"Junge, das war's": Die großen Probleme der Lkw-Betreiber | The European

"Junge, das war's": Die großen Probleme der Lkw-Betreiber

Andreas Kempf11.03.2022Medien, Wirtschaft

Lastwagen-Betreiber stehen vor dem Aus. Spediteure rufen Alarm: Die Spritpreise machen LKW-Fuhren unwirtschaftlich. Die Folge: Wenn keiner hilft, „bleiben die Regale leer.

Lkw

Stehen bald viele Lkw still? (Foto: Shutterstock)

Von Andreas Kempf

Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Verbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) macht drastisch deutlich, welche Folgen die explodierten Dieselpreise für alle Bürger demnächst haben können: „Wenn nichts unternommen wird, sind bald die Regale in den Läden leer.“ Der Grund: wegen der explodierten Spritpreise zahlten die meisten Spediteure bei jedem Kilometer drauf und ließen ihre Fahrzeuge lieber stehen. „Es geht um jedes einzelne Produkt im Land, aber die Politik hat das nicht auf dem Schirm. Ich bin maßlos enttäuscht und traurig“, beklagt Claudia Schäfer, von der Spedition Johannes Jäger in Fulda. Das Unternehmen bestehe seit 1939 und habe schon viele Krisen durchlebt. „Doch wenn sich nicht schnell was ändert, muss ich meinen Leuten sagen: Jungs das war’s.“

Der BGL hat rund 47.000 Betriebe im Blick. „Die meisten haben inzwischen große Probleme“, betont Verbandschef Engelhardt. Die Branche sei stark mittelständisch geprägt. Rund 30.000 Unternehmen beschäftigen weniger als zehn Mitarbeiter. Angesicht von Preissteigerungen beim Diesel von knapp 50 Prozent innerhalb von zwei Monaten wird die Luft für die meisten jetzt dünn. „Viele fahren gegen die Insolvenz“, betont Engelhardt. „Wir kalkulieren vor jeder Tour, ob sich die Fahrt überhaupt noch lohnt‘“; erklärt Spediteur Detlev Beneke aus Berlin. Seine Kollegin Annette Weiß aus dem schwäbischen Pfullingen kann das nur unterstreichen: „Wir lassen demnächst unsere Fahrzeuge lieber stehen.“

500000 deutsche Lkw sollen weiter rollen

Der Verband ist schon seit Wochen immer wieder im Kontakt mit dem Wirtschaftsministerium in Berlin und dringt auf einen Krisengipfel. Bisher ist aber eine Reaktion ausgeblieben. Der BGL fordert eine „temporäre Unterstützung“, damit die Räder der rund 500.000 deutschen Lastwagen weiter rollen können. Dies soll die Zeit überbrücken, bis das Transportgewerbe neue Tarife mit den Kunden vereinbaren kann. Denn das geht nicht über Nacht, wie ein Spediteur erläutert: „Die Kunden haben in ihren SAP-Systemen Festpreise eingepflegt. Die kann man nicht jeden Tag neu anpassen.“

In der Praxis werden so genannte „Dieselfloater“ vereinbart, um mit den Kunden die Preisschwankungen bei den Spritpreisen ausgleichen zu können. Dieser Mechanismus orientiert sich allerdings an den Preisen der vorherigen Quartale. Das bedeutet, dass aktuell bei der Tarifkalkulation die Durchschnittswerte zwischen September und November als Grundlage gelten.  Für das nächste Quartal dann die von Oktober bis Dezember. Erst in der zweiten Jahreshälfte würde also die jetzige Preisexplosion an den Zapfsäulen zum Tragen kommen. „Es sind 70.000 Euro Mehrkosten je Monat, die wir vier Monate vorfinanzieren, also März bis Juni. Das ist schlicht unmöglich“, klagt Markus Grenzer, Geschäftsführer der Maintaler Group aus Bruchköbel bei Hanau.

Kommt ein “Gewerbediesel” für Lkw?

