhindern. Bisher ist kein Wirtschaftssystem bekannt, das dies leisten könnte. Wir brauchen ein Einsehen, dass nicht alle Menschen gleich sind, aber alle die gleichen Chancen haben müssen.

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