Nieder mit Chomeini ... Mir Hossein Mussawi

Europameisterschaft des Irrsinns

Der Eurovision Song Contest vereint Europa – wenn auch nur für einen Abend – vor dem Fernseher. Das Erfolgsrezept sind Gleichheit und der Respekt vor Nation und Tradition. Die EU sollte sich daran ein Beispiel nehmen.

Europafrust? Nicht beim Eurovision Song Contest (ESC). Zwar wurde die Show schon oft totgesagt. Zudem ist die Qualität der Lieder oft fragwürdig. Dennoch erfreut sich der Gesangeswettstreit, der an diesem Wochenende zum 60. Mal ausgetragen wird, nach wie vor großer Beliebtheit. Dabei ist das Programm – mit der stundenlangen Punktevergabe („Germany twelve points, l’Allemagne douze points“) – ein einziger Anachronismus. Dennoch schalten Jahr für Jahr weit über 100 Millionen Zuschauer ein. Kein Fernsehereignis – außer Sportwettbewerbe und Königshochzeiten – vereint zwischen Wladiwostok und Cork so viele Menschen vor den Bildschirmen. Wenn „Wetten, dass ..?“ zum Lagerfeuer der Nation hochgeschrieben wurde, dann ist der ESC das Lagerfeuer Europas. Einen Abend lang ist man Teil einer gesamteuropäischen Fernsehgemeinde – und sitzt quasi mit über 100 Millionen Zuschauern auf der Couch. Hierzulande hat die Spaßgesellschaft um Guildo Horn und Stefan Raab dafür gesorgt, dass die Show sogar bei jüngeren Menschen Kultstatus erlangte. Für das politisch verfasste Europa gilt das eher nicht.

Für Jan Feddersen, Journalist und Autor des ESC-Nachschlagewerks „Ein Lied kann eine Brücke sein. Die deutsche und internationale Geschichte des Grand Prix Eurovision“, steht fest: „Eigentlich gibt es nichts Besseres als den ESC, um zu studieren, wie zäh und trotzdem nachhaltig und hartnäckig Europa funktioniert.“ Quer über den Kontinent beschäftigt der ESC die Musik- , Politik- und Kulturwissenschaftler. Einig sind sich die Experten, dass die Show ein Fixpunkt im Fernsehjahr ist – und ein Wettlauf der Nationen, bei dem das Olympische Motto gilt: dabei sein ist alles.

In der Tat: Wer gewinnt, spielt meist keine Rolle – wer besonders bizarr ist, bleibt im Gedächtnis – und kann manchmal Kasse machen. Ein Beispiel ist das hyperaktive irische Zwillingsduo Jedward. Die Popper im ADHS-Modus landeten 2011 zwar nur auf Platz 8, aber im Gegensatz zum aserbaidschanischen Siegerpaar konnten sie ein paar Charts-Erfolge in Großbritannien und Deutschland verbuchen.

Als die Oma auf die Pauke haute

Gleichzeitig trägt der ESC zur zeitweiligen europäischen Integration bei. Bauchfreie Balkanbeauties, kaukasische Ethnopopper, russische Babuschkas, blondierte ukrainische Shakira-Klone, spanische Wuchtbrummen als Monserrat-Caballé-Verschnitt – diese „Europameisterschaft des Irrsinns“ kommt bei breiten Schichten eher an als der hohe Ton des Karlspreis-Duktus, den man oft zum Thema Europa hört. Popkultur ist massenkompatibel.

Einem Aspekt des ESC sollten die Berufseuropäer ihre volle Aufmerksamkeit schenken: Es ist die Vielfalt, es sind die regionalen Besonderheiten unseres Kontinents, die das Quantum Zauber einer banalen Show ausmachen. Egal, ob italienische Nachwuchstenöre, die bärtige Drag-Queen aus Austria oder finnische Hardrocker im Monsterkostüm. Wegen dieses Panoptikums schalten Menschen ein. Auch eine nicht immer tonsichere albanische Vorstadtnymphe mit Turmfrisur hat Unterhaltungswert, jedenfalls mehr als viele der austauschbaren Popsternchen aus den Castingshows. Noch heute erinnern sich ESC-Fans an die dadaistische Darbietung der moldawischen Band Zdob si Zdub, bei der 2005 eine Oma auf die Pauke haute („bunica bate toba“). Was dagegen weiß man sonst über die Republik Moldau? Der Transnistrien-Konflikt etwa bleibt der Bildungselite vorbehalten.

