Vorsicht ansteckend!

von Andreas Kern28.04.2015Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Tot geglaubte Krankheiten wie Masern „feiern“ ein Comeback in unseren Graden. Befeuert und gefördert durch Thesen von Impfgegnern. Thesen, die kein harmloser Humbug, sondern hochgradig gefährlich sind.

Von Rosa Luxemburg stammt der wunderbare Satz, dass Freiheit immer auch die Freiheit der Andersdenkenden ist. Also haben auch Spinner, Esoteriker und Verschwörungstheoretiker aller Fakultäten das Recht, selbst den größten Unsinn irgendwo abzusondern. So spuken wilde Thesen zu 9/11 ebenso durch die Welt, wie Berichte über den angeblich noch lebenden Elvis. Neuerdings ist die Chemtrail-Paranoia en vogue.

Manche finden solche Storys putzig, andere einfach nur nervig. Eine freie Gesellschaft muss und kann das ertragen. In Londons Hyde Park hält man sich eine Kiste, auf die jeder, der sich berufen fühlt, steigen kann, um Volksreden zu halten. Hierzulande gibt RT Deutsch – auf russische Staatskosten – mitunter abseitigen Ansichten ein Forum. Auch das gehört zur Meinungsfreiheit.

Keine These scheint zu steil

Der Spaß hört auf, wenn die Propheten des Hokuspokus andere Menschen auf Abwege führen. So meldeten sich jüngst wieder Impfgegner zu Wort, die mit erstaunlichen Behauptungen Stimmung gegen den Immunisierungsschutz machen. Obwohl deren Thesen ganz offensichtlich hanebüchen sind, verfangen sie sich bei einem gar nicht so kleinen Personenkreis. Häufig treffen Impfskeptiker den Nerv anti-modern eingestellter Zeitgenossen, die – auf der Suche nach einem verklärten einfachen Leben – empfänglich für derartige pseudo-wissenschaftliche Mutmaßungen sind.

Aber auch für „Otto Normalbürger“ ist die Debatte nicht leicht zu verstehen. Wird doch meist verallgemeinernd über „die Impfungen“ gesprochen. Da aber bei jedem Erreger die Impfmaßnahme anders aussieht, kann eine pauschale Diskussion schnell zu Verwirrung führen. Der Impfdiskurs müsste für jeden Erregertyp einzeln geführt werden. Nur das kann Klarheit schaffen.

Die Grundsatzkritik vieler Impfgegner an der Schulmedizin ist dennoch unangebracht. Man muss sich nur vorstellen, wie unser Leben ohne den medizinischen Fortschritt der vergangenen 100 Jahre aussähe. Die Lebenserwartung wäre mindestens 15 Jahre geringer, einfache Infektionskrankheiten wären tödlich – und eine simple Wurzelbehandlung käme einer wahren Höllenpein gleich.

Die Erfolge der Impfstoffe dagegen sind beeindruckend. Kaum etwas ragt aus der medizinischen Dynamik im 20. Jahrhundert derart hervor. Nur der Zugang zu sauberem Wasser hat global gesehen mehr zur Überwindung von Infektionskrankheiten beigetragen. Das Prinzip fast jeder Impfung ist so einfach wie genial: abgeschwächte Krankheitserreger werden in die Blutbahn eingebracht und regen die Abwehrkräfte des Körpers an. In vielen Entwicklungsländern wären die Menschen froh, könnten sie ihre Kinder überall – und zu bezahlbaren Preisen – so leicht vor schlimmen Krankheiten schützen.

Für viele nicht-wissenschaftliche Impfgegner sind ihre Argumente aber eine Art Glaubenssache. Und aus den Glanzzeiten der Inquisition im Mittelalter wissen wir, dass man Glaubensdogmen nicht so einfach wissenschaftlichen Wahrheiten opfert. Nachzulesen bei Giordano Bruno. Bei vielen Impfgegnern dürfte die Wirkung von Fakten und Aufklärung daher äußerst begrenzt sein.

Russisch Roulette mit dem eigenen Nachwuchs

So ist Wundergläubigen in der Impfdebatte keine These zu steil, um die Wirkung dieses Schutzes zu hinterfragen. Der britische Arzt Andrew Wakefield etwa stellte 1998 die Behauptung auf, dass Impfungen Autismus auslösen. Obwohl dieses Märchen von der Forschung eindeutig widerlegt ist und Wakefield 2010 wegen „unethischer Forschungsmethoden“ seine ärztliche Zulassung verlor, lebt das Gerücht wie ein Zombie fort.

