Liebe im Blut

von Andreas Bartels25.04.2014Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Menschen sind von Natur aus romantisch veranlagt, das liegt in ihren Genen. Teile unseres Liebeslebens sind also tatsächlich schicksalhaft vorbestimmt.

Liebe ist die Konsequenz eines genetisch kontrollierten biologischen Mechanismus im Hirn, der eine sehr einfache Funktion hat: Individuen aneinander zu binden. Die Konsequenzen davon betreffen alle Aspekte unseres persönlichen Lebens, genauso wie die Evolution von Arten und der Intelligenz.

Die Wissenschaft der Liebe ist erst zehn bis zwanzig Jahre alt. Ich hatte das Glück, zusammen mit Semir Zeki die ersten Hirnscan-Studien über Liebe durchzuführen. Sie haben gezeigt, Liebe aktiviert immer dieselben Hirnareale, egal ob mütterliche Liebe oder romantische. Liebe aktiviert genau die Regionen, die auch in Süchtigen beim Anblick ihres Suchtmittels aufleuchten. Und dies sind genau dieselben Regionen, die in Tieren für Bindung verantwortlich sind – Wühlmäuse, Schafe, und Mensch sind sich hier gleich. Die Regionen haben gemeinsam, dass sie höchste Dichten an Rezeptoren der Liebeshormone Oxytocin (OT) und Arginin-Vasopressin (AVP) aufweisen. Unsere Studien haben deshalb zum ersten Mal eine Verbindung der Liebesmechanismen im Menschen zum Tier und potenziell zur Sucht nahegelegt.

Aus einer evolutionären Perspektive betrachtet ist Liebe – oder in biologisch-funktioneller Terminologie, Bindung – der Schlüssel zur Existenz von Arten wie dem Menschen, weil das Überleben ihrer Babys völlig von elterlicher Fürsorge abhängt, die nur durch Liebe möglich wird. Es ist daher nicht überraschend, dass die Hirnmechanismen der Bindung sehr mächtig sind und unter genetischer Kontrolle stehen.

Suchtbehandlung mit Liebeshormonen?

Die grundlegenden Liebesmechanismen sind einfach und mächtig: Die gleichzeitige Ausschüttung der Neurohormone Oxytocin (OT) und Arginin-Vasopressin (AVP), zusammen mit Dopamin, führt im Kern des Belohnungssystems des Gehirns zu einem Lernprozess der ausreichend und notwendig ist, um eine lebenslange Bindung zwischen Individuen herbeizuführen. Im Grunde wird eine nachhaltige Assoziation zwischen der Anwesenheit eines bestimmten Individuums und höchsten Glücksgefühlen gebildet. Liebe ist daher die Konsequenz eines besonderen Lernmechanismus des Gehirns. Die Hirnregionen und Hormone sind hierbei universell – es sind dieselben bei Eltern-Kind-Bindung, Paarbindung, gleich- oder gegen-geschlechtlicher Liebe, und sie sind über Arten hinweg konserviert.

Die Liebesforschung hat auch eine Überraschung preisgegeben: nämlich dass Sucht die Mechanismen der Liebe missbraucht – nur dass eine Substanz dann die oder den Geliebten ersetzt. Bei Suchtentwicklung findet selbst auf molekularer Ebene derselbe Umbau unserer Belohnungszentren statt wie beim Entstehen einer Bindung. Auch der Entzug ist ähnlich, und bei Liebeskummer müssen wir wohl kläglich darauf warten, bis unser Hirn sich endlich entwöhnt hat. Suchtentzugsbehandlungen durch die Liebeshormone OT und AVP werden derzeit geprüft. Vielleicht auch ein Lichtblick für unglücklich Verliebte.

Ein einziges Gen (z.B. welches den Rezeptor für OT oder AVP im Belohnungssystem codiert), kann den Unterschied zwischen Arten machen, die befähigt sind, Paarbindungen einzugehen (drei bis fünf Prozent der Wirbeltierarten), und solchen, die das nicht sind. Übertragung dieses Gens von einer Art zu einer anderen kann die zweite Art von einsamen Wölfen in knuddlige Romantiker verwandeln.

Individuelle Unterschiede unserer Bindungsfähigkeit gehen auf denselben Mechanismus zurück, allerdings in anderen Hirnarealen im limbischen System. Genetische Unterschiede, aber auch Lebenserfahrung, vor allem während der Kindheit, können dort die Dichte der Liebeshormonrezeptoren beeinflussen, was verschiedenste Aspekte unseres Sozialverhaltens beeinflusst. Beispielsweise kann eine einzige genetische Variation des menschlichen AVP-Rezeptors die Heiratschancen halbieren und die Häufigkeit von Beziehungskrisen verdoppeln. Kinder, die wenig Liebe erfahren, haben später weniger Liebeshormone im Blut. Im Labor konnte man nachweisen, dass Tiere, die als Babys mehr Aufmerksamkeit und Liebe erfahren haben, mehr OT-Rezeptoren im Hirn bilden und als Erwachsene mehr Zeit mit ihren Kindern und Partner verbringen.

Liebe führt deshalb zu Liebe, und Liebesmangel in einer Familie oder in einer Gesellschaft kann, tragischerweise, auf die nächste Generation übertragen werden – über Gene ebenso wie über Erfahrung.

Der evolutionäre Ursprung der Liebe

Auch die dunklen Seiten unserer Psyche werden durch Liebesmechanismen beeinflusst. Aggression gegen Näherungsversuche anderer und zum Schutz des Partners oder der eigenen Nachfahren sind durch dieselben „Liebeshormone“ und Dopamin gesteuert. Liebeshormone fördern auch sozialen Ausschluss, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Egoismus. Dies kann dadurch erklärt werden, dass der Liebesmechanismus auch unser Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Rasse vermittelt – was auch bedeutet, zu wissen und zu zeigen, wer eben nicht dazu gehört.

Der evolutionäre Ursprung der Liebe ist offen. Er verleitet mich zu der Spekulation, dass die Entstehung der Bindungsmechanismen nicht nur mit der Geburt unterentwickelter Babys ko-evolviert ist, sondern auch der evolutionäre Schlüssel zu Lernfähigkeit und Intelligenz war. Denn nur liebesfähige Arten ziehen ihre Nachkommen auf, können es sich leisten, sie entsprechend unterentwickelt zur Welt zu bringen. Dies führt zwingend zu intensiver, langandauernder Kommunikation, insbesondere während kritischer Perioden der Hirnentwicklung. Liebe ist daher direkt mit unserer Lernfähigkeit verbunden und mit der riesigen Hirngröße liebesfähiger Arten. Ein größeres Hirn bedingt wiederum frühere Geburt, was wiederum mehr Lernfähigkeit erfordert.

Liebe erwirkt ein enorm komplexes Sozialleben, was neue Hirnstrukturen verlangt. Liebe führt auch zu völlig neuen evolutionären Auswahlkriterien der Partnerwahl, pro-sozialem Verhalten, Fairness und Vertrauen, und damit einhergehend zu Täuschung, Ausschluss, und der Fähigkeit, sich in andere hineinversetzen zu können.

Liebe ist daher nicht nur die treibende Kraft hinter unseren Lebensleistungen, sondern auch der evolutionäre Motor unserer Hirngröße, Intelligenz und Kultur.

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