Konkret stellt sich der Verband einen „Gewerbediesel“ zum Nettopreis von 1,30 Euro je Liter vor. Abweichungen nach oben sollen dann vorübergehend von der öffentlichen Hand ausgeglichen werden. „Es geht darum, dass der erste Dominostein nicht fällt, der sonst die gesamte Wirtschaft mitreißen würde“, erklärt Tobias Lang, Chef des badischen Verkehrsgewerbes in Freiburg. Er erinnert auch daran, dass neben dem Lastwagenbetrieb auch das Taxigewerbe und die Busunternehmen von der Kostenexplosion betroffen sind. Und diese Bereiche unterliegen oft öffentlich festgelegten Tarifen. „Wenn das Ministerium nicht reagiert, wird es die Realität einholen“, mahnt Engelhardt.  Besondere Hilfen benötigen die Unternehmen, die ihre Fahrzeuge auf Gasbetrieb umgestellt haben, um besonders nachhaltig fahren zu können. Der Preis für LNG sei inzwischen um 258 Prozent in die Höhe geschossen, so der BGL-Chef. „Wir brauchen hier einen Rettungsschirm für die LNG-Flotten.“

Der Verband sieht sogar die Versorgungssicherheit der deutschen Bevölkerung gefährdet, falls die Politik nicht schnell und entschieden gegensteuert. Es gehe vor allem um die ortsnahe Versorgung, denn nur acht Prozent der Brummis würden mehr als 300 Kilometer je Fahrt zurücklegen. Vorschläge, die Mehrwertsteuer zu senken, kommen in der Branche nicht gut an. „Ich lach mich tot. Was soll das?“, so der Berliner Spediteur Beneke. Die Kostensteigerung werde so nicht abgefangen, denn die Steuer sei ja für die Unternehmen ein durchlaufender Posten.

Betriebe im Grenzgebiet zu Osteuropa klagen über eine erhebliche Wettbewerbsverzerrung. So kostet der Diesel in Dresden über 2,20 Euro. Hinter der Grenze liegt der Preis bei 1,37 Euro. Bei 1000 Liter kämen so schnell mehr als 800 Euro Preisunterschied zusammen, klagt ein Unternehmer aus der Region. Aber auch die Wettbewerber aus anderen Ländern haben Vorteile. So würden Belgien, Frankreich, Spanien, Italien Kroatien, Ungarn und Slowenien ihren Unternehmen mit Hilfen bestehen. In Belgien komme so ein Vorteil von 30 Cent je Liter Diesel zusammen, klagt Eberhardt

Rund 100ooo Lkw-Fahrer aus der Ukraine könnten ausfallen

Allerdings haben die Wettbewerber in Polen derzeit mit ganz anderen Auswirkungen der politischen Krise zu kämpfen. Laut BGL sind jenseits der Grenze mehr als 100.000 ukrainische Fahrer beschäftigt, die nun den Einberufungsbefehl erhalten haben. „Wir haben schon anfragen aus Polen bekommen, ob wir Fuhren übernehmen können, weil dort niemand fahren kann“, berichtet Engelhardt. Aber auch die Betriebe in den östlichen Bundesländern seien von dem Problem betroffen, so der BGL-Chef, der allerdings keine konkreten Zahlen nennen konnte.

Die Spritkosten sind nicht der einzige wunde Punkt. Fuhrunternehmerin Weiß verweist darauf, dass neben Diesel auch noch die Preise für Fahrzeuge, Reifen, Ersatzteile, Öle und Löhne gestiegen sind. Insgesamt beziffert der BGL die Preissteigerung im Gewerbe mit 34 Prozent. Ein Spediteur rechnet vor: „Sattelzugmaschinen haben sich binnen vier Monaten bis zu 12 000 Euro verteuert, Trailer bis zu 5.000 Euro. Die Lieferzeiten liegen jeweils bei mindestens zwölf Monaten. Die Vermieter sind ausgebucht. Somit haben wir neben dem Fahrermangel aktuell auch ein Fahrzeugmangel und beides verbunden mit enorm gestiegenen Kosten.“ Leere Regale wie zuletzt in England seien somit nur noch eine Frage, wie schnell dies passiere.

Kummer bereitet der Branche auch die Versorgung mit dem Harnstoff Adblue, dessen Preis sich in den vergangenen Monaten bereits vervierfacht hat. Die Branche befürchtet sogar einen Engpass bei dem Zusatzstoff, der zur Reinigung bei der Dieselverbrennung eingesetzt wird. Adblue entsteht im Zuge der Düngemittelproduktion, wo Erdgas zu Amoniak verarbeitet wird. Aufgrund der Preissteigerung bei Gas haben die Hersteller jedoch die Produktion zurückgefahren. Aber ohne AdBlue droht vielen Lastwagen ebenfalls der Stillstand.

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