Das Maß der Dinge

Andreas Freytag30.01.2011Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Das Bruttoinlandsprodukt mag ein schlechter Indikator für Wachstum sein – doch die Alternativen sind auch nicht besser. Objektive Indikatoren sollen durch subjektive Präferenzen ersetzt werden. Doch die Bedeutung von Wachstum lässt sich nicht einfach wegdefinieren.

Zur Messung des Wohlstands zieht man regelmäßig das “Pro-Kopf-Einkommen”:http://www.google.com/publicdata?ds=wb-wdi&met=ny_gdp_mktp_cd&idim=country:DEU&dl=de&hl=de&q=bruttoinlandsprodukt (im Folgenden BIP) heran. Es hat sich in Deutschland im Zeitraum zwischen 1950 und 2001 verzwanzigfacht und real verfünffacht. Hat sich aber dadurch unsere Wohlfahrt ebenfalls verfünffacht? Diese Frage berührt zwei sich überschneidende Problemkreise: die Bedeutung des materiellen Wachstums für den Wohlstand und dessen Messung. Beides kann nur zusammen diskutiert werden.

Was folgt auf das BIP?

Inzwischen ist unbestritten, dass das BIP erhebliche Mängel aufweist: Viele Aktivitäten bleiben unberücksichtigt, zum Beispiel unentgeltliche Hausarbeit und Schwarzarbeit. Außerdem vernachlässigt das BIP Verteilungsfragen oder institutionelle Regelungen, die die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen einschränken. Wirtschaftliche Aktivitäten können schließlich sozial unerwünschte Ergebnisse (z. B. Umweltbelastungen) mit sich bringen. Die anschließenden Ausgaben für deren Beseitigung erhöhen das BIP, ohne dass insgesamt der Wohlstand steigt. Somit ist das BIP ein unzureichender Wohlstandsmaßstab. Es gibt einige “alternative Konzepte”:http://de.wikipedia.org/wiki/Bruttonationalglück, die bewusst auf monetäre Maßzahlen verzichten und die tatsächliches Wohlbefinden in den Vordergrund rücken. Zumeist wird auf ein Nebeneinander verschiedener Indikatoren (z. B. Umweltqualität, Ausstattung mit öffentlichen Gütern, Bildungs- und Sporteinrichtungen, Arztdichte etc.) abgestellt, die in unterschiedlichen Maßeinheiten gemessen und zu einem “Index”:http://www.beyond-gdp.eu/ aggregiert werden. Gelegentlich wird auch vorgeschlagen, neuere Erkenntnisse aus der Glücksforschung zu verwenden, um auf diese Weise die kollektive Zufriedenheit zu maximieren. Damit sei, so die oft geäußerte Vorstellung, Wohlstand zielgenauer erfasst und materielles Wachstum nicht mehr notwendig, weil es nicht zum Wohlbefinden beiträgt. Beide Aussagen sind nicht schlüssig: Nicht monetäre Konzepte sind noch weniger als Maßzahl des Wohlstands geeignet als das BIP. Das Hauptproblem besteht darin, dass die Objektivität überaus gering ist. Es dürfte allein bei der Frage, welche Indikatoren Lebensqualität auf welche Weise messen, in der Bevölkerung höchst unterschiedliche Vorstellungen geben. Somit ist die wirtschaftspolitische Steuerung dieser Indikatoren oder des Glücks stark von den Werturteilen der Entscheidungsträger geprägt und entspricht nicht mehr den Präferenzen der Menschen. Folglich können die alternativen Indikatoren zu Verletzungen des Demokratieprinzips führen. Die individuellen Präferenzen finden nicht ausreichend Berücksichtigung. Das Bruttoinlandsprodukt scheint der am wenigsten problematische Indikator zu sein, weil hier wenigstens die Konstruktion und die Mängel bekannt sind und weil keine Oktroyierung von Präferenzen erfolgt.

Armut lässt sich nicht wegdefinieren

Auch ist die Vorstellung, bei Verwendung alternativer Wohlfahrtsmaße auf Wachstum verzichten zu können, nicht schlüssig. Erstens benötigt man Wachstum für die Bewältigung des Strukturwandels; denn es geht ja nicht um immer mehr vom immer Gleichen, sondern um Innovationen und Potenziale für z. B. Umweltschutz oder Entwicklung. Zweitens ist für viele Menschen in Entwicklungsländern Wachstum eine Frage des Überlebens. In Schwellenländern sind schon viele Menschen aus der Armut gewachsen. Armut lässt sich nicht durch alternative Maße des Wohlbefindens wegdefinieren. Dennoch ist es unabdingbar, die mit dem BIP-Wachstum verbundenen Probleme zu lösen. Insbesondere muss die Nachhaltigkeit in den Blick genommen werden. Das setzt voraus, dass sämtliche Produktions- und Transportprozesse mit sämtlichen Kosten belegt werden, die sie erzeugen. Dies gilt vor allem für die Kosten der Umweltnutzung; beispielhaft sei der Schiffs- und Flugtransport genannt, die beide bislang keine CO2-Zertifikate benötigen. Wenn die verursachungsgerechte Zuordnung der Kosten gelingt, wird das herkömmliche monetäre Wohlstandskonzept, das BIP, den Wohlstand besser messen können als bisher – und auch besser als nicht monetäre Konzepte.

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