Zudem ist der ESC Spiegelbild des gesellschaftlichen Wandels. Sang noch 1982 die brave Nicole im hochgeschlossenen Kleid von „ein bisschen Frieden“, so mischte 1998 der zottelige Spaßkobold Guildo Horn den Laden auf. (Manche Auguren werteten die Nominierung Horns tatsächlich als Vorboten für den Wahlsieg des Bauchpolitikers Gerhard Schröder im gleichen Jahr.) Dennoch gewann damals die israelische Travestie-Künstlerin Dana International den ESC. Ein Jahr später diskutierte Deutschland die doppelte Staatsbürgerschaft, zum Song Contest fuhr die Multikulti-Truppe „Sürpriz“.

So hat der ESC natürlich eine politische Komponente. In den Zeiten des Kalten Krieges setzten autoritär regierte Mittelmeerländer auf politische Songs. In spanischen und portugiesischen Beiträgen schwang oft Kritik an den Autokraten Franco und Salazar mit. Aus dem Mund jugoslawischer Sängerinnen und Sänger wurde der Ruf nach Freiheit laut. Mit der Demokratisierung wandelten sich die Themen. Ein Teilnehmer aus Montenegro setzte 2012 auf einen Anti-Euro-Song. Inzwischen sind Vielfalt und Gender en vogue. Ging es bei Conchita Wurst vor allem um Sexualität, liegt in diesem Jahr der Fokus auf Menschen mit Behinderungen. Für Polen tritt Monika Kuszynska an, eine Sängerin, die auf den Rollstuhl angewiesen ist. Für Finnland fährt die Punkband Pertti Kurikan Nimipäivä zum ESC nach Wien, deren Mitglieder von Autismus oder Down-Syndrom betroffen sind. Zwar sind solche Sujets keine Rebellion mehr, sondern surfen auf dem Zeitgeist. Es reicht aber, um die notwendigen Schlagzeilen für den Fortbestand der Show zu produzieren.

Europa muss Regionen und Nationen respektieren

Ein Erfolgsrezept ist die Chancengleichheit: Jedes Land – egal ob klein oder groß – darf gleich viele Punkte vergeben, nämlich maximal zwölf. Hier sind Deutschland und Griechenland, Russland und die Ukraine, Großbritannien und Irland einmal wirklich auf Augenhöhe. Beim Televoting würde ein Anruf von Wolfgang Schäuble genauso viel zählen, wie der von Yanis Varoufakis. Periphere Länder können am Ende ebenso vorn liegen wie Frankreich, Italien oder Spanien. Rekordgewinner ist Irland, zuletzt siegten unter anderem Österreich, Dänemark und Aserbaidschan.

Zwar kann kein Land für seinen Beitrag voten, dennoch unterstützt man seinen Song moralisch, egal ob der gut oder schlecht ist. Selbst über die wenigen Stimmen für Cascadas abgeschmackte Eurodance-Nummer freuten sich 2013 viele Deutsche. Die Lehre daraus: Ein Europa, das die Menschen mögen, muss Regionen und Nationen respektieren. Ein normiertes Einheitseuropa – wie am Brüsseler Reißbrett entworfen – scheint schwer vermittelbar. Es wäre gewiss so aseptisch und langweilig wie ein 08/15-Liedchen aus der Konserve.

Was für eine wichtige Rolle regionale Identität spielt, zeigt das Abstimmungsverhalten. Viele Völker fühlen sich kulturell verbunden, sprechen die gleiche oder ähnliche Sprachen – und bilden manchmal einen gemeinsamen Musikmarkt. So überhäufen sich die Balkanstaaten traditionell ähnlich mit Punkten wie die Skandinavier oder Zypern und Griechenland. Trotz aller Konflikte funktioniert der Punktebasar leidlich. Die Nachfolgestaaten der Sowjetunion schustern sich ebenso Stimmen zu wie das Vereinigte Königreich und die Republik Irland. Deutschland wiederum bekommt im Schnitt die meisten Punkte aus der Schweiz. Die große türkische Community hierzulande votet für ihr Heimatland. Nur mit dem deutsch-österreichischen Feingefühl ist es nicht weit her. Selbst Nicole bekam bei ihrem Triumph 1982 nur einen einzigen Punkt von den südlichen Nachbarn.

Allerdings kann kein Land allein mit Hilfe seiner „Spezln“ den ESC gewinnen. Überzeugen müssen Beitrag und Performance schon auf breiter Front. Erst der gesamteuropäische Konsens entscheidet gegen Mitternacht, wer zum Sieger oder zur Siegerin proklamiert wird. Hier läuft es beim ESC doch irgendwie so, wie bei einem typischen EU-Gipfel. Am Ende aber ist der ESC vor allem eine Show, die die eine Hälfte Europas liebt – und über die die andere Hälfte zumindest mitreden kann.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Andreas Kern: Valar Morghulis

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