Auch die Vorstellung, dass Infektionen notwendig seien, um Kinder abzuhärten, wird beständig weiter ventiliert. Dabei soll mittels Impfung ein eben solcher Impuls für das Immunsystem gesetzt werden. Weil der Erreger dabei nur in stark abgeschwächter Form gespritzt wird, kann der Körper gut die notwendigen Antikörper bilden. Richtige Infektionen indes verursachen viel häufiger Folgeschäden. Bei den Masern treten sogar vergleichsweise oft Todesfälle auf. Daher sind die in gewissen Kreisen beliebten „Masern-Partys“ – bei denen Kinder bewusst Erregern ausgesetzt werden – kein harmloser Spleen, sondern – mit Verlaub – kreuzgefährlicher Mumpitz. Während Hilfsorganisationen um Geld für Impfschutz in der Dritten Welt betteln, spielen hierzulande fehlgeleitete Eltern Russisch Roulette mit dem Wohlergehen ihres eigenen Nachwuchses.

Ein Highlight auf der nach oben offenen Absurditätsskala hat der Herausgeber der impfkritischen Zeitschrift „Impf-Report“, Hans Tolzin, in die Welt gesetzt. Seiner Ansicht nach werden Infektionskrankheiten nicht durch Viren hervorgerufen. Vielmehr seien sie Abbildungen von Selbstheilungsprozessen im menschlichen Körper. Für den ehemaligen deutschen Arzt Ryke Geerd Hamer wiederum sind Kinderkrankheiten wie die Masern Reaktionen auf traumatische Ereignisse – beispielsweise auf die Scheidung der Eltern. Wer weiß, vielleicht gab es ja in den Niederlanden nach der WM-Niederlage 1974 einen kollektiven Masernausbruch?

Der Impfschutz – Opfer seines eigenen Erfolges

Manche Impfgegner postulieren, dass gesundes Essen, Bewegung, Luft und Liebe genügen, um sich hinreichend vor Infektionskrankheiten zu schützen. Andere entblöden sich nicht, in den trüben braunen Gewässern der sogenannten „Neuen Germanischen Medizin“ zu fischen. Alternative Fortschrittsskeptiker und Rechtsesoteriker – in der Querfront der Impfgegner sind sie vereint.

Leider hat die Impfmüdigkeit vieler zivilisationskritischer – oder einfach nur leichtsinniger – Zeitgenossen fatale Folgen: In Europa und den USA beispielsweise haben die bereits als besiegt geglaubten Masern ein „Comeback“ erlebt. So ist auch ein halbes Jahr nach dem Masern-Ausbruch in Berlin noch kein Ende absehbar. Seit Oktober wurden in der Hauptstadt mehr als 1000 Fälle gemeldet. Mindestens 80 Fälle wurden in Thüringen vermerkt, 75 in Bayern. In Berlin wurden offiziellen Angaben zufolge mindestens 330 Kinder zeitweilig von Kitas und Schulen ausgeschlossen. Weltweit gab es laut Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2013 etwa 145.700 Masern-Tote – gerade in Staaten mit geringer Gesundheitsversorgung.

In unseren Breiten indes wurde der Impfschutz Opfer seines eigenen Erfolgs. Die gelungene Bekämpfung vieler einst gefährlicher oder letaler Infektionen hat das Laissez faire bei der eigenen Gesundheit befördert. Esoteriker haben hierfür den ideologischen Überbau geliefert.

Das scharfe Schwert der Impfpflicht

Allerdings steht das persönliche Empfinden des Einzelnen dem Gemeinwohl gegenüber. Wer sich impfen lässt, übernimmt immer auch Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft – und ganz besonders gegenüber ihren schwächeren Mitgliedern. Darum ist es das eine, die eigene Gesundheit zu pflegen. Ebenso wichtig sollte sein, Mitmenschen keinem Krankheitsrisiko auszusetzen.

So sind die Erzählungen der Impfgegner keine harmlose Spökenkiekerei, sondern eine Herausforderung der Gesellschaft. Die Politik muss abwägen, ob mehr und effektivere Aufklärung ausreicht – oder ob der Gesetzgeber zum scharfen Schwert der Impfpflicht greifen sollte.

Pseudo-wissenschaftlichen Impfgegnern aber sei geraten: Bitte sucht euch ein anderes Hobby! Findet den Yeti oder spekuliert darüber, an welchem Ort in New Mexico die NASA die Mondlandung inszeniert hat! Gesundheitsfragen aber, die überlasst ihr besser den Profis.

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