Der Kungel-Sepp muss weg

von Andreas Kern31.05.2015Sport

Die UEFA und ihre Verbündete müssen dem „System Blatter“ endlich mit aller Konsequenz entgegentreten.

Ein starrsinniger, in die Jahre gekommener Alleinherrscher, der sein Reich nach Gutdünken regiert – und sich die Loyalität seiner Hofschranzen mit einer Mischung aus Privilegien und Druck sichert. Dazu grassierende Korruption und ein Herausforderer, der zwar ab und zu verbal den Stachel gegen den Patriarchen löckt, sich dann aber – mangels eigener Machtperspektive – den Spielregeln des Despoten fügt. Nein, die Rede ist nicht von Simbabwes 91-jährigem Diktator Robert Mugabe und Morgan Tsvangirai, der abwechselnd einmal den Oppositionsführer, ein anderes Mal den loyalen Regierungschef gibt, sondern von FIFA-Boss Sepp Blatter und dessen Gegenspieler Michel Platini vom europäischen Fußballverband UEFA.

Am vergangenen Freitag hat der „Machiavelli aus dem Wallis“ Monsieur Platini einmal mehr vorgeführt. Trotz des Korruptionsskandals um ranghohe Funktionäre wurde Blatter erneut zum Präsidenten des Weltfußballverbandes gewählt. Zwar hatten Platini und die Europäer den Schweizer zuvor so offen und so scharf wie nie kritisiert – und zum Sturz des Schweizers aufgerufen. Genutzt hat es nichts. Die Mehrheit der Blatter-treuen Funktionäre wählte den Patron des Rasensports erneut ins höchste Amt. Der Herausforderer aus Jordanien, Prinz Ali bin al-Hussein, blieb erwartungsgemäß Zählkandidat. Platini selbst oder der ehemalige Superstar Luis Figo aus Portugal trauten sich nicht, gegen „Kungel-Sepp“ anzutreten. Auch die Option, die von vornherein feststehende Wahl des Sport-Autokraten zu boykottieren, wurde nicht in Erwägung gezogen. So bleibt bei der FIFA alles beim alten Sepp. Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter, könnte sich der listenreiche Schweizer denken.

Zu viel Geld im Geschäft mit König Fußball

The same procedure as last year? The same procedure as every year! Alles wie gehabt in Blatters Fußball-Familie: Der 79-Jährige gibt anderen die Schuld an Skandalen und Skandälchen. Subalterne Funktionäre, das System oder die Medien – das sind im Zweifel die Bösen, wenn die FIFA wieder einmal am Pranger steht. Dann verspricht der große Vorsitzende aufzuräumen, stellt niedere Chargen in den Senkel und gründet eine Kommission, die für Ordnung sorgen soll. Natürlich alles unter der Aufsicht des Sauber-Sepps, der noch jeden Skandal weißer als weiß gewaschen hat.

Am Teflon-Schweizer selbst mag nichts hängen bleiben. Dazu ist der erstens zu schlau und zweitens dürfte für ihn Macht Vorrang vor Moneten haben. Geld hat er ja schon zur Genüge. Allerdings trägt der allmächtige FIFA-Boss nicht nur die Gesamtverantwortung für seinen Verband. Er arbeitet auch seit 40 Jahren hauptamtlich für die Weltfußballorganisation. 1975 fing er als Direktor für Entwicklungsprogramme an. Herausforderer Prinz Ali bin al-Hussein war da noch nicht einmal geboren. Später stieg Blatter zum Generalsekretär auf, 1998 schließlich wurde er Präsident. Er kennt seinen Laden also von der Pike an, hat Zug und Zug Netzwerke und Abhängigkeiten geschaffen. Wenn Blatter behauptet, er wisse nichts von den Schmutzeleien in seiner Organisation, dann klingt das so, als würde Boris Becker behaupten, er hätte niemals einen Tennisschläger in der Hand gehabt.

