Dialektik der Doppelmoral

von Andreas Backhaus13.08.2014Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Aufklärung wird vorwiegend durch die ewigen Relativierer bedroht, die bereitwillig jede moralische Verdrehung mitmachen.

Nur wenige Tage nach den größten antisemitischen Ausschreitungen in der deutschen Öffentlichkeit seit Jahrzehnten verrennt sich die Debatte wie gewohnt in Nebenschauplätzen, u.a. dem, inwiefern der Islam für den Antisemitismus verantwortlich gemacht werden könne. Man darf vermuten, dass dieses Abdriften von einigen Akteuren durchaus gewollt ist, kann man doch mit lautstarker Empörung über Islamophobie trefflich von den wahren problematischen Sachverhalten ablenken. Die Frage aber, ob der Antisemitismus eher durch den Moscheebesuch, in den Familien, oder unter dem Einfluss der Medien herangezüchtet wurde, ist für das Ergebnis erst einmal irrelevant. Im Deutschen Reich gab es viele christliche Antisemiten, während die NS-Führungsriege bekanntlich nicht aus Kirchgängern bestand.

Die absehbare Reaktion des linksliberalen Establishments auf die Ereignisse ließ nicht lange auf sich warten: Unter anderem versucht ein pseudo-aufklärerisches Weichspülprogramm zu behaupten, es gäbe ja allgemein viel Fremdenfeindlichkeit und alles sei doch irgendwie gleich schlimm – was natürlich implizieren soll, dass der Antisemitismus nahöstlicher Zuwanderergesellschaften nichts außergewöhnliches sei und daher auch keiner gesonderten Betrachtung bedürfe. Diese Behauptung ist schlicht falsch: Wenn ein Deutschgrieche Gehässigkeiten aufgrund der griechischen Finanzpolitik erdulden muss, spielt dieser Vorgang in einer völlig anderen Liga als die Vernichtungsphantasien gegenüber Israel und die mittlerweile völlig ohne Scham auf deutschem Boden geäußerte Verdrehung, die Juden seien an die Stelle der Nazis getreten. Wer hier zu relativieren versucht, ist schon auf einem guten Wege, alles zu verraten, was in Deutschland nach 1945 mühsam aufgebaut worden ist.

Anschein eines hohen Moralempfindens

Außerdem gibt es schockierende Neuigkeiten für die Paternalisten: Wenn man Deutscher mit Migrationshintergrund ist, kann es glatt passieren, dass man gegenüber der ein oder anderen Facette der griechischen, türkischen, oder arabischen Mentalität und Kultur genau dieselbe Abneigung entwickelt wie die ach so rassistischen Biodeutschen – nicht aus Selbsthass, sondern gerade weil man durch die eigene Herkunft einen besseren Einblick in die Schwächen und Selbsttäuschungen anderer Gesellschaften erhalten hat. Dass es gerade diejenigen Muslime sind, die eine kritische Distanz zu dem Umfeld entwickelt haben, in dem sie aufgewachsen sind, welche nun kein Problem damit haben, das Kind beim Namen zu nennen, ist nur folgerichtig.

Die Anklagen gegen Israel aufgrund der zivilen Opfer im Gazastreifen sollen den Anschein eines hohen Moralempfindens unter den Demonstranten erwecken und gleichzeitig an das moralische Gewissen der übrigen Öffentlichkeit appellieren. Parallel dazu werden Fragen wie die, warum die den Gazastreifen regierende Terrororganisation Hamas zum wiederholten Male einen Krieg mit Israel vom Zaun gebrochen hat, wenn doch vorher schon feststand, dass dies nur viele tote Zivilisten in Gaza zur Folge haben kann, als unmoralisch gebrandmarkt, denn sie wecken schließlich Zweifel an der Legitimität des Ummünzens von Leid in Hass.

Doppelte Falle der politischen Korrektheit

Um zu erkennen, dass hier eine Moral behauptet wird, die schlicht nicht vorhanden ist, muss man nur die Teilnehmerzahlen der Anti-Israel-Demos mit denen der Anti-ISIS- und Anti-Boko-Haram-Demos abgleichen. Eine Moral, die nur dann aktiv wird, wenn eine bestimmte Kombination von Opfern und Tätern vorliegt (unabhängig davon, ob die vermeintlichen Täter sich im Rahmen des Völkerrechts verteidigen), sich aber sonst nicht hinter dem Ofen hervorlocken lässt, ist keine. Das Gleiche gilt für eine Moral, die sich über Rassismus beklagt, wenn die Schweiz den Bau von Minaretten verbietet, aber schweigt, wenn eine islamistische Terrororganisation Moscheen als Raketenlager benutzt. Eine vorgeblich menschenfreundliche Moral wird nur in den Momenten konstruiert, in denen man etwas durch sie gewinnen kann – auch dies ist etwas, was einige Muslime nicht erst gestern erkannt haben.

Diese Doppelmoral so persistent und so umfassend geworden, weil man mit ihr so überaus gut durchkommt. Im Westen vergisst man gerne, dass im Rest der Welt und besonders im Nahen Osten eine gewisse ethische Beschränkung der Mittel und Wege, derer man sich bedienen darf, um seine Ziele zu erreichen, nicht einmal theoretisch vorhanden ist. Stattdessen ist erst einmal alles erlaubt, was einem selbst nützt. Schätzt der Gegenüber das menschliche Leben mehr als man selbst, darf man daher auch einen Krieg beginnen und die eigenen Zivilisten als Schutzschilde benutzen, um ihn mit den Bildern der Toten zu manipulieren.

Schaut man sich um, wer diesen Denkweisen besonders willfährig entgegenkommt, so scheint ein guter Teil der Linken hier besonders antwortbereit zu sein, denn er tappt gerne in die – nennen wir sie: doppelte Falle der politischen Korrektheit. Sie schnappt dann zu, wenn der von den Linken verachtete Antisemitismus auch von einem Teil derjenigen Menschen ausgeht, die man bisher auf Grund ihres kulturellen Hintergrunds paternalistisch in Schutz genommen hatte. Dann muss man wählen: Entweder bekämpft man auch ihren Antisemitismus, oder man hält weiter die Hand über sie und stellt den Kampf gegen dieses Phänomen hintan. Alle Rückzugsgefechte der Art, den neu wahrgenommenen Antisemitismus in seinen Ausmaßen herunterzuspielen, oder die deutsche Gesellschaft für ihn verantwortlich zu machen, sind nichts anderes als ein Kneifen vor dieser Grundentscheidung.

Die Doppelmoral der Linken

Ganz nebenbei hat natürlich auch die Linke selbst einiges an Doppelmoral zu bieten. So ist bspw. Alexander Wallasch immer ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, über die von der Linken eindeutig als „böse“ klassifizierte christliche Religion und deren Kirchen herzuziehen

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