Lacht doch mal

Andreas Dörner23.07.2012Medien, Wirtschaft

Seit der Sommerpause steht endgültig fest: Fünf Polit-Talks in der ARD sind zu viele. Die Ressourcen der Öffentlich-Rechtlichen könnten sinnvoller verwendet werden – beispielsweise für Humor.

Im vergangenen Herbst startete die ARD eine Talk-Offensive, wie sie im deutschen Fernsehen noch nicht zu sehen war. Als der frisch eingekaufte Star-Moderator Günther Jauch im September erstmals zum politischen Plaudern ins Schöneberger Gasometer stieg, gab es eine Reihe von Sendeplatz-Rochaden, und der unerschrockene Zuschauer konnte fortan nicht weniger als fünf politische Talk-Agoren im „Ersten“ aufsuchen. War das eine mutige Offensive hin zu verstärkter Bürgerbeteiligung, hin zur Politisierung des Programms, ja einer öffentlich-rechtlichen Debattenkultur im besten demokratischen Sinn? Nein. Ein dreiviertel Jahr später ist die Bilanz ernüchternd. Es scheint, als hätten eher die geringen Produktionskosten der Formate als der politische Mehrwert die Programmverantwortlichen zu dieser Offensive motiviert. Die Gesprächsinflation führte faktisch zu einer intensiven Bewirtschaftung halbwegs prominenter und unterhaltsamer Gäste, zu zahlreichen Themenüberschneidungen und zu dem Eindruck, die „Saure-Gurken-Zeit“ avanciere immer öfter zum Dauerzustand. Schwache Quoten und verbreitete Langeweile sind die Folge. Die immergleichen Verlautbarer mit ihren immergleichen Phrasen beherrschen das Geschehen, und allenfalls mutige Bürger in der Rolle von „Betroffenen“ oder thematisch unbeleckte Schauspielprominenz sorgen manchmal mit unkonventionellen Redebeiträgen für kurze Unterbrechungen des einschläfernden medialen Dauerrauschens.

Die Privaten sind experimentierfreudiger

Diese Entwicklung ist bedauerlich. Denn Talkshows könnten in der modernen Mediendemokratie ein wichtiges Moment der Veranschaulichung und Verlebendigung politischer Positionen und Prozesse sein. Politische Gesprächssendungen sind daher grundsätzlich als ein relevantes und legitimes Mittel demokratischer Kommunikation zu betrachten. Talksendungen markieren durchaus eine Chance zur Inklusion politikferner Bürger in den politischen Diskurs einer zunehmend unterhaltungsorientierten Medienkultur. Nach Innovationen, die eine solche Inklusion wirklich leisten könnten, sucht man jedoch in den etablierten Polit-Debatten vergeblich. Auch das einstmals frische „Hart aber fair“ scheint heute selbst Moderator Frank Plasberg so zu langweilen, dass er ständig in diverse Game- und Quizshows flüchtet. Interessanterweise sind Produzenten und Redaktionen privater Anbieter – etwa die von Friedrich Küppersbusch verantworteten Sendungen „Busch@ntv“ oder „Vier gewinnt“ – experimentierfreudiger in einem Bereich, der eigentlich eine genuine Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks darstellt. Auch jugendorientierte Produkte wie „Sido geht wählen“ und „Ahnungslos“ wurden nicht etwa in der ARD oder im ZDF, sondern bei Pro7 (in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung) entwickelt. Allenfalls die digitalen Experimentierwiesen, etwa ZDF neo, riskieren mit Formaten wie „Neo paradise“ oder „Stuckrad Late Night“ unkonventionellere Wege, um das bei den öffentlich-rechtlichen so selten gewordene Publikum unterhalb der Altersgrenze von 60plus zu erreichen.

Comedy statt Politik

Und doch: Einen Lichtblick haben auch die Hauptprogramme von ARD und ZDF zu bieten. Politische Aufklärung erfolgt hier jedoch nicht primär in den Polit-Talks, sondern in der Modulation des Komischen. Was in den USA mittlerweile so bedeutsam geworden ist, dass selbst der amtierende Präsident Obama gern in Jon Stewarts „Daily Show“ weilt, das entwickelt sich langsam auch hierzulande zur spannenden Alternative der politischen Kommunikation. So heimste die eng an das amerikanische Vorbild angelehnte „heute show“ im ZDF zahlreiche Preise und respektable Quoten ein. Kurt Krömers „Internationale Show“ im Ersten entlockte gestandenen PR-Profis wie Cem Özdemir provokante Statements, und als legendär gilt jener ehrliche Moment, in dem Horst Seehofer bei „Pelzig unterhält sich“ eine politische Weisheit formulierte, die selbst Vertreter der radikalen Linken heute nicht so ohne Weiteres öffentlich vertreten würden: „Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt wurden, haben nichts zu entscheiden.“ Das kulturhistorisch schon so oft beglaubigte subversive Potenzial des Komischen, es scheint in diesen Comedy-Talk-Formaten wieder auf. Durch die komische Rahmung, vor allem aber durch die häufigen Rahmenbrüche machen es Comedy-Talks den politischen Akteuren so schwer, sich hinter routinierten Sprachregelungen zu verschanzen, die allzu oft nach Fraktionszwang riechen. Wenn es also aus Sicht einer lebendigen politischen Kultur ein mehr an Talk zu wünschen gäbe, dann sollte es in den unkonventionellen und in den komischen Formen liegen. Könnte ein Erwin Pelzig alias Frank-Markus Barwasser hierzulande ähnlichen Einfluss erlangen wie Jon Stewart oder Stephen Colbert in den USA, dann wäre der politischen Aufklärung tatsächlich eine große Bresche geschlagen. Die offiziösen Talk-Verwalter der etablierten Debattenshows, die Jauchs und Wills, die Beckmanns und Maischbergers, sie sollten ihre Sendeplätze zumindest partiell räumen zugunsten von Formaten, die der Kontingenz und Offenheit des lebendigen Gesprächs wirklich noch einen Raum geben. Die erheblichen finanziellen wie intellektuellen Ressourcen, die in den öffentlich-rechtlichen Anstalten gebührenfinanziert versammelt sind, könnten so deutlich besser genutzt werden. Das Lachen als Subversion der Macht könnte ein schöner Beweis dafür sein, dass die Öffentlich-Rechtlichen sich zumindest teilweise ihre vom Verfassungsgericht geforderte Staatsferne bewahrt haben.

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