Dass Blatter nun das große Reinemachen verspricht, kann bestenfalls unter „weiße Salbe“ verbucht werden. Zu viel Geld verdient die FIFA beim Geschäft mit König Fußball. Zudem dürfte der Patriarch daran interessiert sein, sein Erbe einmal in wohlgesinnte Hände zu übergeben. Wie jeder Sonnenkönig hat er den Wunsch, sein Andenken nicht irgendwann von einem aufklärerischen Nachfolger beschmutzen zu lassen. In Sepps Kungelstadl dürfte wohl weiter Tango Korrupti gegeben werden. Erste Äußerungen Blatters nach der Wiederwahl deuten in diese Richtung. Gezielt setzte er Nadelstiche in Richtung UEFA. Mit einer angekündigten Ausdehnung des Exekutivkomitees für wohlgesinnte Konföderationen plant der Herr des Fußballs, den europäischen Einfluss weiter zu beschneiden.

WM ohne England und Deutschland?

Vielleicht setzt die UEFA nun alle Hoffnungen in die Korruptionsermittlungen des FBI und englischer Behörden rund um die WM-Vergaben 2018 nach Russland und 2022 nach Katar. Allzu große Erwartungen sollten Platini & Co. aber nicht investieren. Wenn es um das Überstehen von Skandalen geht, dann hat die Katze Blatter mehr als sieben Funktionärsleben. Sollten es die Europäer ernst mit ihrem Einsatz für sauberen Fußball meinen, dann dürfen sie nicht vor unbequemen Schritten zurückschrecken. Die Option WM-Boykott muss auf den Tisch, ansonsten droht Platini und seinen Verbündeten eventuell das Etikett des Maulheldentums.

Die härtesten Töne kamen bisher aus England. Hier forderten Premierminister David Cameron und der Chef des Fußballverbandes FA, Greg Dyke, offen Blatters Rücktritt. Aus Deutschland sendete Bundesjustizminister Heiko Maas bisher die protokollarisch höchste Rücktrittsforderung aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ließen mehr Zurückhaltung walten als ihre britischen Amtskollegen.

Dennoch, selbst wenn nur Engländer und Deutsche Ernst mit einem WM- und FIFA-Boykott machen würden, die Blatter-Festspiele verkämen zum Torso. Deutschland ist amtierender Weltmeister, England Mutterland des Fußballs. Bei der vergangenen Weltmeisterschaft in Brasilien stellte die Premier League die meisten Spieler, auch die Bundesliga war sehr gut vertreten. Würden sich dann noch Platinis Frankreich, Italien und die Niederlande einem Boykott anschließen – und stattdessen reguläre Ligaspiele ansetzen, der mächtige „Kungel-Sepp“ wäre zum „König Ohneland“ geschrumpft. Auch den Sponsoren könnte bei der Aussicht auf Rumpfspiele einer Organisation mit dem öffentlichen Ansehen der Camorra vielleicht die Lust auf weitere Millionenzahlungen vergehen. Warum besinnen sich Dyke, Niersbach und ihre Verbündeten dann nicht endlich auf das alte Gewerkschaftsmotto „alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“? Müsste man sie eventuell zur Nachhilfe beim Streik-Ayatollah, GdL-Chef Claus Weselsky, schicken? Sicher, bei einem WM-Verzicht geht es gutes Geld verloren. Eine Revolution verlangt aber Opfer.

Es sollte klar sein: In der globalisierten Spaß- und Eventgesellschaft ist und bleibt Fußball ein Milliardengeschäft. Der Kommerz wird künftig eher noch zunehmen. Da sollten sich auch Fußallnostalgiker – zu denen ich mich selbst zähle – nichts vormachen. So schade es ist, die FIFA kann kein weltweites Darmstadt 98 sein. Sponsoren sind einfach bereit, Unsummen zu zahlen. Es gilt eben das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Das ist per se nichts Schlechtes. Es kommt aber darauf an, wie man mit all dem Geld umgeht – und wofür man es einsetzt. Daher ist es wichtig, dass im Umgang mit den FIFA-Millionen Transparenz herrscht – und dass klare Regeln gelten und diese auch eingehalten bzw. überwacht werden. Dazu muss der Verband unter anderem Einblick in seine Bücher geben. Ansonsten wird der Fußball, dieser faszinierende Sport, in seinem Kern zersetzt. Europäer und Nordamerikaner müssen jetzt handeln, um den Mythos Fußball zu bewahren.

Das Motto der FIFA lautet „For the Game. For the World“. Für die Gegner des „Systems Blatter“ sollte dieser Spruch ein Weckruf sein, den Neuanfang zu erzwingen.

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